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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Verdi ist in einer strategisch schlechten Position"21.12.2015

Tarifstreit bei Amazon"Verdi ist in einer strategisch schlechten Position"

Der Sozialwissenschaftler Stefan Sell glaubt nicht, dass die aktuellen Streiks bei Amazon den Angestellten etwas nutzen. Denn nicht nur sei das Unternehmen an einem Tarifvertrag gar nicht interessiert, auch könne Verdi nicht genügend Druck ausüben, sagte er im DLF. Um Erfolg zu haben, brauche die Gewerkschaft mehr Mitglieder unter den Amazon-Beschäftigten.

Stefan Sell im Gespräch mit Birgid Becker

Streikposten stehen am 31.03.2015 vor dem Tor des Versandzentrums von Amazon in Koblenz (Rheinland-Pfalz). Die Gewerkschaft Ver.di will Amazon zur Aufnahme von Tarifverhandlungen bewegen, zu den besseren Bedingungen des Einzel- und Versandhandels. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
Streik bei Amazon: Die Gewerkschaft Ver.di will das Unternehmen zur Aufnahme von Tarifverhandlungen bewegen, zu den besseren Bedingungen des Einzel- und Versandhandels. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
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Birgid Becker: Auch in der digitalen Shopping-Welt geht es nicht nur heiter zu. Mitten hinein in dieses Last-Minute-Weihnachtsgeschäft hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Arbeitsniederlegungen platziert, bei Amazon an mehreren Standorten: Beginn heute Morgen, bis Heiligabend soll das möglichst dauern. Seit zwei Jahren gibt es diesen Konflikt und das Bemerkenswerte daran ist: Es bewegt sich rein nichts. Damit begrüße ich den Koblenzer Sozialwissenschaftler Stefan Sell. Hallo!

Stefan Sell: Guten Tag, Frau Becker.

Becker: Verdi versus Amazon. Die Gewerkschaft will, dass für die Beschäftigten des Online-Händlers ein anderer, besser dotierter Tarifvertrag zur Anwendung kommt. Das Unternehmen lehnt das ab. Normalerweise geht Tarifpolitik so, dass von der Forderung etwas abgeknapst wird und die Ablehnung etwas aufgeweicht wird. Daraus wird dann ein Kompromiss und es herrscht Friede - normalerweise. Hier aber nicht. Warum?

Sell: Weil es sich hier nicht um einen klassischen Tarifkonflikt handelt, denn die Ausgangslage ist schon eine ganz abweichende. Amazon will überhaupt keinen Tarifvertrag abschließen. Es geht hier also um eine grundsätzliche Ablehnung dieses normalen Tarifgeschäftes. Zugleich ist die Gewerkschaft Verdi damit konfrontiert, dass sie zwar zunehmend Mitglieder gewinnt, aber doch der Organisationsgrad noch im überschaubaren Bereich liegt. Das heißt, die Mehrzahl der Mitarbeiter bei Amazon sind gar nicht gewerkschaftlich organisiert.

Becker: Das heißt, wenn eine Seite zu schwach ist, um die andere Seite zu zwingen, und die andere Seite keinen Grund sieht zum Einlenken, dann ist Tarifpolitik quasi am Ende, dann funktioniert sie nicht?

Sell: Natürlich in der ersten Phase nicht. Was wir hier am Beispiel von Amazon sehen, ist der Versuch von Verdi, über sehr publikumsträchtige Arbeitskampf-Aktionen die Organisierung voranzutreiben, die Beschäftigten zu überzeugen, in die Gewerkschaft einzutreten, um damit die Basis zu vergrößern. Normalerweise, muss man allerdings sagen, ist es so, dass man eigentlich erst dann zu Streiks greift, die ja immer das letzte Mittel eigentlich im Arbeitskampf sein sollten, wenn man über eine ausreichende Organisationsbasis verfügt. Hier versucht Verdi, das Pferd ein wenig von hinten aufzuzäumen.

"Mentale Abneigung gegen jede Form gewerkschaftlicher Einmischung"

Becker: Und das kann, wenn nicht riskant, dann zumindest peinlich werden, wenn man gar nicht weiterkommt. Oder kann man am Ende doch annehmen, dass dieses Kalkül, besser Arbeitskampf, als dass die Amazon-Beschäftigten gar nicht merken, dass es uns gibt, doch noch aufgehen?

Sell: Wie sagt man: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Die Tatsache, dass wir mittlerweile an allen Standorten von Amazon überhaupt Betriebsräte haben, ist ja schon mal ein erster Schritt und sicherlich auch dem Druck von Verdi geschuldet. Das muss man anerkennen. Aber die sind natürlich auch in einer strategisch ganz schlechten Position. Viele wissen, dass Amazon auch jetzt in Polen und in Tschechien, vor allem aber in Polen neue Versandzentren errichtet hat, wo zu deutlich günstigeren Bedingungen gearbeitet werden kann. Die Leute dort verdienen etwa drei Euro in der Stunde; in Deutschland sind das ab zehn Euro aufwärts. Und auch als die Streikaktionen im Juni zum Beispiel hier in Deutschland waren, da müssten die Versandzentren in Polen Extraschichten fahren. Nun gibt es allerdings auch dort erste gewerkschaftliche Aktivitäten, die aber noch embryonaler sind als das, was wir hier in Deutschland haben.

Becker: Vielleicht kommt auch das hinzu, dass eine Gewerkschaft ja in aller Regel damit rechnet, dass ein Unternehmen ein Interesse an soliden Arbeitsbeziehungen mit dem Tarifpartner hat, und das aus ganz egoistischen Motiven. Es kann ja immer mal sein, dass man in schwierigen Zeiten die Vermittlung, einen Vermittler hin zu den Beschäftigten braucht, wenn man entlassen muss, wenn man die Löhne senken will, wenn man einsparen will. Für Amazon scheint Verdi aber völlig uninteressant zu sein?

Sell: Absolut, und hier kommt natürlich die amerikanische Konzern-DNA voll zum Durchbruch. Es ist auch eine mentale Abneigung gegen jede Form gewerkschaftlicher Einmischung - so empfinden das die Amerikaner - in ihre Unternehmensautonomie. Das macht es ja auch so schwierig. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sehen, dass es andere Beispiele gibt, und Verdi muss jetzt nach über zwei Jahren auch die Strategie mal überprüfen. Wir haben ja in anderen Bereichen - denken Sie an die IG Metall; die hat ein ähnliches Problem: Immer mehr Arbeit wird ausgelagert in Werkvertragsunternehmen, wo keine Mitbestimmung ist, geschweige denn bisher Tarifverträge oder schlechtere Tarifverträge. Und die IG Metall, die streikt zwar nicht, nirgendwo, aber sie organisiert in mühsamem Häuserkampf die Beschäftigten, organisiert sie in der IG Metall und Schritt für Schritt versucht sie jetzt, die Tarifverträge in diese ausgelagerten Bereiche auszudehnen, allerdings ohne diese vielen kleinen Streikaktionen, die wir jetzt seit mehreren Jahren bei Amazon beobachten müssen.

"Verdi muss neue Mitglieder organisieren"

Becker: Nun muss man ja fairerweise sagen, dass Verdi nicht in allen Bereichen mit schwachem Organisationsgrad völlig glücklos ist. Bei der Mode-Billigkette Primark hat es geklappt, das Unternehmen in die Tarifbindung reinzuholen, und Primark galt ja nun eindeutig als harter tarifpolitischer Brocken.

Sell: Ja! Hier bei Primark zählt genau Ihr Argument, was Sie vorhin angeführt haben. Dass Primark sich bereit erklärt hat, in die Tarifbindung zu gehen, was ein großer Erfolg für Verdi ist, das hängt mit dem Image zusammen, denn ein großer Teil der Berichterstattung über dieses Unternehmen war in den vergangenen zwei, drei Jahren extrem negativ wegen den Arbeitsbedingungen dort. Das Unternehmen hat, glaube ich, realisiert, dass es einen Vorteil, auch einen wirtschaftlichen Vorteil hat, wenn es jetzt diese Zugeständnisse macht, weil man sich dann als besserer Arbeitgeber auch gegenüber den Kunden verkaufen kann. Amazon ist natürlich eine ganz andere Hausnummer. Die haben so viel Macht und so viel monopolistische Machtstellung mittlerweile in vielen Bereichen, dass sie wohl glauben, sie könnten das auf dem deutschen Markt nicht gebrauchen.

Becker: Kurz zum Schluss: Wenn man Verdi, wenn Sie Verdi raten sollten, wie kommt man aus der Falle heraus?

Sell: Ich glaube tatsächlich, man sollte doch den mühsamen, wirklich sehr mühsamen Weg der weiteren Organisation der Mitarbeiter hier an den Standorten in Deutschland erst mal vorantreiben. Das heißt, wir brauchen erst mal eine kritische Masse. Denn offensichtlich ist die Zahl zu gering, auch bei den Streikenden, dass das Unternehmen das locker wegsteckt. Insofern vielleicht eine Ruhepause und in den Häuserkampf gehen, um neue Mitglieder erst einmal zu organisieren.

Becker: Vielen Dank! - Stefan Sell war das. Er lehrt Sozialwissenschaften am RheinAhrCampus. Einen schönen Tag.

Sell: Danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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