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StartseiteTag für TagConsuelo heißt Trost02.07.2018

Tausende Verschwundene in MexikoConsuelo heißt Trost

Mehr als 35.000 Menschen werden in Mexiko vermisst, mutmaßlich wurden sie Opfer von Drogenkartellen. Die kämpferische Ordensfrau Consuelo Morales kümmert sich um die Familien der Verschwundenen. Für Menschenrechte zu streiten, sei ihre Art des Glaubens, sagt sie.

Von Victoria Eglau

Präsident Enrique Pena Nieto ehrt Consuelo Morales am 10. Dezember 2015 für ihren Einsatz für Menschenrechte (imago stock&people)
Die Augustinerin Consuelo Morales wurde 2015 für ihr Engagement geehrt (imago stock&people)
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Am Stadtrand von Mexikos zweitgrößter Metropole Monterrey betreibt Luz María Durán mit ihrem Mann ein Gewächshaus. Von hier aus brach ihr damals 17-jähriger Sohn Israel an einem Junitag im Jahr 2011 auf, um ein paar Pflanzen auszuliefern - und kam nie mehr zurück.

Sie erzählt: "Ich wusste erst nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Die Behörden haben uns Angehörige von Verschwundenen so behandelt, als würden wir stören oder Probleme verursachen. Und ich wollte doch nur wissen, was meinem Sohn zugestoßen war. Die einzige, die mir bis heute hilft, ist Schwester Consuelo. Sie ist alles für mich, sie versteht mich und gibt mir Kraft. Sie ist immer für uns Angehörige da, sie ist unser Trost."

Sagt die Mutter des verschwundenen Israel über die Nonne Consuelo Morales, deren Name auf Deutsch tatsächlich 'Trost' bedeutet. Luz María Durán weiß heute, dass ein Verkehrspolizist, der für ein Drogenkartell arbeitete, ihren Sohn festgenommen hat. Was danach mit Israel geschah, hat sie bisher nicht rekonstruieren können. Die Justiz wollte den Fall schließen, doch die Mutter hat das nicht zugelassen. Sie will die ganze Wahrheit erfahren.

"Wo sind sie?"

Dabei hilft ihr die Ordensfrau Consuelo Morales. Sie leitet das Menschenrechts-Zentrum CADHAC in Monterrey, der Hauptstadt des Bundesstaates Nuevo León. Morales ist eine kleine, energische Frau mit dunklem Kurzhaarschnitt. Im Vorraum ihres Büros hängt eine Pinnwand mit Fotos überwiegend junger Männer und Frauen - und in der Mitte die Frage: Dónde están? - Wo sind sie?

"Wir denken, dass das Problem der Verschwundenen hier im Jahr 2006 angefangen hat - also zeitgleich mit dem Beginn des Krieges gegen die Drogenkartelle, den die damalige mexikanische Regierung ausgerufen hatte. Plötzlich verschwanden Menschen und ihre Familien suchten sie und keiner hat ihnen weitergeholfen. Schließlich sind sie bei uns gelandet. Für uns war dieses Problem neu und wir fingen quasi bei Null an, um die Familien bei ihrer Suche zu begleiten."

Bilder von Verschwundenen bei CADHAC (Deutschlandradio / Victoria Eglau)Bilder von Verschwundenen bei CADHAC (Deutschlandradio / Victoria Eglau)

CADHAC ist eine Abkürzung und steht für 'Bürger unterstützen Menschenrechte'. Als die heute 70-jährige Nonne eines Augustinerinnen-Ordens das Zentrum 1993 gründete, ahnte sie nicht, dass seine Hauptaufgabe einmal die Suche nach verschwundenen Menschen sein würde. In den ersten Jahren kümmerte sich CADHAC vor allem um Opfer von Misshandlungen durch Polizei und Gefängnispersonal. Aber seit einem Jahrzehnt hat Consuelo Morales tagtäglich mit dem Drama der Verschwundenen zu tun. In ganz Mexiko werden mehr als 35 000 Menschen vermisst.

Die Ordensfrage erinnert sich: "Die ersten Mütter, die zu uns kamen, waren Mütter von Polizeibeamten! Insgesamt zwölf Polizisten verschwanden zwischen 2006 und 2009 in unserem Bundesstaat Nuevo León. Wir glauben, dass sie sich geweigert hatten, mit dem organisierten Verbrechen zusammenzuarbeiten - und von den Kartellen deshalb aus dem Weg geräumt wurden. Sie verschwanden, was in den meisten Fällen bedeutet: Sie wurden gefoltert und ermordet."

Die Kartelle haben den Staat infiltriert

Verschwanden anfangs Polizisten, ereilte dieses Schicksal bald alle möglichen Menschen: Arbeiter, Hausfrauen, Techniker oder Taxifahrer. 2012 war das Jahr mit den meisten Verschwundenen in Nuevo León: 378 Menschen wurden mutmaßlich verschleppt - entweder von den Drogenkartellen oder von Polizei-Einheiten, die mittlerweile mit dem organisierten Verbrechen unter einer Decke steckten. Denn Mexikos sogenannter Krieg gegen die Drogen hatte sich als kontraproduktiv erwiesen und vielerorts zu einer Stärkung der Kartelle und zu einer Unterwanderung des Staates geführt. Consuelo Morales:

"Das organisierte Verbrechen hat nicht nur Polizeibehörden infiltriert, sondern auch Institutionen der Regierungen. Außerdem haben die kriminellen Gruppen ihre Aktivitäten ausgeweitet: Zum Drogenhandel sind Menschenhandel, Autodiebstähle, Entführungen und Erpressungen gekommen."

Weil sie sich in diesem Umfeld explodierender Gewalt nicht hat einschüchtern lassen und mit ihrer Menschenrechts-NGO hartnäckig nach den Verschwundenen sucht, ist Consuelo Morales heute in ihrem Land sehr bekannt. Vor drei Jahren ist die Ordensfrau mit Mexikos Nationalem Menschenrechtspreis geehrt worden. Die Auszeichnung erhielt sie auch deshalb, weil CADHAC eine Kooperation mit der Justiz gelungen ist, die zu gewissen Erfolgen geführt hat.

"Am Anfang machten die Justizbehörden total dicht - sie hatten genauso viel Angst wie die ganze Gesellschaft. Zwei Jahre lang erreichten wir nichts. Aber dann fingen wir nach und nach an, gemeinsam mit der Justiz die Fälle durchzugehen. Der Generalstaatsanwalt hat auf einmal guten Willen gezeigt und das hat auch die unteren Ebenen positiv beeinflusst. Es gab aber viele Vorurteile zu überwinden: Wir als NGO fragten uns, ob die Staatsanwaltschaften nicht von Kriminellen unterwandert waren. Die Familien der Verschwundenen hatten zuerst gar kein Vertrauen. Und die Justizvertreter sagten: Warum sollen wir dieser Nonne gegenüber Rechenschaft ablegen?"

"Diese Menschen haben gelernt, entschlossen aufzutreten"

Erreicht hat 'diese Nonne', dass von den mehr als 1 400 Verschwundenen, die CADHAC im Bundesstaat Nuevo León gezählt hat, bis heute gut 170 identifiziert worden sind. Knapp 100 waren ermordet worden, fast 80 wurden lebend gefunden. Außerdem sind eine Reihe von Privatpersonen und Polizisten zu Haftstrafen verurteilt worden, weil sie Menschen verschwinden ließen. Zwar liegt das Schicksal der meisten Vermissten immer noch im Dunkeln - doch ist in Nuevo León dank CADHAC mehr erreicht worden als in anderen Teilen Mexikos. Das Zentrum ist auch ein Ort, am dem sich Angehörige treffen und gegenseitig unterstützen.

"Diese Menschen haben gelernt, mit ihrem riesigen Schmerz zu leben und entschlossen aufzutreten. Der Dialog zwischen den Familien, den Behörden und unserer Organisation hat sich als erfolgreiches Dreieck erwiesen."

Luz María Durán - Mutter des verschwundenen Israel - hält sein Bild in die Kamera (Deutschlandradio / Victoria Eglau)Luz María Durán - Mutter des verschwundenen Israel (Deutschlandradio / Victoria Eglau)

Der Druck von Angehörigen-Gruppen und Menschenrechts-Zentren im ganzen Land hat dazu beigetragen, dass es in Mexiko seit vergangenem Oktober ein Gesetz gegen das Verschwindenlassen von Personen gibt. Unter anderem ist eine nationale Such-Kommission eingerichtet worden, und Consuelo Morales gehört dem sogenannten Bürger-Rat an, der sie kontrollieren und beraten soll. Ihr langjähriges Engagement für die Menschenrechte erklärt die Ordensschwester so:

"Als Nonne habe ich einst eine Glaubenskrise erlebt. Ich fragte mich, ob ich wirklich glaube. Und ich habe diese Frage beantwortet, indem ich mich für die Menschenrechte einsetze - das ist für mich die Verbindung zwischen Glauben und Leben."

*Die Autorin war im Rahmen einer Pressereise des katholischen Hilfswerks Misereor in Mexiko. 

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