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Téa Obreht: „Herzland“
Kamele, Druckmaschinen und Fake News

Der Wilde Westen, frei von Hollywood-Klischees, auferstanden als Land der Kamele, der Geister der Vergangenheit und der Strippenzieher - „Herzland“ ist der zweite Roman des literarischen amerikanischen Wunderkindes Téa Obreht.

Von Michael Schmitt | 12.04.2020

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Téa Obrehts Wilder Westen (Sarah Lachise auf Unsplash.com)
Mythen sind langlebig, sie lassen sich immer neu aufladen, und gerade der Westen der USA und die Vorstellung von der Freiheit, die sich dort finden ließ, scheinen bis heute unendlich belastbar. Soll man "Herzland" also einen Spätwestern nennen? Es ist Téa Obrehts zweiter Roman, er handelt auf mehreren Ebenen parallel von Verlorenen und von Gewinnern im langen Prozess der Aneignung des fernen Südwestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im Besonderen auf dem Gebiet des heutigen Bundesstaates Arizona. Einen Namen hat sich die junge Schriftstellerin mit ihrem mehrfach preisgekrönten Debüt "Die Tigerfrau" im Jahr 2010 gemacht, weil sie darin aus einer ungewöhnlichen, Zeitgeschichte, Anekdoten und Magie verschmelzenden Perspektive vom Bürgerkrieg in Jugoslawien erzählt. So hat sie, geboren 1985 in Belgrad, zunächst ihrer Herkunft ein literarisches Denkmal gesetzt. Mit ähnlich ungewöhnlichen Mitteln wendet sie sich nun dem Land zu, in dem sie seit ihrem zwölften Lebensjahr zuhause ist.
"Herzland", im Original unter dem Titel "Inland" erschienen und von Bernhard Robben ins Deutsche übertragen, lässt keines der wesentlichen Themen aus, die nach landläufiger Auffassung in einen Western gehören, rückt sie aber allesamt in einen Rahmen, der sie gleichermaßen ernst nimmt wie auch ironisiert. Téa Obreht erzählt von einem Banditen, der sich seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts jahrzehntelang verstecken und ständig unterwegs sein muss. Und von einer Frau, die 1893 in einem dahinsiechenden Kaff als Gattin des Herausgebers einer untergehenden lokalen Zeitung lebt, mit drei Söhnen und der begründeten Aussicht, dass schon bald zwanzig Jahre Mühsal nicht mehr als eine von vielen Durchgangsstationen gewesen sein werden, so wie alle Orte, an denen sie schon seit der Kindheit gelebt hat.
Ein Nichts im Meelting Pot
Weder Lurie, der Bandit, der als kleiner Junge mit seinem Vater nach Amerika gekommen ist und bald darauf als Waisenjunge alle Schattenseiten der USA kennen gelernt hat, noch Nora sind Herr oder Herrin ihres Schicksals, beide gehören sie zum Fußvolk, das einer Hoffnung hinterherhinkt, die sich nur für wenige erfüllt hat. Für einen reich gewordenen Rinderbaron etwa, der daher auch die Anstrengungen seiner jungen Jahre feiern kann.
"Texas 1858 (…). Verdammt, was für ein Land. Riesige Weiten Nichts, der Geruch nach Pferden und Regen, der Himmel graugrün, und all das junge Blut dieser Welt aufgewühlt vom Gerede über Sklaverei, Eigenstaatlichkeit und Sezession. Kaum hatte ich meine Stiefel auf diesen Boden gesetzt, wusste ich, ich wollte nicht mehr übers Wasser zurück, nie wieder.
Ich habe mich allen möglichen Leuten angeschlossen. Goldsuchern auf dem Weg nach Kalifornien. Wagemutigen Kerlen, die sich aufmachten, Wege über die Prärien zu finden. Hätte nicht viel gebracht, sich für irgendwas zu entscheiden, also ließ ich mich treiben, arbeitete in Saloons und in der Werkstatt eines Edelsteinprüfers, auch eine Zeitlang im Telegraphenamt, sogar als Stellmacher in St. Joseph. Da hat mich Mister Sonny Asterfield dann überredet, für den Pony Express zu reiten. Gibt keine gefährlichere Arbeit auf der ganzen Welt, mein Junge, hat er gesagt, aber hältst du ein Jahr durch, dann hast du für zehn gelebt.
Und geht es im Leben nicht ebendarum? Zu spüren, dass man lebendig ist?"
In diese Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg, in eine nahezu unerschlossene Gegend, in der sich nach dem Krieg zwischen den USA und Mexiko 1848 so etwas wie staatliche Strukturen erst langsam bilden, führt auch die Geschichte von Lurie, nur eben wie ein Gegenbild zu diesem Rinderbaron. Lurie, der Sohn eines Einwanderers, mit dunkler Haut und einem unaussprechlichen Namen, wird Zeit seines Lebens als fremd und auffällig betrachtet; er ist ein Nichts im großen Melting Pot Amerika und bleibt es auch. Immer wieder hält man ihn mangels genauerer Vorstellungen von seiner Heimat für einen ‘Türken’. Anfangs lebt er mit dem schwer arbeitenden Vater in einem ärmlichen Zimmerchen an der Ostküste; nach dessen Tod verschlägt es den Jungen, zuweilen wie ein Sklave lebend, weit nach Westen, irgendwann auch nach Arizona. In einen Landstrich, der bis heute zentrale Bilder und Geschichten über den wilden Westen beheimatet: hier liegt das legendäre Tombstone, das durch den dubiosen Marschall Wyatt Earp und durch den Revolverhelden Doc Holliday berühmt geworden ist, hier und noch weiter im Westen finden sich die Wüstengebiete und die bizarren Felsformationen, die dem Kino immer wieder die Kulissen für Indianerkriege geliefert haben. Hier sind die Reservate der Navajos und anderer Apachen-Stämme, die schon früh dem Andrang der Weißen weichen mussten. In Obrehts Roman spielen sie aber nur am Rande eine Rolle, als Schatten unter vielen anderen Schattengestalten – das ist ihr von der angelsächsischen Kritik auch vorgehalten worden.
In Arizona spielen sich in Obrehts Roman denn auch wie einer Nussschale alle Konflikte ab, die mit der Entstehung der USA als einem Einwandererland einhergehen. Hier ist Platz für Glücksritter und Desperados, zugleich ist es ein Land, das von den Geistern all der Toten bevölkert wird, die als Siedler, als Abenteurer oder als Goldsucher hier vor die Hunde gegangen sind. Den zentralen Protagonisten dieses Romans stehen sie ständig vor Augen, mal als stumme Zeugen früherer Dramen, mal als Gesprächspartner mit offenen Ohren für Ängste und Sorgen. Téa Obrehts Roman ist sozusagen Geistergeschichte und Western zu gleichen Teilen. Für die Leser heißt das: Manches ist wiederkennbar als Variation bekannter Motive, aber zentrale Verbindungen zwischen den Handlungssträngen werden auch kunstvoll verrätselt, bis zur letzten Seite.
I want to be free
Zunächst aber lässt sie den jungen Lurie, der als Halbwüchsiger an einen Farmer als Arbeitskraft verkauft worden ist, ganz traditionell zum Banditen werden, der sich gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten als "Mattie-Gang" vorübergehend einen zweifelhaften Namen macht.
"Anfangs geschahen unsere Missetaten nur aus Langweile, es waren Raubüberfälle allein dem Namen nach. Straßenhinterhalte, bei denen wir Reisenden auflauerten, die zufällig über die Lichtung kamen, auf der wir um Mitternacht unseren Whiskey tranken. Zusammen hatten wir gerade mal einen Revolver, aus dem seit dem Krieg kein Schuss mehr abgefeuert worden war, aber das wussten unsere Opfer ja nicht.
Ich folgte Donovan aus dem Gebüsch und stand hinter ihm, während er den Lauf auf fette Pfeffersäcke oder brabbelnde Besoffene richtete, hin und wieder auch auf einen Pfaffen, der versuchte, uns gottwärts zu kehren.
(…)
Wir waren schon den ganzen Sommer auf der Flucht, ehe Fahndungsplakate unsere Konterfeis zeigten. In Breton, in Wallis, in den Bayou-Camps stierten uns Kohlezeichnungen mit unseren Namen drunter an, und wir lachten darüber, weil sie uns kein bisschen ähnlich sahen. ‚Dann können wir das Ganze auch gleich richtig angehen‘, sagte Donovan. Also überfielen wir beim nächsten Mal eine Postkutsche und machten den Leuten klar, dass wir die Mattie-Gang waren.
(…)
Auf dem nächsten Plakat hatte sich die Belohnung verdoppelt."
Für kurze Zeit ist das ein Leben in erheblicher Freiheit, denn die drei können anfangs darauf setzen, von der Bevölkerung unterstützt werden, wenn sie sich vor der Justiz aus dem verrufenen Norden verbergen müssen. Das ändert sich, als sie bei einem weiteren Postkutschenüberfall einen Friedensrichter erschießen.
"In Arizona kann einem vieles verziehen werden, nicht aber, dass man einem Friedensrichter das Hirn in den Schoß seiner kleinen Tochter bläst."
… heißt es dazu an einer Stelle im Roman. Von da an werden die drei erbarmungslos gejagt, ein berüchtigter Marschall sitzt ihnen ständig im Nacken, Lurie verliert seine Kumpane, er ist nirgendwo mehr sicher und entgeht mehrmals nur knapp der Verhaftung. Nur ein Zufall rettet ihn und treibt ihn noch weiter nach Westen – Lurie wird zum Kameltreiber, nimmt Teil an der kurzen Geschichte des 1856 begründeten U.S. Camel Corps, eines Versuchs der Armee, in den Wüsten Arizonas und New Mexicos statt auf Maultiere und Pferde auf Kamele als Reit- und Lasttiere zu setzen.
Mit Kamelen durch den Wilden Westen
Die Geschichte dieses Corps ist ziemlich gut dokumentiert, bis hin zu den Namen einiger Tiere und einiger Hirten, die gemeinsam mit den rund siebzig Kamelen ins Land gebracht werden; Téa Obreht hält sich in diesen Passagen ziemlich genau an bekannte Fakten, passt ihre fiktiven Abenteuer sehr genau in den vorgegebenen Rahmen ein. Ähnlich verfährt sie auch mit einem Mann, der in der amerikanischen Geschichte als Vorbild für die Verbindung von Abenteuerlust, Entdeckerfreude und gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Erfolg gilt, mit Edward Fitzgerald Beale, dem sie ebenfalls eine Rolle im Roman gewährt. Beale kann um die Mitte des 19. Jahrhunderts als ein prototypischer Aufsteiger gelten, mal Abenteurer, mal Soldat, mal Diplomat in Europa. Gegen Ende seines Lebens ist er Besitzer eine der größten Farmen der USA und ein Gesellschaftslöwe in Washington, mit einem großen Anwesen unmittelbar gegenüber dem Weißen Haus. Seinen frühen Ruhm hat Beale sich als Kriegsheld gegen die Mexikaner 1848 und als ausgezeichneter Kenner des amerikanischen Südwestens in den Fünfzigern des 19. Jahrhunderts erworben. Einige der Kamele des aufgelösten Camel Corps gehen in seinen Besitz über und nehmen an seinen Expeditionen teil; im Roman heißt das: Lurie wird zum Kameltreiber im Schatten eines überlebensgroßen Mannes. Er gerät in Schießereien mit Trappern, trifft auf Siedlertrupps, die in der Wüste überfallen wurden, findet die Überreste von Ermordeten. Er versteckt sich unter den Lebenden und begegnet, nicht zum ersten Mal in diesem Roman, den Geistern der Toten.
"Die Wölfe hatten sich in die Felsen zurückgezogen, aber wir konnten ihre Augen sehen, als wir die Gräber aushoben. Nachdem Mico die letzte Leiche in ein Tuch genäht hatte, ging ich ein weiteres Mal die Umgebung ab. Der Grund war mit Papier übersät. Im Geäst eines kleinen Fettbuschgestrüpps gut hundert Schritte abseits hing etwas, das wie Luftschlangen aussah. Da entdeckte ich sie: eine Frau, nackt wie das Land. Sie stand reglos unter den Bäumen, das Haar fiel ihr über die Schultern. Sie schaute mich direkt an.
(…)
Ihr Gesicht und die Schultern waren mit dünnen Schnitten übersät; um den Messerstich in der Brust glänzte Eine schwarze, gespenstische Substanz, die ich für Blut hielt. Auch die anderen Frauen waren da, tiefer unter den Bäumen.
Der alte Mann bückte sich, um am Boden herumzuschaben.
Sie gingen aneinander vorbei, die Mutter, ihre Tochter, auch der Alte – und nach den vielen Jahren, in denen ich Tote sah, fiel mir erst jetzt (…) zum ersten Mal auf, dass ich nie zuvor mehr als einen Toten gleichzeitig gesehen und bislang nicht begriffen hatte, dass sie voneinander nichts wussten."
Einen Friedhof voller Geister von Verblichenen als zentralen Ort der Auseinandersetzung mit der amerikanischen Geschichte hat vor drei Jahren auch George Saunders in "Lincoln im Bardo" gewählt, hat das private Drama von Abraham Lincoln, der seinen verstorbenen Sohn nicht loslassen will mit einem breiten Bild der amerikanischen Gesellschaft zum Wendepunkt des amerikanischen Bürgerkriegs ausgestaltet. Seine Geister aber waren redselig, ein haltlos durcheinander quasselnder Chor, lauter Figuren, denen noch nicht klar ist, dass sie tot sind, sondern sich noch im Leben wähnen.
Die Toten, Geisterwesen und Vertraute
Téa Obreht setzt in ihrem Roman dieses Motiv ganz anders ein. Die Masse der Toten bleibt stumm – fast wie Zombies, Lurie spricht allenfalls mit einem seiner ehemaligen Kumpane aus der Zeit, die sie gemeinsam als Banditen verbracht haben. Vor allem aber lässt sie ihn selbst im Verlauf der Geschichte mehr und mehr zu einem geisterhaften Reiter werden, einer schemenhaften Existenz jenseits der Welt der Neuankömmlinge und der zunehmenden Besiedelung. Als er auch bei den Kameltreibern von Beales Expedition nicht mehr sicher ist, stiehlt Lurie nämlich eines der Kamele und zieht von da an jahrzehntelang alleine weiter -- und wenn er nicht mit dem toten Kumpel spricht, dann eben mit diesem Kamel, das er "Burke" getauft hat.
"Du hast Bohlenkarren gezogen, Holzladungen, eine Gatling. Und du hast Schienen für Männer geschleppt, die Bahngleise verlegten, Kohle für Bergarbeiter, Büffelknochen für die Ciboleros, Salz für Salzverkäufer. Vor allem aber hast du, gemäß deiner wahren Natur, Wasser für jene geschleppt, die am weitesten davon entfernt waren. Wie wundersam, dass du, der Wasser so selten braucht, dich ideal dafür eignest, es den Durstigen zu bringen. Du hast Goldschürfern und Bergarbeitern Fässer voller Leben gebracht, kleinen Städten, deren Brunnen versauert waren, verirrten Trecks, durstigen Desperados. Halb in Bäumen aufgeknüpfte Menschen wollten unser Wasser, und auch die uns folgenden Geister wollten es, als wüssten sie, dass sie in Greifnähe der Erlösung gestorben waren. Überall in der Mohave (…)
und entlang des Colorado kannte man uns."
Zeit der Bitterkeit
Diese endlosen Wanderungen, besser gesagt: diese auf Dauer gestellte Flucht, führt Lurie schließlich auch an den Ort, an dem im Jahr 1893 Nora, eine Frau Mitte Dreißig, am Rande eines sterbenden Silberminen- oder Goldgräberstädtchens fürchten muss, dass zwei Jahrzehnte Ehe und Aufbauarbeit womöglich vergeudet sind. Als kleines Mädchen hat sie das ärmliche Farmleben unweit des Missouri kennen gelernt, als junge Frau hat sie ihren Gatten Emmett getroffen, zunächst als kräftigen gutaussehenden Arbeiter, später dann als einen Mann mit Ehrgeiz und Glücksrittergesinnung. Mit ihm gemeinsam ist nach Westen gegangen, wo sich Emmett an vielen trübseligen Orten als Lehrer versucht, aber nirgends Fuß fassen kann.
Schließlich landen sie in dem kleinen Kaff namens Amargo, wo Emmett als stolzer Besitzer einer Druckmaschine eine lokale Zeitung gründet. Einen Ort dieses Namens gibt es in New Mexico noch heute, nicht allzu weit weg von Albuquerque. "Amargo" ist ein spanisches Wort und bedeutet "bitter" – und genauso fühlt sich das Leben denn auch an, das Nora und Emmett führen. Es ist die Verlängerung von allem, was Nora vertraut ist: Geschichten über die Grausamkeiten von Indianer einerseits - und substanzlose Verheißungen von einem weniger rauen Lebens in Städten, die jedoch
"Die Euphemismen, die jedes Gespräch, jeden Artikel beherrschten, förderten die lokalen Illusionen: Frauen ‚gingen auf Kur‘, Männer ‚erquickten sich an frischer Luft‘, und Leser ‚disputierten‘ die Maisernte oder auch nicht. Ausnahmen wurden einzig für erlittenen Kummer durch Indianer gemacht, und in dieser Hinsicht waren Zeitung wie Gespräch ziemlich explizit. Als Nora fünf Jahre alt wurde, war ihr längst jedes nur erdenkliche Gemetzel geschildert worden; und sie hatte so viel Zeit damit zugebracht, sich skalpierte, ausgeweidete, über die Prärie verstreute Leichen vorzustellen, dass es ihr kaum mehr gelang, die großen von jenen kleineren Vorfällen zu trennen, bei denen sie selbst zugegen gewesen war."
Téa Obreht fasst Noras ganzes Leben in einen einzigen Tag zusammen, in Erinnerungen, in Gesprächen mit den wenigen Menschen, zu denen sie Kontakt hat. Eine lange Trockenheit hat den gesamten Landstrich verdorren lassen; der letzte Wasservorrat und die Lebensmittelreserven sind durch einen rätselhaften Einbruch in ihre Scheune zerstört worden. Ihr Mann Emmett, der ausgeritten ist, um irgendwo Wasser zu kaufen, ist seit Tagen überfällig, und auch die beiden älteren Söhne, die dem Vater normalerweise in der Druckerei zur Hand gehen, sind verschwunden. Nora ist allein mit ihrem jüngsten Sohn und einem jungen Dienstmädchen, das wenig anstellig ist, aber von einem Monster redet, dass für die Zerstörungen auf der Farm verantwortlich sei.
Die neue Zeit und die neuen Herren des Landes
Wenn in "Herzland" von Nora die Rede ist, dann zugleich von einem Prozess der Besiedelung und Strukturierung des Westens, an dem Lurie keinen Anteil hat. Die Abenteurer haben die Wege gebahnt, Goldgräber haben ihr Glück versucht, das Militär hat die Indianer in die Reservate verbannt, dann erst rückt die Zivilisation nach – oder dass, was als Zivilisation bezeichnet wird. Arizona kurz vor der Wende zum 19. Jahrhundert ist noch kein offizieller Bundesstaat der USA – dazu wird das Land erst 1912. Es ist vor allem eine Gegend, in der Großgrundbesitzer und Rinderbarone das Land und die Macht an sich gerissen haben, wo kleine Städtchen miteinander um Verwaltungssitze und um Infrastruktur konkurrieren, wo schlechtgemachte Zeitungen um die Vorherrschaft bei der Verbreitung einer öffentlichen Meinung kämpfen, die meist nichts anderes ist als der Ausdruck der Interessen einiger weniger. Schnell wird klar, dass Nora und ihr Mann in diesem Ringen zu den Verlierern gehören werden. Als Nora vom örtlichen Sheriff aufgesucht wird, weil ihr Mann möglicherweise von seinen Feinden umgebracht worden ist und ihre beiden Söhne im Verdacht stehen, sich dafür an einer rivalisierenden Familie blutig gerächt zu haben, wird ihr klar gemacht, worin der Unterschied zu früheren Zeiten genau zu erkennen ist:
"Harlan stand neben ihr und steckte seine Pfeife an. ‚Vor zehn Jahren waren es unsichtbare Lichtblitze, die uns den Atem verschlugen. Worte, die in einem derart unglaublichen Tempo übertragen wurden, dass man auf der einen Seite des Landes nur was aufzuschreiben brauchte, damit es zweitausend Meilen weit wiederauftauchte, fast so schnell wie die Gedanken selbst.‘
(…)
Viele Jahre lang hatte Harlan diesen Trupps unentwegter Männer nachgesehen, die Telegraphenmasten setzten. Holz und Draht, die auf einen Schlag den ganzen Horizont menschlichen Denkens veränderten. Verblüfft hatte er sich gefragt, was wohl noch kommen mochte. Was noch alles möglich war. ‚Und jetzt!‘ Er zeigte auf den Lebensmittelladen. ‚Die menschliche Stimme.‘
Nora dachte nach. Wie es schien, verging kaum ein Tag, an dem die Zeitungen nicht irgendeine bemerkenswerte Entdeckung vermeldeten, die Wahrheiten auf den Kopf stellte oder die Annehmlichkeiten des Lebens beförderte."
Diese neue Welt, mit der ein Mensch wie Nora nur wenig und Lurie, der Geisterreiter, gar nichts verbindet, nimmt beiden dennoch die Luft zum Atmen. Als Lurie jung war, war ein schlecht gezeichnetes und genauso schlecht gedrucktes Fahndungsplakat der beste Schutz vor der Justiz. In Zeiten der Telegraphie, der Eisenbahn und des Telefons ist es damit vorbei, so wie mit der Aura und dem mythischen Glanz der Freiheit. Gekommen sind die Strippenzieher, die einer durch die schlechten Nachrichten verunsicherten Frau ein Angebot machen, dass sie, von Ängsten gepeinigt, kaum ablehnen kann: Man zeigt ihr einen Brief, den ihr Mann Emmett angeblich in Kalifornien aufgesetzt hat, wo er, wie es heißt, ein neues Leben beginnen möchte, und bietet ihr ein kleines Vermögen für die Druckmaschine und für das Einstellen der Zeitung, die sich der neuen Zeit in den Weg gestellt habe. Ob das eine fingierte Sache ist, ob man ihr möglicherweise nur "fake news" präsentiert, mit denen sie manipuliert werden soll, ist für Nora in dem Moment kaum zu entscheiden - ob ihr Mann umgebracht worden ist oder sie verlassen hat, beides wäre für sie gleichermaßen fatal. Aber auf dieser möglichen Desinformation baut ein ganzes umfassendes Konstrukt der Gegner ihres Manns auf. Man bietet ihr nicht nur viel Geld an, sondern auch noch ein Geschäft darüber hinaus: Wenn sie die 3.000 Dollar annehme, werde man auch auf die Strafverfolgung ihrer beiden Söhne verzichten - dann bliebe ihnen erspart, was Verbrecher wie Lurie in einer vergangenen Epoche durchlitten haben.
In Arizona, so scheint es, hat sich alles und hat sich nichts verändert: An die Stelle von Banditen, schießwütigen Marschalls, Goldgräbern und Silberminenarbeitern sind redegewandte Männer getreten, aber eine allem zugrunde liegende Gesetzlosigkeit ist geblieben. Was früher ein Colt geregelt hat, regelt nun vielleicht ein Deal – ein Schelm wer dabei nicht an die Gegenwart der Präsidentschaft von Donald Trump denkt.
Aber "Herzland" ist ungeachtet dieses Resümees kein Roman, der explizit moralische Werte diskutierten soll. Téa Obrehts Thema sind der Gang der Zeit und die vielen Wege, auf denen die vergehende Zeit die Menschen mit sich schleift. Denn eins eint sie fast alle: Lurie, der im Verborgenen lebt, Josie, das unglückliche Hausmädchen, das gelegentlich als Medium fungiert, aber nur in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft schauen kann, und Nora, die ihren Alltag im Dauerdialog mit einer Tochter verbringt, deren Tod im Säuglingsalter sie durch einen unglücklichen Zufall selbst verschuldet hat. Sie tragen die Toten mit sich, aber nicht das Leben und nicht das Kommende -- davon werden sie immer nur überrannt. Sie tragen an einer Bürde, das treibt sie immer weiter, weg von den Orten, an denen sie dem Tod schon begegnet sind, zu anderen Orten, wo der Tod vermutlich schon wieder auf sie wartet. Was ihnen als Zuflucht bleibt, sagt Lurie seinem Kamel irgendwann ganz ausdrücklich:
"Doch jeder Tag, den wir weiterziehen, ist Heimat für mich."
Bei sich selbst sind sie alle nur im Zustand der Ruhelosigkeit, während hinter ihrem Rücken nichts bleibt, wie sie es zurückgelassen haben. So mischt Téa Obreht präzise Details und umfassenden Entwurf, Historie und Humor, Magie und Fatalismus zu einer melancholischen Geschichte vom Untergang einer Illusion.
Téa Obreht: "Herzland"
aus dem Englischen von Bernhard Robben
Rowohlt Berlin). 512 Seiten, 24 Euro.