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StartseiteTag für TagDie neue Unmündigkeit20.07.2020

Technik und Digitalisierung in Zeiten von CoronaDie neue Unmündigkeit

Corona hat viele unserer Alltagsroutinen verändert. Wo Abstandhalten angesagt ist, haben technische Hilfsmittel wie Videokonferenzen Einzug gehalten. Das ist praktisch, wirft aber auch ethische Fragen auf. Macht der Mensch sich unmündig?

Von Burkhard Schäfers

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Ein Mann winkt einer Freundin im Videochat zu. (Eyeem / Case Mosely)
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"Wenn ich mir vorstelle, die Pandemie wäre vor 30, 40 Jahren gekommen und wir hätten damals im Homeoffice gesessen, hätten wir Festnetztelefon gehabt und für Datentransfer den Postversand von ausgedruckten oder beschriebenen Papieren."

Armin Grunwald beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Verhältnis von Mensch und Technik. Er lehrt als Professor für Technikphilosophie am Karlsruher Institut für Technologie und leitet das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag.

"Technik hat immer schon zum Menschen gehört. Manche Anthropologen sagen sogar, Menschwerdung in der Geschichte hat auch etwas mit Technikeinsatz und dann später auch mit Technikgestaltung, mit Instrumenten, Werkzeugen und so weiter zu tun. Von daher kann ich mir die Menschheitsgeschichte und auch den Menschen ohne Technik gar nicht vorstellen."

"Videokonferenzen sind völlig konservativ"

Um sich vor Ansteckung zu schützen, treffen sich Menschen häufiger via Bildschirm mit anderen, denen sie früher gegenübergesessen hätten. Das wird nach der Pandemie wohl vermehrt erhalten bleiben. Denn Videokonferenzen sind günstig, zeitsparend und umweltfreundlich. Aber Technikphilosoph Grunwald sieht auch die Kehrseite:

"Videokonferenzen sind in sozialer Hinsicht völlig konservativ. Man lernt dadurch keine neuen Menschen kennen. Das Kennenlernen erfolgt auf einer richtigen Konferenz, wo man beim Kaffee oder abends beim Bier auch mal Gespräche jenseits des Bildschirms führen kann. Dann lernt man neue Menschen kennen – und das gilt auch ähnlich für den privaten Bereich."

"Virtual Reality wird der Standard werden"

Nichtsdestotrotz durchdringt digitale Technik den Alltag mehr und mehr. Das liegt auch am Fortschritt im Bereich virtuelle Realität – kurz VR. Florian Wenks Firma Vision Me entwickelt VR-Programme, mit denen Interessierte am Computer Wohnungen besichtigen können. Dreidimensional, ohne sich vom eigenen Sofa wegbewegen zu müssen.

"Man kann Möbel verschieben, Lampen umstellen, Bodenbeläge wechseln, Wandbekleidung tauschen. Es geht darum, dem Kunden eine Möglichkeit zu bieten, seine Traumimmobilie einzurichten, zu gestalten."

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Und so könnten Käufer, Mieter und Makler einiges an Zeit sparen, sagt die Hannoveraner Firma. Mittels App und VR-Brille können sie im Maßstab eins zu eins virtuell durch Wohnungen spazieren oder schauen, ob ihnen der Blick vom Balkon gefällt. Wenk vermutet, dass in den kommenden Jahren reale und virtuelle Welt stärker zusammenwachsen. Nicht nur in der Immobilienwirtschaft, sondern auf verschiedenen Feldern.

"Ich glaube, das wird der Standard werden, gerade was Visualisierung anbetrifft. Aber ich könnte es auch gut verstehen, wenn es irgendwann eine Bewegung gibt, die sagt: Das ist einfach zu viel, ich will wieder zurück zum Menschsein. Ich sehe das sehr wohl skeptisch, bin aber auch technologieverliebt – das ist zweischneidig bei mir."

"Technik fräst sich in unseren Alltag"

Zum Leben gehören Smartphones, Webcams, Sprachassistenten wie Alexa und Siri, die knapp ein Drittel der Deutschen nutzen. Digitalkonzerne kennen sehr genau unsere Interessen und finanziellen Möglichkeiten. Die evangelische Theologin Kristin Merle treibt die Frage um, was aus unserer Privatsphäre wird.

"Technik fräst sich mit Überwachungsinstrumenten, wenn man es so sagen will, in unseren Alltag. Und es ist insofern sehr wichtig, dass wir Freiräume behalten, die nicht durch Sprachassistenten beobachtet werden oder durch Smartwatches kontrolliert."

Kristin Merle ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Hamburg. Sie forscht zum digitalen Wandel und seinen Folgen für Religion und Öffentlichkeit.

"Das Private ist deshalb wichtig, weil es uns vom Scheinwerferlicht des Öffentlichen auf unser Leben entlastet. Das Private ist ein Ort der Rekreation. Und deshalb ist es auch ein Bereich, auf den von außen nicht eingegriffen werden darf."

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Die Theologin versteht das Private als Ort, an dem die Menschen ihren Akku aufladen können. Damit sie sich anschließend wieder öffentlich einbringen, die Gesellschaft gestalten können. Das sei auch Aufgabe der Religionen. Die sich im Übrigen ebenfalls durch den technologischen Wandel veränderten, so Merle:

"Es hat vor Corona natürlich auch schon Angebote gegeben: Apps zur Meditation, Twitter-Andachten, Online-Gedenkseiten und -Friedhöfe. Das sind alles Möglichkeiten, die religiös Interessierten dazu dienen, unter den Bedingungen unserer Zeit – das heißt flexibel, passager, zeitlich begrenzt und in der Regel weitgehend ohne institutionelle Verpflichtung – sich mit ihren Lebensfragen auseinanderzusetzen."

Die Kirchen müssen mehr Dialog wagen

Merle kritisiert, dass die Kirchen digitale Möglichkeiten teilweise nur im Sinne einer Einbahnstraßen-Kommunikation nutzten. Den damit einhergehenden kulturellen Wandel hätten sie noch nicht so richtig erkannt.

"Interessant und wichtig zu sehen ist, was jenseits der technischen Verwendung dieser neuen Möglichkeiten mit Religion und Kommunikation passiert. Wir sind alle mehr oder weniger in diese digitalen kommunikativen Zusammenhänge eingeübt. Und wir stellen infolgedessen entsprechende Erwartungen eben auch an andere Kommunikationskontexte. Also mehr Kommunikation, mehr Dialog, mehr Teilhabe, mehr Mitbestimmung. Das verändert natürlich auch Religion und Kirche, und das wäre ja auch sehr wünschenswert."

Ob Technik den Menschen dient oder ihnen schadet, hängt davon ab wie man sie einsetzt. Technikphilosoph Armin Grunwald sieht im digitalen Wandel viele Vorteile. Andererseits trage es nicht zum guten Leben bei, sämtliche Aufgaben an Maschinen auszulagern – von der Hausarbeit bis zum Job:

"Es wird ja mit der Bequemlichkeit von Menschen stark Werbung betrieben. Und am Ende steht so ein Menschenbild dahinter, dass der Mensch am liebsten auf dem Sofa liegt, Pralinen isst und seine Maschine befehligt, was sie alles für ihn Nettes tun soll. Das nannte man früher Schlaraffenland. Wenn ich mir das so vorstelle, dann kippt die Geschichte irgendwann, dann ist es keine Verheißung mehr, sondern wird zum Horrorbild."

Die Gesellschaft muss also ihr Verhältnis von Nähe und Distanz zur Technik immer wieder neu ausloten. Damit der Mensch nicht in eine neue Unmündigkeit gerät.
 

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