Dienstag, 16. August 2022

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Tehrangeles
Exil-Iraner, Teherans Atomprogramm und Obama

Für Exil-Iraner in den USA ist das Verhältnis zwischen Obama und Teheran von existenzieller Bedeutung: Sie haben ihre Heimat nach der islamischen Revolution verlassen und in den USA ein neues Zuhause gefunden. Viele von ihnen leben in "Tehrangeles", eine Gegend im Westen von Los Angeles. Die Auswanderer sehen ihre Heimat zwar kritisch, doch finden sie nicht zwangsläufig die Politik der USA gegenüber dem Iran gut.

Von Wolfgang Stuflesser | 14.03.2015

    Im Lebensmittelladen "Jordan Market" am Westwood Boulevard ist viel Betrieb in diesen Tagen: Bald wird das iranische Neujahrsfest gefeiert, dafür kaufen die iranischstämmigen Amerikaner Lammfleisch, Gemüse und auch Blumen ein. Saba Hopkins, 37 Jahre alt, ist mit ihrer kleinen Tochter hier:
    "Mein Mann ist Amerikaner, doch ich will, dass meine Tochter auch die persischen Feiertage kennenlernt. Wir haben eine Hyazinthe gekauft, auf Farsi heißt sie 'Sombol' und ist eins der sieben Dinge, die auf den Neujahrstisch gehören."
    Saba Hopkins ist in Kanada geboren, ihre Eltern mussten aufgrund ihrer Religion aus dem Iran fliehen, erzählt sie. Natürlich verfolge sie die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm aufmerksam.
    "Ich glaube, Obama tut das Richtige, indem er den Weg für Verhandlungen offen hält und das Problem ohne Waffengewalt lösen will. Die Leute im Iran wollen genauso sehr, dass diese Verhandlungen friedlich enden, wie die Leute hier. Wir sind des Kämpfens und der Kriege müde."
    Den Brief der 47 republikanischen Senatoren, in dem diese die politische Führung des Iran davor warnen, dass ein Abkommen mit Präsident Obama nach dessen Amtsende 2016, nichts mehr Wert wäre, sieht sie als einen Akt des Landesverrats.
    "Obama bemüht sich, und wenn er die Unterstützung des Parlaments hätte, wäre er wesentlich erfolgreicher. Ich weiß nicht, ob die Verhandlungen am Ende zum Ziel führen oder was im Iran passieren wird - aber wir hoffen und wir beten für einen guten Ausgang, weil es das Beste für uns alle wäre."
    Draußen auf dem Westwood Boulevard haben die Autos zwar kalifornische Nummernschilder, doch an vielen Geschäften hängt der Name auf Farsi, in einer Schrift, die dem Arabischen sehr ähnelt. Geschätzt 7 bis 800.000 Exil-Iraner leben hier. Tehrangeles, das kleine Teheran in Los Angeles, wird dieser Teil im Westen der Millionenmetropole liebevoll genannt und gilt als größte Gemeinschaft von Iranern außerhalb des Iran. Die iranischstämmmigen Amerikaner haben den Ruf, besonders erfolgreich zu sein: Viele sind Ärzte, Anwälte oder Geschäftsleute; die Boutique des iranischen Modedesigners Bijan zum Beispiel ist der Inbegriff des Luxus unter Hollywoodschauspielern und Stars der Musikindustrie. Jim, 50 Jahre, ist Buchhalter, er trägt einen edlen grauen Anzug, hat die Sonnenbrille lässig in die Brusttasche geschoben und ist auf dem Weg zur Mittagspause. Er sei in den 70er-Jahren fürs Studium in die USA gekommen, erzählt er, und dann, nach der islamischen Revolution, habe er nicht mehr zurückgewollt in seine Heimat.
    In all den Jahren habe er, wenn er sich recht erinnere, noch nicht ein Mal dort angerufen, fügt er trotzig hinzu. Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm sieht er durchaus kritisch:
    "Ich denke, wir unterschätzen Irans Stärke. Sie waren acht Jahre mit dem Irak im Krieg und haben sich behauptet - ich glaube, wir hätten keine Chance auf Erfolg, wenn wir dort eine Bodenoffensive starten müssten. Das müssen wir akzeptieren und aufhören, arrogant zu sein."
    Und was hält er von dem Brief der republikanischen Senatoren?
    "Ich weiß, sie hatten wahrscheinlich nicht das Recht dazu. Aber ich glaube auch nicht, dass Obama die Chuzpe hat, oder, wenn man das im Radio sagen darf, die Eier, seine Linie durchzuziehen. Wenn die Senatoren also etwas tun können, um unsere Haltung klarzumachen, ermutige ich sie dazu. Weil ich aus dem Iran stamme, weiß ich, dass die Machthaber dort keinen Pfifferling auf Obama oder die Amerikaner geben. Sie könnten uns von einem Moment auf den anderen bombardieren. Sie spielen mit Obama, und er ist leider zu blöd, das zu sehen."
    Statt dessen könnte er sich eher vorstellen, mit gezielten Geheimdienstaktionen das iranische Regime zu schwächen. Sein Rat an Obama: "Sich mit Leuten zu umgeben, die klüger sind als er."
    Dass Iraner im amerikanischen Exil ihre Heimat kritisch sehen, versteht sich fast von selbst - sonst hätten sie sie ja nicht verlassen oder verlassen müssen. Doch das heißt noch lange nicht, dass jeder hier die Politik der USA gegenüber dem Iran gut findet.
    Er sei iranischer Amerikaner, sagt Amir. Er kam mit seinen Eltern aus dem Iran, als er 15 war. Jetzt ist er 47 und arbeitet in der Werbebranche. Amir isst gerade mit zwei Kollegen zu Mittag, im Restaurant Attari. Seit den 70ern ist es ein Treffpunkt der iranischen Gemeinschaft. Gerade jetzt in der Mittagszeit sind die kleinen Bistrotische dicht besetzt, über Gerichten wie Lamm in Fladenbrot und der traditionellen Gemüsesuppe Ahsh-e Joe kommen die Gäste ins Gespräch miteinander.
    "Ich wünschte, sie kämen zu einer Übereinkunft bei den Verhandlungen zwischen Iran und USA. Das würde Auswanderern wie uns das Reisen in unsere Heimat erleichtern."
    Den Brief der republikanischen Senatoren sieht Amir kritisch, weil er die Verhandlungen torpedieren könne. Und es sei wichtig, dass weiter verhandelt werde.
    "Wir sehen, was in Kuba passiert ist, und wir sollten diesen Fehler nicht noch mal machen - Jahrzehnte ohne Verhandlungen, Sanktionen - wofür?"
    Auch wenn hier natürlich niemand ein Patentrezept für den Konflikt hat: Dass die Verhandlungen ihnen wichtig sind, merkt man den Leuten an. Amir sagt, er habe gelernt, keine Voraussagen zu machen, wenn es um Iran und USA gehe - aber Hoffnung, die gebe es immer.