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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 12: Unter Polen10.12.2004

Teil 12: Unter Polen

<em>Am 2. Juni 45 waren wir wieder daheim! Ein wehmütiges Gefühl im Herzen beschlich uns. Mit Pferd und Wagen waren wir ausgezogen und als Bettler kehrten wir wieder heim. </em>

Von Friedbert Meurer

Die Freude ist bei Ida Helene Ulm trotzdem groß. Mit ihren beiden Kindern war sie zunächst vor den sowjetischen Truppen ins Sudetenland geflüchtet. Jetzt kehrt sie zurück nach Reesewitz bei Breslau.

Aber an unserem Haus hing schon die polnische Fahne. Welch eine Enttäuschung für uns, die wir uns so auf das Zuhause gefreut hatten! Und nun war es von Fremden besetzt und uns gehörte nichts mehr.

Andere sind gar nicht erst geflohen. Die Familie von Gerhard Hannemann bleibt in Bischofstein im Kreis Rössel in Ostpreußen. Dort erlebt er als zehnjähriger Junge, wie die ersten polnischen Neusiedler eintreffen.

Eigentlich taten sie mir leid. Und etwas Furcht hatten wir vor ihnen auch, denn wir wussten ja, dass sie unser Land nehmen wollten. Sie kamen vereinzelt oder in kleinen Gruppen. Sie hatten nichts dabei, oder einen Beutel auf dem Rücken, das waren jedenfalls ganz arme Leute. Die hatten nur das bei sich, was sie wirklich besaßen.

Für die polnischen Neuankömmlinge wird Wohnraum requiriert. Wer als Deutscher Glück hat, darf zunächst noch mit im Haus wohnen bleiben. Andere müssen innerhalb weniger Minuten sofort ihr Haus räumen und betreten es nie wieder. Alma Jelitte aus dem oberschlesischen Schönwald kommt glimpflich davon.

Drei Polen nahmen unser Haus in Besitz, ein Vater mit Sohn und Tochter. Sie erzählten, sie seien in Ostpolen vertrieben worden. Wir wohnten im ersten Stock, sie zogen im Erdgeschoss ein. Zu uns waren die Polen freundlich und steckten uns manchmal etwas zu.

Andernorts endet die Begegnung zwischen Deutschen und Polen tödlich.

Ein Nachbar wollte die Polen nicht auf den Hof lassen. Er wurde vor den Augen der Familie erschossen.

Erinnert sich Helene Kösters. Sie erlebt, wie polnische Soldaten mit schussbereiten Waffen eine polnische Familie in ihr Elternhaus im oberschlesischen Kreiwitz einquartieren.

Unser Pole war ein Deutschen-Hasser. Schon am anderen Tag versperrte er den Kartoffelkeller. Auch der Speicher, der noch voller Korn lag, wurde verschlossen. Wir sind als Bauernkinder betteln gegangen, damit wir etwas zu essen hatten.

Jetzt haben die Polen die Macht und üben vielerorts Vergeltung für selbst erlittene Vertreibungen. Alle erwachsenen Deutschen müssen zur Kennzeichnung eine weiße Armbinde tragen. Die Oberschlesierin Carola Lommer.

Das kam eben dann als Aufhänger: Deutsche müssen Binde tragen. Das waren Plakate, genauso wie aufgeschrieben war: Deutsche müssen raus. Das waren dann Plakate, die überall gehangen haben. Polen dürfen nicht plündern. Große Plakate. Hielt sich keiner dran.

Wer sich wehrt, läuft Gefahr, erschossen zu werden. Viele werden inhaftiert und misshandelt. Christa Enchelmaier kommt in ein polnisches Arbeitslager und erlebt die Hölle. Schon der Weg zum Lager wird zum Spießrutenlauf.

Mutter sagte dem polnischen Lagerleiter, dass sie zwei kleine Kinder hätte und bat ihn, nicht jeden Tag von morgens früh bis spät in die Nacht arbeiten zu müssen. Sie wollte ihre Kinder nicht so lange alleine lassen. Darauf antwortete er, wenn es ihr so nicht passt, könnten sie die Kinder jederzeit in ein polnisches Heim bringen, dann wäre sie die Sorge um ihre kleinen Kinder los. Von da an fingen sie an, sie zu traktieren.

Aber es gibt auch Menschlichkeit. Polen setzen sich für Deutsche ein. So hat es der damals 15-jährige Kurt Müller erlebt:

In den Vortagen, vor unserer Flucht aus Posen, kamen unsere polnischen Nachbarn aus unserem Haus zur Mama und versuchten, sie zu beruhigen und versicherten ihr, uns würde nichts geschehen, wir könnten beruhigt hier bleiben, denn sie würden für uns einstehen. Mama hätte in der schweren Zeit und in ihrer Not ihnen und ihren Kindern viel geholfen und das möchten sie uns doch zu Gute kommen lassen.

Gerüchte machen die Runde. Die Polen würden nicht auf Dauer bleiben, glaubt auch Carola Lommer. Sie kann bis Mitte Juni 1946 im schlesischen Neisse bleiben und will lange Zeit nicht wahrhaben, dass auch sie ihre Heimat verlassen muss.

Wir konnten uns doch nicht vorstellen, dass Schlesien auf einmal nicht mehr Deutsch sein soll. Das haben wir alles nicht begriffen. Das haben wir wirklich nicht begriffen. Wieso? Warum? Wir haben doch nix gemacht. Wieso?

Wieso wir? Das fragt sich auch Charlotte Rosowksy in Schlegel im Glatzer Bergland.

Wie oft hatte ich gesagt: "Wehe uns, wenn wir den Krieg verlieren und die Polen nur das mit uns machen, was wir mit ihnen gemacht haben." Ja freilich, von einer höheren Warte aus gesehen, von Volk zu Volk, und nicht von Mensch zu Mensch, war es eine ausgleichende Gerechtigkeit. Doch welche Tragik ist es - die einen begehen das Unrecht - und ganz andere müssen es büßen.

Manche Deutsche sehen schließlich in der Ausweisung fast eine Erlösung von der Drangsal. Alma Jelitte im oberschlesischen Schönwald aber trifft die Nachricht von der Vertreibung wie ein Keulenschlag.

Am 14. Oktober 1945 früh morgens wurde an die Türen gepoltert. In zehn Minuten muss alles abmarschbereit sein, hieß die Anweisung. Da sage ich den Kindern: "Betet zum Schutzengel, dass es nicht so schlimm wird!" Das hörte der Milizpole, der dafür zuständig war, uns auf die Straße zu treiben. "Hier hast du deinen Schutzengel!" schrie er und schlug mir seine Faust so kräftig ins Gesicht, dass mir das Blut aus der Nase quoll. Ich schrie und meine beiden Mädchen jammerten.

Der Treck setzt sich in Bewegung Richtung Oder und Neiße. Überall werden im Herbst 1945 die Deutschen zusammengetrieben. Zu ihnen gehört auch Johanna Kuntz aus dem niederschlesischen Biebersdorf bei Glatz.

Auf dem Dorfplatz waren die ersten Familien schon eingetroffen, ihre Habe auf Leiterwägelchen, sie selbst still und ergeben. Es gab ja nur noch Frauen im Dorf und Kinder und Greise. Kaum einer sprach, ein jeder war in sein Leid versunken. Da fing der Lehrer leise zu singen an: "Kein schöner Land in dieser Zeit...". Jetzt löste sich die gespenstische Versteinerung, unter Schluchzen summten und sangen alle mit. Das war der Abschied!

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