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StartseiteDeutschland heuteVom Wert einer Berliner Freifläche26.10.2018

Tempelhofer FeldVom Wert einer Berliner Freifläche

Die Diskussion über die Bebauung des Tempelhofer Feldes ist wieder aufgeflammt. Dabei hatten sich vor gut vier Jahren fast eine Dreiviertelmillion Menschen in einem Volkentscheid gegen eine Bebauung ausgesprochen. Doch die Wohnungsnot in Berlin ist groß - und damit wächst auch der Druck.

Von Manfred Götzke

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Riesendrachen in verschiedenen Formen sind am Himmel über dem Tempelhofer Feld in Berlin zu sehen. (imago / Andreas Gora)
Riesendrachenfestival, Grünflächen, Schafe: das Tempelhofer Feld bietet den Berlinern Platz für Freizeit und Erholung (imago / Andreas Gora)
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Volksentscheid Tempelhofer Feld wird nicht bebaut

Es ist einer dieser sehr warmen Oktobernachmittage auf dem Tempelhofer Feld. Die Sonne steht tief, auf der Wiese üben junge Brasilianerinnen Capoeira, hunderte Menschen liegen auf ihren Decken, lesen, trinken Bier oder Clubmate. Andere lassen Drachen steigen, ziehen auf dem Rollfeld ihre Bahnen auf Inlinern oder flitzen mit ihrem Kite über den Beton.

"Das Tempelhofer Feld ist für die Berliner ein sehr neuer Ort, erst seit 2010 zugänglich und seitdem wird er immer beliebter, an ganz normalen Tagen bei schönem Wetter ohne großes Event kommen hier 70.000 Menschen hin, das ist an keinem anderen Ort in Berlin möglich."

Wie der Central Park in New York

Auch Mareike Witt und Gernot Ziska verbringen diesen Nachmittag auf dem Feld, die beiden Neuköllner sind mehrmals die Woche hier. Sie engagieren sich bei "100 Prozent Tempelhofer Feld". Der Verein hat den Volksentscheid zum Erhalt des gesamten Feldes organisiert. 2014 haben die Berliner mit großer Mehrheit dafür gestimmt. Und das soll auch so bleiben.

"Es würde heute niemand den Vorschlag machen, man müsste dem Tiergarten eine Randbebauung zufügen. Das Tempelhofer Feld hat für mich die Funktion oder die Werthaltigkeit des Central Parks in New York - auch da würde niemand auf die Idee kommen, dort eine Randbebauung zu machen."

Dass jetzt neben der SPD auch wieder CDU und FDP sehr laut über eine teilweise Bebauung dieser riesigen Freifläche nachdenken, ärgert die beiden. Die Politik habe den Wert dieser Freifläche immer noch nicht erkannt. Ausgelöst hat die neue Debatte Michael Müller. Berlins Regierender Bürgermeister war vor dem Volksentscheid damals als Stadtentwicklungssenator treibende Kraft für die teilweise Bebauung des Feldes. Auf einem Empfang der IHK hat er kürzlich klar gemacht: Ginge es nach ihm, bliebt die Freifläche nicht frei.

"Ich erlebe es überall, dass die Diskussion darum beginnt, Mitte, Ende der nächsten Legislaturperiode wird das auch wieder eine Rolle spielen, weil der Druck wächst. Aber dann muss man mit anderen politischen Konzepten reagieren. Den Fehler, den wir damals gemacht haben, den ich als Stadtentwicklungssenator gemacht habe: Wir haben zu viel gewollt."

Das Volk befragen

Berlin leidet wie kaum eine andere Stadt in Deutschland unter Wohnungsnot, schließlich ziehen jedes Jahr 60.000 Menschen mehr in die Hauptstadt. 380 Hektar in Berliner Bestlage bieten sich da natürlich als Bauland an, findet auch der Burkhardt Dregger, der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

"Wir haben hier eine riesige Freifläche und würden davon mal fünf oder zehn Prozent für Wohnungsbau zur Verfügung stellen, da kann jeder sehen, dass das am Charakter der Freifläche doch nichts ändern würde."

So einfach wie andere Gesetze könne man eine Teilbebauung allerdings nicht beschließen. Dregger hielte das für eine Missachtung des Volkswillens - jedenfalls den von 2014. Seine CDU schlägt deshalb vor, das Volk vorher zu befragen.

"Es ist eine neue Situation und die sollte dem Volk vorgelegt werden, möglicherweise sieht das Volk das heute auch anders. Ich sehe das auch in meinen Bürgersprechstunden, bei meinen Veranstaltungen vor Ort, dass die Wohnungsnot die soziale Frage der Stadt ist und den Menschen auf den Nägeln brennt."

In Berlin fehlt Platz für alles

Allerdings sind Volksbefragungen zurzeit in der Berliner Verfassung gar nicht vorgesehen, das Abgeordnetenhaus müsste sie dementsprechend ändern - mit zweidrittel Mehrheit. Doch diese Mehrheit gibt es derzeit gar nicht, denn Grüne und Linke sind anders als deren Koalitionspartner SPD nach wie vor gegen die Bebauung.

"Wir sind heute noch nicht so weit, dass jetzt eine Randbebauung konkret ansteht, ich sehe das eher in der nächsten Wahlperiode, konkret zu überlegen, gibt es Argumente die über die hinausgehen, die wir bisher haben."

Sagt deshalb auch Angelika Schöttler. Die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof Schöneberg würde gerne einen kleinen Teil des Feldes bebauen lassen - seit Jahren fehlt ihr Platz für so ziemlich alles.

"Ich könnte mir da neben Wohnungen auch Flächen für Gewerbe und Infrastruktur vorstellen. Wir suchen händeringend beim Sport Flächen, bei Jugendeinrichtungen bei Schulen Flächen, um etwas zu gestalten, aber immer unter der Prämisse, dass die Weite des Feldes erhalten bleibt."

Mit anderen Mitteln gegen die Wohungsnot

Auf dem Tempelhofer Feld ist die Sonne schon fast hinter dem alten Flughafengebäude verschwunden, während Martina Witt und Gernot Ziska immer neue Argumente für den Erhalt aufzählen. Die Bedeutung für den Wasserhaushalt, als Klimaanlage der Stadt, aber auch als Demokratiewerkstatt der Berliner Bürger.

"Das einzige Gesetz, dass es in Berlin gibt und dass von Berlinern geschrieben wurde, ist das Gesetz zum Tempelhofer Feld. Wenn man sich darüber hinweg setzt, muss man sich über Politikverdrossenheit nicht wundern."

Die prekäre Wohnungssituation - das Hauptargument ihrer Gegner - lassen die beiden nicht gelten - da gebe es in Berlin andere und bessere Möglichkeiten. Verdichtung, Verbot von Bodenspekulation, wirksame Mietpreisbremse und und und.

"Wenn hier angefangen wird, zu bauen, dann ist das ein Beginn, fünf Jahre später heißt es wir haben immer noch große Wohnungsnot und wir müssen dann den zweiten Riegel dahin setzen, und in zehn Jahren wird daraus dann ein Quartier werden. Das wird ein schleichender Prozess sein, wo die Bebauung voranschreitet. Davon bin ich fest überzeugt."

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