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Teresa von ÁvilaReformerin gegen die Obrigkeit

Ob sie vor allem als Heilige oder als Schriftstellerin zu gelten hat, als Mystikerin oder Ordensgründerin mit eiserner Willenskraft, hängt vom Blickwinkel ab. Doch Teresa von Ávila war auch eine Vorkämpferin der Emanzipation und überlistete das männliche Establishment der spanischen Amtskirche. Vor 500 Jahren wurde sie geboren.

Von Paul Ingendaay | 28.03.2015

Ordensgründerin Teresa von Avila (1515-1582)
Teresa von Ávila gründete in Kastilien und Andalusien mehr als ein Dutzend Reformklöster, die ihrer Auffassung von Armut, Gebet und einem sinnvollen Leben entsprachen. (imago / Michael Westermann)
"Es ist traurig und gereicht uns zur Schande, dass wir aus eigener Schuld uns selbst nicht kennen. Was würde man von einem Menschen sagen, der, wenn man ihn fragte, wer er sei, es nicht zu sagen und es ebenso wenig von seinen Eltern und seinem Vaterland wüsste? Weit größer noch ist unsere Unvernunft, wenn wir nicht zu erfahren suchen, wer wir sind."
So schreibt die spanische Mystikerin Teresa von Ávila in ihrem Hauptwerk Die innere Burg. Darin schildert sie den Weg zu Gott als Gang durch sieben Wohnungen. Dass dieses Buch bis heute ein Bestseller geblieben ist, mag daran liegen, wie die Autorin ihre Leser an die Hand nimmt. Zwar war sie mit 20 in den Orden eingetreten, fühlte sich ihrer Berufung aber lange Jahre hindurch nicht sicher. In ihren Werken macht sie uns zu Zeugen ihrer eigenen tastenden Gottessuche - und damit der Selbsterkenntnis. Das war manchmal gefährlich, denn die Heilige Inquisition betrachtete die Schriften der Nonne mit Misstrauen. So griff Teresa gelegentlich zu der List, sich als einfältig auszugeben und die Rolle der schwachen Frau zu spielen:
"Die inneren Lebensereignisse sind so dunkel und so schwer begreiflich zu machen, dass eine Unwissende wie ich kaum vermeiden kann, viel Unnützes und Zweckwidriges darüber zu sagen, bis sie etwas Treffendes sagt. Meine Leser mögen Geduld haben: Auch ich bedurfte ihrer, um zu schreiben, was ich selbst noch nicht wusste."
In Wirklichkeit jedoch dachte die Frau, die in ihrem Klosterleben als Kopf der Barfüßigen Karmelitinnen "inneres Beten" und äußerste Tatkraft vereinte, mit erheblich mehr Selbstbewusstsein. Sie zweifelte nicht daran, dass die Macht in der spanischen Kirche schlecht verteilt war. Ausdrücklich warf sie ihrer Zeit vor, "dass sie starke und zu allem gute begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt".
Ihr literarisches Werk gilt als Schlüsseltext der Mystik
Teresa von Ávila, die am 28. März 1515 geboren wurde, gründete in Kastilien und Andalusien mehr als ein Dutzend Reformklöster, die ihrer Auffassung von Armut, Gebet und einem sinnvollen Leben entsprachen. Unerbittlich war sie vor allem gegen sich selbst, wenn es darum ging, zwischen einem Konvent und dem nächsten viele hundert Kilometer in Hitze, Kälte und auf verschlammten Wegen zurückzulegen. Oft war sie krank, wurde von Fieber, Übelkeit, Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und Rückenschmerzen geplagt. Dennoch fand sie Zeit für ein umfangreiches literarisches Werk, das noch heute als Schlüsseltext der Mystik gelesen wird – und nicht allein von Gläubigen, wie die Madrider Professorin Rebeca Sanmartín erklärt.
"Ich möchte die Leser einladen, sich Teresa nicht nur vom Standpunkt der Frömmigkeit zu nähern, sondern einfach, weil sie eine große Schriftstellerin ist."
Vielleicht hat es seine innere Logik, dass die literarische Weltgegend, aus der Don Quijote stammt, auch eine Nonne hervorbrachte, die tanzte, sang, zerrissene Kleider flickte, die Baupläne zeichnete, sich mit den Behörden herumschlug und Verständnis für alles Menschliche aufbrachte. Die eher Freundschaft mit Spinnern und Einsiedlern pflegte als mit den Matadoren der politischen Macht.
Man solle "die Seele sanft führen", hat Teresa geschrieben - und ein Menschenbild propagiert, das der modernen Psychoanalyse näher steht als den gusseisernen Dogmen der spanischen Amtskirche. "Wir sind keine Engel", so einer ihrer wichtigsten Sätze, "wir haben einen Körper." Und ihre mystische Anrede an Jesus Christus enthält erotische Momente, die uns immer noch faszinieren.
"Sie gehört zum Kanon der spanischen Literatur. Man studiert sie an den Universitäten in Literaturseminaren – als Schriftstellerin, nicht nur als Heilige. Und bis heute, so glaube ich, können die Leser ihre Darstellung der Liebe und des Begehrens stark nachempfinden."
Während die spanische Amtskirche sich bei den offiziellen Feiern zu Teresas 500. Geburtstag ein wenig ausgeschlossen fühlt, weil die universale Figur dieser klugen Frau die Grenzen der Religion überspringt, untersucht die akademische Forschung ihre mystischen Extasen mit moderner Theorie bis hin zum Feminismus. Teresa von Ávila bleibt ein Chamäleon: eine Literatin, die Herz und Kopf anspricht – und eine Performance-Künstlerin auf der Suche nach der Verschmelzung von irdischer und göttlicher Liebe.