Freitag, 12. August 2022

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Terror in der Türkei
"Kein Land greift sein Volk an"

Der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Karslioglu, hat den Vorwurf zurückgewiesen, die Regierung sei zumindest mitverantwortlich für den blutigen Anschlag in Ankara. Karslıoğlu sagte im Deutschlandfunk, "solche Aussagen schüren nur Konflikte und Hass innerhalb der Gesellschaft".

Hüseyin Karslioglu im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann | 12.10.2015

    Der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu
    Der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)
    Zu solch einem Terroranschlag wie jetzt in Ankara seien mehrere Organisationen fähig, sagte der Botschafter. Neben der IS-Miliz seien die kurdische Arbeiterpartei PKK und die Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front DHKP dazu in der Lage. "Ohne konkrete Beweise ist eine Schuldzuweisung nicht richtig", sagte Karslıoğlu mit Blick auf Anschuldigungen, die Regierung oder Präsident Erdogan trage eine Mitschuld. "Es werden immer wieder Angriffe von Terrororganisationen gemacht, da muss man sehr vorsichtig sein", sagte Karslıoğlu. (Anmerkung der Online-Redaktion: Wir haben in dieser Zusammenfassung des Interviews einen eigenen Fehler korrigiert.)
    Der Wahltermin stehe trotz des jetzt aufgeheizten Klimas im Land, sagte der türkische Botschafter. "Wir haben Vertrauen in demokratische Grundwerte." Wahlen seien die "Grundbasis der Macht".

    Das Interview mit Hüseyin Avni Karslıoğlu in voller Länge:
    Dirk-Oliver Heckmann: Sie wollten demonstrieren, und zwar für Frieden und für eine Verhandlungslösung, die tausenden von Menschen, die am Samstag in der türkischen Hauptstadt Ankara zusammenkamen. Doch plötzlich detonierten zwei gewaltige Sprengsätze. Das Resultat: fast 100 Tote, Stand jetzt, hunderte Verletzte und ein innenpolitisches Klima, das zum Zerreißen gespannt ist. Am Telefon begrüße ich den Botschafter der Republik Türkei in Deutschland, Hüseyin Avni Karslıoğlu. Guten Tag, Herr Karslıoğlu.
    Hüseyin Avni Karslıoğlu: Guten Tag, Herr Heckmann.
    Heckmann: Der Ministerpräsident Davutoglu, der hat gesagt, bei den Urhebern könnte es sich um den Islamischen Staat handeln, um zwei linksterroristische Gruppierungen, oder um die PKK. Die PKK verübt also einen Anschlag auf prokurdische Demonstranten. Zumindest ist das eine der Thesen der Erdogan-Regierung. Ist das nicht eine bizarre These?
    Karslıoğlu: Nun, zuallererst möchte ich den Familienangehörigen der Opfer und den Verwundeten des Terroranschlags mein tiefes Beileid aussprechen, denn es ist der größte und mit den meisten Opfern geschehene Terroranschlag in unserer Republik. Und, wie Sie auch erwähnten, es gibt um die 100 Menschen, die getötet wurden, und Hunderte von Menschen, die verletzt sind. Das ist ein Terroranschlag, den wir betrachten wie in Madrid in 2004 oder in London, und die Sicherheitsexperten arbeiten intensiv, um den Terroranschlag aufzuklären. Die Beweise werden sorgfältig aufgesucht und ausgewertet.
    Nun, auf Ihre Frage eingehend, möchte ich betonen, dass die Aussage des Ministerpräsidenten schlicht die Terrororganisationen aufzählt, die früher schon Terroranschläge ähnlich dem in Ankara verübt haben und zu einem solchen Anschlag fähig sind. Wenn man betrachtet, dass Terroranschläge in Diyarbakir und Suruc früher von der DH, oder wie Sie sagen IS, verübt wurden und die PKK in den letzten Monaten über 150 Polizisten, Sicherheitsorgane, Soldaten ermordet haben, so wie die Auftragsmörder von Syrien der Diktatur Assads und die DHKP, eine marxistisch-leninistische Organisation, die 2003 in Ankara in der amerikanischen Botschaft einen Wachmann getötet haben - all die haben die Fähigkeiten. Der Ministerpräsident hat nicht gesagt, der- oder derjenige. Es wird intensiv gearbeitet.
    Heckmann: Und Sie halten das auch für möglich, Herr Botschafter? Der Vorsitzende der prokurdischen HDP, Demirtas, den wir gerade gehört haben, der sieht das völlig anders. Er spricht von einem Angriff des Staates auf das Volk und er fügte an: "Ihr seid Mörder, an Euren Händen klebt Blut." Was halten Sie von dem Vorwurf, die Regierung Erdogan sei verantwortlich oder zumindest mitverantwortlich für diesen blutigen Anschlag?
    Karslıoğlu: Sehen Sie, die Täter werden noch ermittelt und ohne konkrete Beweise ist eine Schuldzuweisung nicht richtig. Solche Aussagen schüren nur Konflikte und Hass innerhalb der Gesellschaft. Also uns bleibt nichts anderes übrig, als die Ergebnisse der Ermittlungen abzuwarten, die nötig sind, um diesen grauenvollen Einsatz aufzuklären. Heute Morgen gab es erste Indizien, wer es sein könnte, die auf die IS hinweisen. Aber ohne sicher zu sein, wer es gemacht hat, wie er es gemacht hat, sind solche Anschuldigungen nicht richtig.
    Heckmann: Aber es gibt auch viele politische Beobachter, die sagen, Erdogan habe ein Klima geschaffen, das solche Anschläge begünstigt. Er mache politische Gegner und auch Journalisten zu regelrechten Feinden und auch die kurdische Opposition.
    Karslıoğlu: Sehen Sie, wir kämpfen in der Türkei gleichzeitig gegen Terrororganisationen wie die PKK, wie den IS, wie der DHKP, eine revolutionäre marxistische Organisation. Die alle sind auch in der EU, in Deutschland als Terrororganisationen angesehen. Der Kampf wird innerhalb des demokratischen Systems geführt. Das ist kein einfacher Prozess, das sehen wir ein. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass dieses Klima, von dem Sie sprechen, vor allem durch den Aufruf zum generellen Aufstand durch die PKK und die darauffolgenden Anschläge vor den letzten Parlamentswahlen, die wir am 7. Juni hatten, dass es da einen Aufruf gab, einen Aufstand in Gang zu setzen. Aber ich möchte in diesem Moment jetzt keine Spekulationen und unnötige Kommentare abgeben, denn der Schmerz sitzt noch tief gegenüber unseren Opfern und es ist auch respektlos gegenüber diesen Menschen, die gestorben sind, solche Spekulationen zu machen.
    Heckmann: Es gab mal so eine Art Friedensprozess zwischen der Regierung und der PKK. Davon ist jetzt natürlich nicht mehr die Rede. Die PKK, die hat aber jetzt in diesen Tagen faktisch eine Waffenruhe angeboten. Die Kämpfe, auch die Angriffe des türkischen Militärs auf die PKK-Stellungen, die gehen unvermindert weiter. Wäre es jetzt nicht Zeit, inne zu halten und diese Angriffe zu beenden?
    Karslıoğlu: Sehen Sie, kein Land greift sein Volk an. Solche Spekulationen, die die PKK macht, ich mache Frieden, ich mache Waffenstillstand, ich mache dies und jenes, muss gesehen werden. Solche Bemerkungen muss man in die Tat umsetzen. Vor den letzten Wahlen, wie ich eben sagte, haben sie einen generellen Aufstand angewiesen. Jeden Moment können sie etwas anderes tun. Also mit Terrororganisationen, da muss man sehr sachte sein, und das hat auch Deutschland in der Vergangenheit miterlebt mit den Roten Brigaden und der RAF. Deswegen ist es abzuwarten. Es werden immer wieder Angriffe von diesen Organisationen, von diesen Terrororganisationen gemacht, und da muss man sehr vorsichtig sein. Kein Land bekämpft sein eigenes Volk.
    Heckmann: Am 1. November sollen die Neuwahlen wie geplant stattfinden. Ist es denn eigentlich aus Ihrer Sicht wirklich vorstellbar, dass in einem solchen Klima diese Wahlen stattfinden?
    Karslıoğlu: Die Wahlen und der Wahlkalender geht nach wie vor weiter. Die Wahlen auch hier in Deutschland haben am 8. Oktober, also vor ein paar Tagen hier begonnen und es wird nach wie vor weitergehen, der Wahlkalender. Wir haben Vertrauen in die demokratischen Grundwerte und die Wahlen sind wie in allen demokratischen Ländern die Grundbasis für die Macht, und wenn das Volk seine Stimmen abgibt, dann ist es gut so. Ich lade Sie auch gerne ein, eines der Wahllokale in Deutschland zu besuchen und sich ein Bild davon zu machen, wie es geht und wie alle Parteien mit ihren Vertretern dort vertreten sind.
    Heckmann: Wir werden das sicherlich beobachten und auch darüber berichten. Hüseyin Avni Karslıoğlu war das, der Botschafter der Republik Türkei in Deutschland. Danke Ihnen für das Gespräch.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.