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StartseiteKulturfragenWo steht Frankreich nach dem Mord an Samuel Paty?25.10.2020

Terror, Laizität, MeinungsfreiheitWo steht Frankreich nach dem Mord an Samuel Paty?

Die Hoffnung, dass der Zusammenhalt in der französischen Gesellschaft nach den islamistischen Anschlägen von 2015 auf Charlie Hebdo und im Club Bataclan wächst, hat sich nicht erfüllt. "Die Kluft ist größer geworden und die Frustration auch", sagt die Politikwissenschaftlerin Claire Demesmay im Dlf.

Claire Demesmay im Gespräch mit Dirk Fuhrig

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Ein Demonstrant mit der französische Flagge in den Händen. Auf der Flagge steht die Aufschrift "Redefreiheit". (Getty Images / Light Rocket /  Elko Hirsch)
Demonstration für Meinungsfreiheit nach dem Mord an Samuel Paty in Paris (Getty Images / Light Rocket / Elko Hirsch)
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Der Mord an dem Lehrer Samuel Paty hat Frankreich tief getroffen. Das Land ist ein weiteres Mal Opfer einer brutalen islamistischen Tat geworden. Zuerst, 2015, der Terroranschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, bei dem zehn Menschen getötet wurden und den jüdischen Supermarkt. In Paris läuft gerade der Prozess gegen die Attentäter. Dann die grausame Geiselnahme mit mehr als 130 Toten im Musikclub Bataclan und Schüsse auf Menschen in Cafés; im September dieses Jahres der Axt-Angriff auf zwei Angestellte einer Filmproduktionsfirma in der Straße, in der Charlie Hebdo früher seinen Sitz hatte.

Das jüngste Attentat auf Samuel Paty sei "so grausam und unvorstellbar", sagt die Politikwissenschaftlerin Claire Demesmay. Sie hofft dennoch, "dass die Solidärität dauerhaft sein wird, nicht nur mit den Lehrern und Schülern, sondern sogar mit der Regierung".

Frankreichs höchste Ehrung für Samuel Paty

Auch die Äußerungen islamischer Verbände sind für sie ein wichtiges Zeichen: "Ich habe das Gefühl, dass es eher die Minderheit der Moscheen ist, die so einen Anschlag unterstützen. Was ich höre ist, dass viele Imame ihre Solidarität gezeigt haben. Ich finde, dass solche Gesten, solche Äußerungen extrem wichtig sind. Um zu vermeiden, dass Muslime plötzlich nicht nur unter Generalverdacht gestellt werden, sondern dass die Islamophobie zunimmt. Das würde die Situation natürlich verschlimmern."

Samuel Paty wurde posthum in die Ehrenlegion aufgenommen, eine der höchsten Auszeichnungen, die Frankreich zu vergeben hat. Die Gedenkfeier für den Geschichts- und Geographielehrer wurde im Innenhof der Sorbonne abgehalten, der berühmten Universität, an der auch Claire Demesmay studiert hat. Sie hält den gewählten Ort "für ein schönes Symbol. Die Sorbonne ist ein Ort der Bildung. Viele Generationen von Französinnen und Franzosen haben da studiert." Auf ein Detail dabei legt sie besonderen Wert: "Der Präsident der Sorbonne ist ein Franko-Tunesier, das heißt, er war einmal Ausländer. Und das ist ein anderes Bild von der französischen Integrationspolitik. Das kann auch gut funktionieren."

Radikalisierung im Internet

Dass das neue Attentat in Conflans stattgefunden hat, einem eher bürgerlichen Vorort von Paris, hält sie für einen Zufall. "Wir kennen alle diese Banlieues, wir haben alle Bilder davon, ein Film wie ‚Die Wütenden‘ vor kurzem hat dazu beigetragen, dass alle eine Vorstellung von der Situation haben. Aber heutzutage, mit den sozialen Medien, hat man eine gewisse Deterritorialisierung des Islamismus. Jeder kann sich einfach hinter seinem Bildschirm radikalisieren." Dass ein Lehrer ermordet wurde, hat aus ihrer Sicht auch symbolische Bedeutung: "Die Schule hat fast eine missionarische Aufgabe. Sie ist nicht nur da, um zu bilden, sondern um aus kleinen Schülern Staatsbürger zu machen."

Portrait von Claire Demesmay (DGAP/ Pressefoto)Die Politikwissenschaftlerin Dr. Claire Demesmay leitet das Frankreich-Programm der DGAP (DGAP/ Pressefoto)Claire Demesmay hat politische Philosophie an der Pariser Sorbonne studiert und dort und an der FU über das Thema "Politischer Liberalismus angesichts der Zukunft der Nationalstaaten" promoviert. Seit 2009 leitet sie das Programm für deutsch-französische Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

Das republikanische Versprechen

Als Expertin für deutsch-französische Beziehungen weist sie auf Unterschiede im Umgang mit Migration in unseren Ländern hin: "In Deutschland funktioniert Integration in erster Linie durch die Wirtschaft. Solange man einen Job hat, ist man mehr oder weniger integriert. In Frankreich ist das eher eine politische Integration, das hat mit Werten zu tun, die 'promesse républicaine', das 'republikanische Versprechen', dass alle die gleichen Chancen bekommen, sobald sie sich auch zum Teil anpassen. Das heißt auch, dass religiöse Zeichen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben." Der Grundsatz der Laizität habe große Auswirkungen auf den Alltag: "In der Kantine, in Schulen dürfen Lehrerinnen oder auch Schülerinnen keinen Schleier tragen."

Laizität ist fundamentaler Wert

Mit Blick auf Stimmen in Frankreich, vorwiegend aus dem linken politischen Spektrum, die sagen, man müsse auf den Islam stärker Rücksicht nehmen und dürfe religiöse Menschen nicht provozieren, indem man etwa Mohammed-Karikaturen zeigt, sagt Claire Demesmay: "Politiker wie Jean-Luc Mélenchon von der Linkspartei oder auch einige Politiker von den Grünen sind für mehr Offenheit gegenüber religiöser Vielfalt, besonders gegenüber religiösen Zeichen." Aber die überwältigende Mehrheit halte die Laizität für einen der wichtigsten Werte Frankreichs.

Ein Anschlag wie der auf Samuel Paty werde eher dazu beitragen, dass die Menschen die Laizität noch stärker verteidigen. "Ich hatte die Hoffnung nach den Anschlägen auf die Zeitschrift Charlie Hebdo, dass der Zusammenhalt in der französischen Gesellschaft größer wird. Aber nach fünf Jahren haben wir mehr Spaltung, mehr Spannungen, die Kluft ist größer geworden und die Frustration auch." Dennoch bleibt Claire Demesmay verhalten optimistisch: Es gebe in Frankreich immerhin genug "guten Willen und kluge Köpfe, um sich mit diesem Problem zu befassen".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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