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StartseiteDeutschland heuteWenn ein Bombenanschlag simuliert wird21.10.2019

TerrorabwehrWenn ein Bombenanschlag simuliert wird

Es ist eine Übung, doch sie wirkt täuschend echt: An einem Auto explodiert ein Sprengsatz. Vier Männer mit Maschinenpistolen rennen die Straße entlang. Auf dem Truppenübungsplatz im baden-württembergischen Stetten hat die Antiterrorübung BWTEX 2019 stattgefunden, die bisher größte in Deutschland.

Von Marcus Pindur

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(Deutschlandradio (Marcus Pindur))
Rettungshubschrauber bei einer Antiterrorübung (Deutschlandradio (Marcus Pindur))
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Zwei Rettungspiloten und zwei Sanitäterinnen tragen einen Verletzten zum bereitstehenden Sanitätshubschrauber der Bundeswehr. Der Mann auf der Trage ist ein Statist, der im Rahmen der Anti-Terror-Übung einen Schwerverletzten spielt – mit aufgemalter Wunde und zerrissenen Kleidern. Die Opfer des Terrorszenarios, dessen Eindämmung und Bewältigung geprobt wird, werden von Polizeischülern dargestellt.

Der Bundeswehrhubschrauber ist für Notfalleinsätze voll intensivmedizinisch ausgerüstet und an Bord ist auch ein Notarzt. Auf den grünen Tarnanstrich ist ein orange-leuchtfarbenes Feld lackiert. Darauf steht in großen Buchstaben: SAR – Search and Rescue.

Rettungshubschrauber im Testeinsatz

Zwei Minuten später ist der Verletzte eingeladen und der Hubschrauber macht sich auf den Weg. Ganz realitätsnah fliegt er ein Krankenhaus in der Umgebung an, in Sigmaringen, das über Funk benachrichtigt wird und sich auf die spezifischen Verletzungen des Terroropfers einrichten kann.

2.500 Einsatzkräfte nehmen an der Übung zur Terrorismusabwehr auf dem Truppenübungsplatz Heuberg auf der schwäbischen Alb teil: Polizisten, Zivilschutzkräfte von einem halben Dutzend Hilfsorganisationen und auch 270 Bundeswehrsoldaten.

Simuliert wird ein Autobombenanschlag in der Konstanzer Innenstadt. Schüsse fallen, es gibt Tote und Schwerverletzte. Die ersten Polizeikräfte versuchen in unübersichtlicher Lage, die Terroristen zu lokalisieren. Sie fordern Spezialeinsatzkommandos an. Diese sollen die Täter dingfest machen. Währenddessen wird klar, dass es über einhundert Verletzte gegeben hat. Zivile Helfer bauen in Windeseile eine Verletztenstation zur Erstversorgung auf. Jens Stingel vom Roten Kreuz hat das medizinische Personal um sich geschart:

Reibungslose Abläufe sind wichtig

"Ich hab gerade die Notärzte eingewiesen in die Erst-Triage, wenn die Patienten reinkommen, wie das abläuft, und wie das technisch mehr oder minder funktionieren muss. Das geht folgendermaßen vonstatten: Die Verletzten kommen vom Schadensgebiet, werden hier in der sogenannten Verletztensammelstelle aufgenommen, werden ärztlich nochmal gesichtet, und werden dann in Kategorien eingeteilt, rot, gelb, grün, je nach Schweregrad der Verletzung und dann dementsprechend weiterversorgt."

Das muss reibungslos funktionieren, damit gewährleistet ist, dass Schwerverletzte zuerst versorgt werden und schnell in die Krankenhäuser verlegt werden können.

Das Zusammenspiel aller Einsatzkräfte soll geübt werden. Dabei ist der Umfang dieser Übung einmalig. Vom ersten Alarm über die Identifizierung und Bekämpfung der Täter bis zur Erstversorgung der Verletzten und schließlich zum Rettungsflug: Das alles muss nicht nur geprobt werden, sondern auch aufeinander abgestimmt sein. Bereits vor zwei Jahren hat man einen Probelauf dieser Übung gemacht. Daraus hat man gelernt, was nicht so reibungslos läuft, so Renato Gigliotti, Pressesprecher des baden-württembergischen Innenministeriums:

"Es war so, dass wir natürlich bei dieser Übung feststellen mussten, dass Polizei und Bundeswehr unterschiedliches Vokabular hatten. Deswegen ist in der Folge beispielsweise ein Glossar entstanden, bei dem wir die Sprache auf einander abgestimmt haben. Wir haben feststellen müssen, dass bestimmte Kommunikationswege unterschiedlich sind. Die wurden in den letzten zwei Jahren synchronisiert. Und alles das wird jetzt natürlich beübt, ob es denn auch so ist."

Zusammenspiel von Polizei und Bundeswehr

Die Polizei fordert im Terrorszenario die Hilfe der Bundeswehr an. Ein Transportpanzer Fuchs und ein Radpanzer vom Typ Boxer rollen in der Übung  heran, um Verletzte aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Einsatz der Bundeswehr im Inland ist im Grundgesetz streng geregelt und darf nur auf eindeutige Bitten der Länder und unter dem Kommando der Landespolizeien stattfinden.

Während der Übung sichern Soldaten unter anderem die Sammelstelle der Verletzten und helfen bei der Sprengstoffentschärfung. Die Rolle der Bundeswehr sei klar definiert, so Oberstleutnant Markus Kirchenbauer, Leiter der Informationsarbeit im Bundeswehrkommando Baden-Württemberg. Die Bundeswehr dürfe nur nach rechtlicher Prüfung eingesetzt werden, weil sie über bestimmte Fähigkeiten verfüge, die die Polizei so nicht habe.

 "Das sind zu einen geschützte Transportfahrzeuge, die die Polizei in dieser Menge nicht hat. Die geschützten Transportfahrzeuge können für zwei Zwecke genutzt werden. Einmal zum Transport von Personal in das Szenario, Polizeikräfte, die geschützt in die Gefahrenzone gebracht werden können. Zum anderen das geschützte Transportfahrzeug Boxer in der Sanitätsversion, das Verletzte aus der Gefahrenzone herausbringen kann und dort dann im sicheren Bereich an zivile Kräfte übergibt."

Es war der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl, der die Terrorabwehrübung vor zwei Jahren in die Wege geleitet hat. Auch er betont, dass das Kommando bei der Übung wie auch im Ernstfall eindeutig bei der baden-württembergischen Landespolizei liege.

Terroristische Bedrohungslagen

"Nun, zunächst einmal haben wir natürlich einen Rechtsrahmen, der insbesondere vorgegeben wird durch unsere Verfassung, durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Daran halten wir uns selbstverständlich auf Punkt und Komma. Und zum zweiten ist es einfach wahr, dass es Großschadenslagen, dass es terroristische Anschlagszenarien gibt, in denen die Polizei allein mit ihrer Expertise, mit ihren technischen Möglichkeiten überfordert wäre. Und meine ganze Überzeugung ist, im Ernstfall wird das nur funktionieren, wenn wir das vorher einmal geübt haben. Und deswegen ist es richtig, dass wir diese einmalig große Übung jetzt heute in Baden-Württemberg gemacht haben."

Terroristische Bedrohungslagen gibt es immer wieder, und sie sind sehr unterschiedlicher Natur, so Thomas Strobl.

 "Wir sind im Fokus des islamistischen Terrors. Und wir müssen auch ansonsten an Lagen denken, die eigentlich unvorstellbar sind. Schauen Sie, in der vergangenen Woche hat ein fanatischer Antisemit seinen irrationalen Hass ausgelebt, auf eine Synagoge geschossen, willkürlich Menschen ermordet. Wenn Sie mich vor einigen Jahren gefragt hätten, ob in Deutschland wieder auf Synagogen geschossen wird, hätte ich mir das schwer vorstellen können. Halle wirkt bei mir auch schon noch nach, und zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns auch auf Situationen vorbereiten, an die wir am liebsten gar nicht denken mögen."

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