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Testbecken
Eine Spielwiese für Tiefsee-Roboter

Roboter werden in der Tiefsee vielfältig eingesetzt. Dabei wird es immer wichtiger, dass die High-Tech-Helfer autonom unterwegs sind. Damit die Technik möglichst realitätsnah erprobt werden kann, hat das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz ein riesiges Testbecken gebaut.

Von Christoph Kersting | 28.04.2014
    Die Unterwasserroboter "Dragon" (r.) und "Avalon" fahren im neuen Testbecken des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Bremen.
    Die Unterwasserroboter "Dragon" (r.) und "Avalon" fahren im neuen Testbecken. (picture alliance / dpa – Carmen Jaspersen)
    Wie ein Raumgleiter zieht "Dagon" seine Runden durchs Wasser und steuert schließlich zielsicher eine Unterwasserhöhle an. Der knallgelbe Tiefseeroboter stoppt, scannt seine Umgebung und hat schnell gefunden, wonach er sucht: ein Plastikobjekt am Meeresgrund. Damit leistet "Dagon" quasi die grobe Vorarbeit für seinen Kollegen "Orion", der jetzt das Zepter übernimmt. Ebenso zielsicher nähert sich der dreigliedrige schwimmende Arm dem Teil, nimmt es mit seiner Metallkralle auf und bringt es an die Wasseroberfläche. Dort überwacht Marc Ronthaler vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz mit seinem Team die Arbeit der Roboter. Der Clou an der Sache: Dagon und Orion arbeiten autonom, müssen also nicht per Joystick gesteuert werden. Und: Die beiden weihen an diesem Morgen das neue Bremer Testbecken für Unterwasserrobotik ein: 20 mal 24 Meter groß, 8 Meter tief, gefüllt mit 3,4 Millionen Litern Salzwasser – einzigartig in Europa, sagt Marc Ronthaler:
    "Hier weiter links, in Richtung des Fensters im Becken, da haben wir eine Höhle nachgebaut, oder eine felsartige Struktur nachgestellt, das könnte eine Struktur sein, die für Meeresforscher, aber auch für Explorateure aus der Industrie interessant ist, die dort schauen wollen, ob sich dort Bodenschätze befinden, oder ob dort seltene Lebewesen, Pflanzen wachsen."
    Im Zentrum des Testbeckens ist ein weiterer Roboter unterwegs: "Avalon" inspiziert das rund acht Meter lange Modell einer Öl-Pipeline am Grund, und auch das zigarrenförmige Gefährt ist autonom unterwegs – Experten wie Marc Ronthaler sprechen von einem "AOV", die Abkürzung für „Autonomously Operated Vehicle“.
    "Heute, auf den Weltmeeren, auf den Offshore-Feldern von Öl und Gas haben wir die Situation, dass Menschen auf einem Schiff sitzen mit einem Joystick in der Hand und acht Stunden lang auf einen Bildschirm schauen und sich ansehen, wie ein ferngesteuertes Fahrzeug diese Pipeline von oben inspiziert – extrem langweilig, sehr, sehr anstrengend, und wahrscheinlich ist die einzig interessante Stelle gerade dann, wenn der Bediener gerade auf Toilette gehen muss."
    Maschinen sind ausdauernder als der Mensch
    Dabei gehe es nicht darum, den Menschen komplett zu ersetzen, sondern die Ressourcen von Mensch und Maschine optimal zu nutzen:
    "Menschen sind wunderbar. Also zu sagen, dass eine Maschine besser ist als der Mensch, fällt mir sehr schwer. Man muss aber zugeben, dass Maschinen ausdauernder sind, sie lassen in ihrer Konzentration nicht nach, und Maschinen können schneller fahren, sie können die Daten viel schneller aufnehmen und erlauben es dem Menschen, nicht nur auf einen Bildschirm zu gucken, sondern sinnvollere Dinge zu tun, nämlich vielleicht zu entscheiden: Was ist jetzt wirklich der Fall, und was muss jetzt wirklich getan werden?"
    Nicht nur Menschen, auch Maschinen müssen ihre Einsätze möglichst realitätsnah trainieren, denn die widrigen Bedingungen der Tiefsee machen Orion und Co. das Leben schwer. Immerhin herrscht in 6.000 Metern Tiefe ein Druck von rund 600 bar – das entspricht dem Gewicht eines Kleinwagens, das auf jedem Quadratzentimeter von Unterwasserfahrzeugen lastet, erklärt Marc Ronthalers Kollege Jan Albiez:
    "Unterwasserautonomie ist, sage ich mal, die Krone der autonomen Systeme, weil man fast gar nicht damit kommunizieren kann. Also das ist vergleichbar mit irgendwelchen Deep-Space-Sonden, schon gar nicht mehr vergleichbar mit dem Mars, also zum Mars haben sie eine viel bessere Kommunikationsstrecke, das kann auch anhalten."
    Marc Ronthaler jedenfalls ist sicher, dass der autonomen Unterwasserrobotik die Zukunft gehört:
    "Meine Prognose ist, dass Systeme wie "Dagon" in zehn Jahren zur Standardausrüstung von Öl- und Gasplattformen allgemein gehören werden, weil die Betreiber einfach wissen wollen: Wie geht es meiner Anlage unter Wasser? Ich habe Milliarden investiert in diese Industrieanlage, und ich möchte wissen: Was geht da unten vor, was muss ich tun, um meine Investition zu sichern?"
    Fragen auf diese Antworten zu finden – dabei wird künftig auch das neue Testbecken des DFKI in Bremen helfen.