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Teure Rechenschwäche

Ein Schweizer Ökonom hat die mathematischen Fähigkeiten von US-Amerikanern untersucht, die kurz vor der Immobilienkrise ein Haus gekauft haben. Sein Ergebnis: Wo elementare Mathekenntnisse fehlten, stieg auch die Wahrscheinlichkeit einer Zwangsvollstreckung.

Von Tomma Schröder | 26.06.2013

Wenn die Wahrscheinlichkeit, eine Krankheit zu bekommen zehn Prozent beträgt. Wie viele von 1000 Leuten werden diese Krankheit im Schnitt kriegen? Mit Fragen wie dieser hat der Schweizer Ökonom Lorenz Götte die mathematischen Fähigkeiten von Hauskäufern in den USA untersucht. Nicht wenige scheiterten daran - dabei sind elementare Mathekenntnisse für den Hauskauf und die anschließende Budgetplanung sehr wichtig.

"10 Prozent von 1000, das sind 100. Das ist wirklich sehr sehr einfach. Und es wird dann etwas schwieriger. Die letzte Frage ist dann eine Frage, wo man einen Zinseszins ausrechnen muss, aber wirklich immer noch sehr einfach eigentlich."
Trotzdem sind es keineswegs nur schlecht ausgebildete oder relativ arme Leute, die an den Fragen von Lorenz Götte scheitern. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat der Ökonom der Universität Lausanne eine Stichprobe von über 300 Menschen interviewt, die kurz vor der Immobilienkrise Häuser gekauft haben. Im Schnitt entsprach das Einkommen der Befragten dabei ziemlich genau dem amerikanischen Durchschnittseinkommen von 75.000 Dollar, also gut 57.000 Euro. Dennoch fielen die Hauskäufer bei den Banken in die sogenannte Subprime-Kategorie, weil sie gemessen an ihrem Einkommen und ihrem Eigenkapital eine zu teure Immobilie kaufen wollen.

"Und dann sagt dann vermutlich die Bank: Tja, also da können wir Ihnen nicht helfen, aber wenn Sie da den Gang runter gehen, da ist unsere Subprime-Abteilung, vielleicht können die Ihnen ja einen Deal machen."

Heute ist es kein Geheimnis mehr, dass viele dieser Subprime-Darlehen platzten, weil die Darlehensnehmer ihre Raten nicht mehr zahlen konnten. Lorenz Götte und seine Kollegen hatten nun die Vermutung, dass dies vor allem deswegen geschah, weil viele Hauskäufer nicht gut rechnen konnten und daher sehr schlechte Vertragskonditionen akzeptierten. Tatsächlich zeigte sich: Je weniger Rechenfragen die Interviewten beantworten konnten, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Zwangsvollstreckung kam. Die Gruppe, die am schlechtesten abschnitt, hatte ein gut 20-prozentiges Risiko ihr Haus zu verlieren. Bei der Gruppe, die am besten rechnen konnte, lag das Risiko lediglich bei sieben Prozent. Doch dabei waren die Vertragsbedingungen nicht entscheidend, wie Lorenz Götte überrascht feststellte:

"Wir finden, dass selbst wenn man die Vertragskonditionen konstant hält, unser Index, wie gut man rechnen kann, immer noch prognostiziert, wer Probleme kriegt und wer nicht. Es sind nicht schlechte Vertragsbedingungen. Es scheint etwas zu sein, was im Haushalt passiert, dass das Budget einfach langsam, langsam außer Kontrolle gerät."

Um auszuschließen, dass andere Faktoren als die Mathekenntnisse hinter ihren Ergebnissen stehen, haben die Ökonomen noch viele weitere Daten erfasst.

"Diese Rechnungen, das war eigentlich der kleinste Teil. Wir haben eine lange lange Liste von soziodemografischen Faktoren auch noch erhoben: Ausbildungsstand, Haushaltsverhältnisse, Einkommensverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Ausgaben - wir haben da ein lange Liste von solchen Variablen erfasst."

Faktoren wie Ausbildungsstand oder Kreditwürdigkeit zu Beginn der Hypothek waren demnach auch starke Indikatoren dafür, ob ein Darlehen zurückbezahlt werden konnte oder nicht. Doch der Zusammenhang zwischen schlechten Mathekenntnissen und häufigen Vollstreckungsurteilen blieb auch bestehen, wenn die Forscher alle anderen Faktoren in ihren Rechnungen berücksichtigten.

"Man kann unsere Ergebnisse auf zwei Arten interpretieren: Die eine ist: Ha, jetzt könnten ja die Firmen solche Tests benutzen, um dann genau zu sagen: Na, tut uns leid, unser Test hat gesagt, Sie können nicht gut genug rechnen. Oder fast noch schlimmer: Okay, Leute, die nicht gut rechnen können, vielleicht können wir ihnen auch schlechtere Produkte unterjubeln. Das ist nicht, wo ich die Anwendung unserer Ergebnisse sehe."

Vielmehr sollten Hauskäufer besser geschult werden und lernen, auch langfristigere Budgetplanungen zu machen, meint Lorenz Götte. Der Ökonom hält es zwar für richtig, dass vor allem die Bankenprodukte nach der Immobilienkrise unter die Lupe genommen worden sind. Er sieht aber auch auf der Seite der Nachfrage Bedarf: Wenn Hauskäufer schon an den einfachsten Rechnungen scheitern, ist kaum zu erwarten, dass sie die Darlehensraten auf Dauer in den Griff bekommen.