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StartseiteKultur heuteTheater am Rhein26.03.2007

Theater am Rhein

Köln hat einen heimischen Autor für sich entdeckte, der schon lange tot ist: Rolf Dieter Brinkmann. Das Stück, das der Schauspieler und Regisseur Martin Wuttke aus einer Materialsammlung in Brinkmanns Nachlass herstellte, nennt sich "Besuch in einer sterbenden Stadt". Auch in Düsseldorf gibt es eine Uraufführung. Im Stück von Martin Heckmann "Kommt ein Mann zur Welt" geht es um den vorhersehbaren Lebensweg von Bruno.

Von Christiane Enkeler

Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) (Christa Donner)
Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) (Christa Donner)

Martin Wuttke, laut Marc Günther ein "alter Brinkmann-Fan" und von ihm "beeinflusst in seiner literarischen Identität", hat die ersten 180 Seiten von Rolf Dieter Brinkmanns "Erkundungen für die Präzisierung eines Gefühls für einen Aufstand" in Köln auf die Bühne gebracht. Fotos und Versatzstücke aus dieser tagebuchartigen Materialsammlung für einen zweiten Roman, den Brinkmann nicht mehr schreiben konnte, beziehen sich auf Köln.

Die Bühnenfassung ist ähnlich langwierig und erstaunlich wie die Materialsammlung selbst. Langwierig, weil es einfach sehr anstrengend sein kann, diesen Gedankengängen und Überlegungen zu folgen und sich selbst die roten Fäden herzustellen.

Erstaunlich, weil überraschend ist, mit wie vielen sehr unterschiedlichen Stimmen man sich das "Brinkmann-Collage-Programm" vorstellen kann, wie viel Witz daraus zu holen ist - wobei man hier um die Bühne der Schlosserei herum eher in eine Atmosphäre aus Traum gerät. "Space Is Dream" zitiert Brinkmann den amerikanischen Popliteraten William S. Burroughs in den "Erkundungen" - und in Köln spielen sie auch draußen vor der Tür, sogar Passanten werden ansatzweise verfolgt, während der Phantasie eines Kölner Aufstandes, man sieht das über eine kleine Kinoprojektion in der Schlosserei, die auch aus der Garderobe überträgt. Dort spielen Traute Hoess und Volker Spengler unter anderen die kleinbürgerlichen Stimmen, deren Sorgen sich um Nichtigkeiten drehen. Die Filmbilder sehen wir gleichzeitig auf einem kleinen Fernseher an einer Bar, denn die gesamte untere Etage ist eine Art Nachtclub, mit Laufsteg und Tischen, und wer günstig sitzt, bekommt Hochprozentiges gereicht. So hat man die ganze Zeit ein bisschen ein verruchtes "Underground"-, Western- oder Film-noir-Gefühl.

Traute Hoess schiebt sich ruckelnd nach vorn, als sie von "Erinnerungen" erzählt, Brinkmann-Text, mit alten Fotos in der Hand, Erinnerungen, die dann die anderen für sich beanspruchen, Sandra Fehmer geht gebückt mit einer Kerze und spricht ernst ihren Text, bevor sie noch einmal ihren Gang neu ansetzen muss, weil die Kerze ausgegangen ist, wird geschüttelt an den Nerven vor einem dauernden Schild "Nervenorgel" - später ist sie ein Krokodil, während von Versteinerung gesprochen und bevor die letzte Runde eingeläutet wird, der "ten minute danger test".

Brinkmanns Suche nach dem Kontrollierenden, nach den Tricks, die das Nervensystem konditionieren, die zusammengeschnipselten Augenblicke, Zeitungsausschnitte, Fotos... - werden auf der Bühne zu vierdimensionalen Collagen, wenn auch die Musik an Filmgenres erinnert, Bewegungen, Kostüme, Kostümteile. Wiederholungen werden eingebaut, Schnitte mit konterkarierenden Stimmungen hergestellt, witzig oder ernüchternd.

Und doch hat das Ganze einen minimalen Handlungsrahmen, wenn Volker Spengler als "Freddie" eingeführt wird, der sich viel viel "später" mit Brinkmanns Ich-Erzähler über dunkle Erlebnisse unterhält, und auch zwischendurch schon mal wie ein Erzähler wirkt - aber, zugegeben, das wirken andere an diesem Abend auch irgendwann mal.

Die Suche nach der Identität kommt vor - es geht aber eher um die Suche nach "Echtheit", die in Brinkmanns Ich-Suche steckt: Vor der Schlosserei wird geschossen, aber die "Toten" stehen immer sofort wieder auf. Existentiell, wie man es bei Brinkmann noch spürt, wird es dann zwar nicht gerade, aber auf der anderen Seite ist das Bild, das sich ergibt, unter Umständen reichhaltiger als das, was man vorher hatte.

Im Düsseldorfer Schauspielhaus klappert Bruno die verschiedenen Stationen seines Lebens ab: Unfall in der Kindheit, Pubertät, Rauscherfahrung, erfolglose Bewerbung als Künstler, Gefängnisaufenthalt, Höhenflug als Schlagersänger und Krise, Arbeit als Bauarbeiter, schließlich Alter, Tod des Vaters und eigener Tod. Die Darsteller in Martin Heckmanns neuem Stück "Kommt ein Mann zur Welt" wechseln ihre Rollen zwischen Weggefährten und inneren Stimmen und spielen ohne gestemmte Witz-Hysterie - können sie doch so zwischen Ironie und Ernst-Meinen fein changieren. Der Autor hat das ganz geschickt auch so gemacht: Es fallen zwar auch ein paar klischeelastige Sätze, weil Brunos Leben "wie im Zeitraffer" von der Geburt bis zum Tod abgespult wird und die Schicksalswenden schnell und deutlich ausgesprochen werden müssen. Aber es gibt gleich eine Figur, die das für eine tolle Schlagerzeile hält - und damit hat Bruno zwischendurch richtig Erfolg, von Markus Scheumann so in die Welt "geworfen" gespielt, dass man den Zufall bei der Suche nach der Identität sofort glauben mag.

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