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Theater-Essay über Ricky Shayne
"Das ist total extremer Kram"

Ende der Sechziger kam er als glutäugiger Exot in die nussbaumfurnierten Fernseher des deutschen Hitparaden-Publikums: Ricky Shayne sang "Ich sprenge alle Ketten" oder "Mamy Blue". Jetzt kommt die Geschichte des Mannes, der später einen Kiosk in Düsseldorf betrieb, beim Kremser Donaufestival auf die Bühne – mit ihm selbst, seinen Söhnen und Musik vom Techno-Intellektuellen Justus Köhncke.

Autor und Regisseur Stephan Geene im Corsogespräch mit Bernd Lechler | 04.05.2017
    Ein Bild aus dem Musical "mutwillig, Shayne", Ricky Shayne sitzt in einem leeren Theatersaal. Foto: Lena Fingerle
    Ricky Shayne in "Mutwillig, Shayne" - zu sehen auf dem Donaufestival in Krems (Lena Fingerle)
    Bernd Lechler: Jetzt soll es, erstaunlicherweise, um Ricky Shayne gehen. Er sang Ende der 60er Jahre "Ich sprenge alle Ketten" oder "Mamy Blue" in der ZDF-Hitparade. Schöner Mann, dunkle Augen: In Ägypten geborener Sohn eines Libanesen und einer Französin. Mit 15 - Paris. Dann Erfolg als Sänger in Italien, wo er seinen ersten Ferrari um einen Baum wickelte, dann die Schlagerkarriere in Deutschland. 30 Jahre später betrieb er einen Kiosk in Düsseldorf und singt seither eher bei Betriebsfeiern. Aber er spricht sieben Sprachen. Wilde Lebensgeschichte. Morgen Abend hat sie als Musical Premiere, beim Donaufestival im österreichischen Krems, das für neue Performancekunst und Musik steht: "Mutwillig, Shayne", mit Ricky Shayne selbst und seinen Söhnen, geschrieben und inszeniert von Stephan Geene. Was hat Sie so fasziniert an Ricky Shayne, Herr Geene? Warum ein Stück über den, nicht Jürgen Drews oder Bernd Klüver?
    Stephan Geene: Ja, als Kind hab ich da irgendwie keine Wahl gehabt. Da war Ricky Shayne eine einzigartige Erfahrung. Und die mich sehr geprägt hat. Und die hab ich natürlich dann auch wiederum in den Hintergrund gelegt, aber doch nie wirklich vergessen und dadurch kam es auf mich zurück.
    Eine "Rock'n'Roll-Elvis-Presley-Figur"
    Lechler: Warum war der so einzigartig?
    Geene: Ja, das ist die Frage, die ich mir seitdem stelle. Seitdem ich jetzt an diesem Stück arbeite, oder auch an dem Projekt "Ricky Shayne" arbeite: Warum konnte das mich so irrsinnig stark bewegen? Was hat ihn unterschieden? Ich meine, dass er sich unterschieden hat, das war schon damals auch deutlich. Klar ist er auch in der gleichen Hitparade aufgetreten, wie die anderen. Aber – das sagen eigentlich die meisten, die ihn damals sozusagen erlebt haben –, dass er irgendwie schon eine andere Kategorie an Direktheit, an Willkürlichkeit war, an so ein bisschen auch gefährlicher Wirkung. Und die hat ihn schon unterschieden.
    Lechler: Was war denn wohl sein Appeal, grade so in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern in Deutschland? Also in welches Land kam und auf welches Publikum traf dieser Mann mit diesem exotischen Charme?
    Geene: Er kam ja aus Italien und war da eigentlich wie so eine Rock'n'Roll-Elvis-Presley-Figur und, obwohl er dann ja eigentlich über den Film "Siebzehn Jahr', Blondes Haar" in Deutschland schon bekannt war und die "Bravo" eben dann schon ne Kampagne gestartet hat - "Gebt Ricky eine Chance" - ist er dann doch eher so als Beat-Schlager verwertet worden. Allerdings gleich sehr hochkarätig mit Giorgio Moroder, der seine ersten Sachen geschrieben hat.
    Mandoline, die wie ein Synthesizer klingt
    Lechler: Und, dass Moroder, wie Sie sagen, seinen ersten Hit geschrieben hat, dieses "Ich sprenge alle Ketten" - ich hab mir das nochmal angehört, also so revolutionär klingt das jetzt nicht. Das war, bevor Giorgio Moroder der Giorgio Moroder war?
    Geene: Ja, aber er hat damals ja auch schon, auch viele andere Sachen auch selber geschrieben, auch mit Michael Holm Sachen geschrieben. Und wenn man da so hört, wie die produziert sind, dann ist das schon sehr bastelmäßig. Also er war so ein schon sehr genialer Kellerbastler, der eben auch damals diese Mandoline so verfremdet hat, dass sie eigentlich schon auch wie ein Synthesizer klingt. Und, so eine Mischung, also das ist schon auch da drin. Also natürlich ist das nicht revolutionär, aber es hat doch einen sehr starken Appeal von "Nein, nein, nein, nein, nein" wird da drin immer gesagt – das hat schon einen ziemlichen Drive.
    Lechler: Wie erzählen Sie denn nun seine Geschichte? Also ich meine, Sie sind Medienwissenschaftler und selber auch Autorenfilmer. Da ist es ja – noch dazu bei diesem nicht besonders konventionsfreundlichen Donaufestival – vermutlich ein Musical in Anführungszeichen?
    Geene: Ja, Musical, das ist auch... wir haben es eher ein Essay-Theater genannt und tatsächlich geht es auch nicht darum, jetzt Ricky Shayne also als Held zu feiern. Weil ich bin eher so gegen diese Kultur, die jetzt so weit um sich greift, dass jetzt … ständig wird irgendwie jemand neu als Held wiederinszeniert. Und immer wieder die gleiche Geschichte: Ja, da ist jemand, der so gegen die Konventionen antreten musste und dann hat er aber doch dazu gehalten und dann, jetzt, können wir die Genialität dessen erkennen, von David Bowie bis Ich-weiß-nicht-wem. Mich berührt sowas auch immer, auch, keine Ahnung, die Punkgeschichte nochmal neu zu lesen oder irgendwelche Bands, aber das ist trotzdem immer eine komische Geschichte, wo man sich eben so nen Helden schafft, ihn immer nochmal wieder neu zuschreibt. Ich finde, man muss eher nen ganz schrägen Blick werfen auf diese Nachkriegszeit mit ihrer totalen Besessenheit von Black Music und dem Wunsch, sich das irgendwie wohnzimmermäßig anzueignen. Mich interessiert dann eher: Was ist an Unheimlichem in diesem scheinbar so straighten Zugang zu Popmusik und versuche da eher, das Unheimliche auszuloten.
    "Extreme Sexualisierung"
    Lechler: Worauf sind Sie gestoßen? Unheimliches?
    Geene: Ja, dass sich diese Mischung aus zum Beispiel auch der Vermarktung – auch eines männlichen Körpers –, wenn man da genau drauf guckt, sich das schon auch ein bisschen komisch anfühlt. Und auch interessant, weil es eben auch so die, eigentlich eine extreme Sexualisierung – eben nicht nur als … da wird jemand sozusagen sexualisiert, sozusagen, als Handelnder, als Täter, als Playboy, sondern eben auch als Objekt - zum Beispiel zwischen Subjekt und der Entmachtung dann dieser starken Playboy-Figur und das eben Zum-Objekt-Machen, das findet viel statt, wenn man da genau guckt.
    Lechler: Ich nehme an, Ricky Shayne selber hat nicht in diesen Kategorien gedacht?
    Geene: Also, ich meine, er hat in diesen Kategorien gelebt. Und dieses Leben hat er dann auch sehr, sozusagen, intensiv geführt. Auch mit, er hat sehr stark dazu beigetragen auch, dass man es mit ihm nicht leicht hatte und das hat er auch sehr bewusst gemacht, das ist auch sein Selbstbild: "I am no asslicker". Und das hat er auch immer kultiviert und das ist auch einer der Gründe, warum dann auch die Leute trotz seines Erfolges Schwierigkeiten mit ihm hatten.
    Nicht die seifige Seite
    Lechler: Die Musik fürs Musical jetzt kommt von Justus Köhncke, Technomusiker, vormals Teil des Elektroniktrios "Whirlpool Productions", aber eben auch immer großer Schlagerfan und –spezialist. Was haben Sie beide im Vorfeld besprochen? Worauf kam es Ihnen an?
    Geene: Es geht jetzt nicht darum, was jetzt vielleicht nahe liegen würde, sozusagen die seifige Seite von Ricky Shayne in manchen Sachen nochmal wieder aufzugreifen und der eine andere Qualität abzugewinnen – das ist vielleicht auch in Momenten da –, sondern ich hab eigentlich Justus angesprochen auf die Phase, wo eben Ricky Shayne parallel oder zeitgleich zu "Mamy Blue" angefangen hat - auch von seiner Plattenfirma unterstützt -, so funkige Musik zu machen. Da gibt es diese englischsprachige Platte "Mamy Blue", da sind eben nur Titel drauf von Otis Redding und anderen, die also das total sprengen. Dann ist er zu Ariola gegangen und hat dann eigene Kompositionen veröffentlicht, die auch dann nochmal Moroder, beziehungsweise Pete Bellotte, sozusagen produziert haben und das ist total extremer Kram. Und ich hab eigentlich versucht, diesen Teil mit Justus in Verbindung zu bringen – das ist jetzt nicht einfach nur eine Wiedererweckung von seifigem Schlager, sondern eher sozusagen die Abseite davon, von Justus nochmal aufgegriffen.
    Lechler: Und das jetzt mit dieser modernisierten Musik, mit Fernsehausschnitten arbeiten Sie, glaube ich, auch – und Ricky Shayne selber ist dabei und seine beiden Söhne. Seine beiden Söhne, die ihn offenbar spielen? Was haben die für ein Verhältnis zur Laufbahn ihres Vaters?
    Geene: Ja, also das ist natürlich sehr spannend. Die sind noch relativ jung, also 22, 23, also der Ricky Shayne, den sie kennengelernt haben als Vater, ist ein ganz anderer gewesen. Und die haben auch alle möglichen Gefühle, die man da so haben kann: Zwischen "interessiert mich gar nicht, was ist das?" und dann Beeindruckung auch von gerade den Sachen, die dann auch sehr stark waren und die sind auch mit dem aufgewachsen. Also zum Beispiel beide sind auch sehr gute Musiker, aber diese "Bravo"-Schlager-Seite hat sie nie so interessiert.
    Dschungelcamp-Angebot abgelehnt
    Lechler: Wenn der jetzt durch ihr Musical vielleicht wieder mehr Gesprächswert kriegt, sehen wir ihn dann als nächstes im Dschungelcamp?
    Geene: Also das Dschungelcamp-Angebot hat er schon lange gehabt – und abgelehnt. Da ist er zu stolz für. Und deshalb wird man da beim Dschungelcamp wohl auf ihn warten müssen.
    Lechler: "Mutwillig, Shayne", das Musical. Morgen um 18 Uhr und am Samstag um 17:30 Uhr beim Donaufestival in Krems. Stephan Geene - Danke fürs Corsogespräch!
    Geene: Vielen Dank auch.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.