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"Theater fängt da an, wo ein Mensch auf der Bühne steht in"

Zu Beginn der neuen Spielzeit am Schauspielhaus in Bochum hat die Chefdramaturgin,Franziska Kötz eingeräumt, dass gutes Theater auch unter schwierigen finanziellen Umständen möglich sei. Am Schauspielhaus Bochum hatte ein Feuer in der vergangenen Woche die Requisitenhalle zerstört.

Moderation: Christoph Heinemann |
    Christoph Heinemann: Erfinderisches Bochum. Dort steht heute Abend trotz des abgebrannten Requisitenlagers Johannes Rosmer auf der Bühne, der Besitzer von Rosmersholm, ein Stück von Hendrik Ibsen. Am Telefon ist Franziska Kötz, die leitende Dramaturgin des Schauspielhauses. Guten Morgen.

    Franzisca Kötz: Guten Morgen.

    Christoph Heinemann: Frau Kötz, wie macht man Theater ohne Requisite?

    Kötz: Theater fängt da an, wo ein Mensch auf der Bühne steht in einem Raum, das kann auch sogar zur Not eine leere Bühne sein, wo ein bisschen Licht ist und ein Mensch jemandem, diesem anderen Menschen, zuguckt. Das ist die Grundvoraussetzung, denke ich, von Theater. Und nach unserem wirklich verheerenden Brand, bei dem eben nicht nur die Requisiten verbrannt sind, der gesamte Theaterfundus verbrannt ist, der Malersaal verbrannt ist, sondern auch zwei Drittel unserer gesamten eben noch spielenden Bühnenbilder, ist das einfach eine Voraussetzung, an die man sich dann aus dem Mut der Verzweiflung heraus auch gerne wieder erinnert.

    Heinemann: Also, man kann auch großes Theater ohne großes Theater machen?

    Kötz: Es ist nicht zwingend so. In der Not ja. Das ist aber jetzt kein Plädoyer dafür, dass wir die Bühnenbilder abschaffen wollen, weil sie nicht notwendig seien. Nur, in diese Notsituation gestellt und angesichts dessen, dass unser Bochumer Publikum unsere Vorstellungen sehen möchte, gehen wir soweit natürlich, dass wir sagen, selbstverständlich werden wir unsere Vorstellungen spielen. Und sei es in einem halben Bühnenbild.

    Heinemann: Frau Kötz, Stefan Merki riecht einen langsam verwesenden Theaterkörper. Nimmt Ihr Geruchssinn Ähnliches wahr?

    Kötz: Kann ich im Moment von diesem Haus aus sagen: überhaupt gar nicht. Ganz im Gegenteil. Also wenn ich jetzt den Brandgeruch in diesem Falle in der Nase wahrnehme, wie nicht nur die Menschen innerhalb des Theaters zusammenrücken, die Arme aufkrempeln und sagen, wir spielen trotzdem und dennoch, und wir spielen mit dem Feuer - im wahrsten Sinne des Wortes - kann ich diesen Geruch nicht wahrnehmen. Genau so wenig, wenn ich raus gucke und unser Publikum mir anschaue, mit welch ungeheuerlicher Hilfsbereitschaft, Unterstützung und Solidarität in dieser schwierigen Situation uns unter die Arme gegriffen wird, sei das mit Geld, sei das mit Sachspenden, sei es durch den Besuch des Theaters selbst - so hoffen wir jetzt zumindest, weil wir heute die Rosmersholm-Premiere haben, (…) in der Regie von Elmar Goerden als Eröffnung unserer Spielzeit.

    Heinemann: Merki kritisiert ja, dass die selbe öffentliche Hand, welche die Etats der Theater immer weiter kürzt, mit der Gewerkschaft ver.di dann Tarifabschlüsse unterschreibt, die diesen Theatern in jedem Jahr bis zu drei Prozent mehr Kosten bescheren. Um den Apparat zu erhalten, müssten Intendanten - vielleicht nicht in Bochum, aber andere - mehr und mehr an der Kunst sparen. Kein schöner Beruf.

    Kötz: Ein Beruf, in dem es sicherlich die Übung verlangt und das ständige Austarieren von Kompromissen, von speziellen Verabredungen. Und ich kann nur Herrn Merki also meinen großen Respekt dafür aussprechen, dass es ihm gelungen ist und dass er diesen Mut bewiesen hat, aus dieser Tarifbindung hinaus zu gehen. In jedem Falle. Ob das für jedes Haus die einzig richtige Lösung ist, finde ich, steht auf einem anderen Blatt und ist im Falle von Haus zu Haus zu prüfen. Auch wir kämpfen natürlich durchaus mit bestimmten Vorgaben seitens der Gewerkschaften, wo wir sagen, das ist mit der Kunst nicht in Einklang zu bringen, haben aber bislang ganz gute Erfahrungen damit machen können und von Fall zu Fall mit den jeweiligen Abteilungen, mit den jeweiligen Personalräten dann auch abzusprechen.

    Heinemann: Wo können Häuser sparen?

    Kötz: Möglichst nicht an der Kunst, ist da die ganz klare Antwort, oder sie sollten das nicht tun. Ich stimme Herrn Merki sehr zu, dass er ja auch auf den Punkt ganz deutlich aufmerksam macht, dass die Strukturen für die Kunst da sind und nicht umgekehrt, die Kunst für die Strukturen. Das heißt da, wo es gelingt, den Apparat, der der Kunst ja dienen soll, schlanker zu machen, das wäre von großem Vorteil. An der Kunst zu sparen ist fatal, weil…

    Heinemann: Was heißt das genau: Apparat schlanker machen? Ein Beispiel bitte.

    Kötz: Den Apparat meint, wo sagen wir mal Verwaltungen, wo Theaterorganisationen Wasserköpfe bilden könnten, dort das zu überprüfen, das halte ich für sehr geraten, natürlich. Ich sehe aber keine Alternative darin, dass man sagt zum Beispiel, man macht nur fünf Produktionen oder zehn im Jahr. Das würde einfach bedeuten, dass wir unserem Publikum - und wir haben ja einen Auftrag als ein Stadttheater - nur einen ganz schmalen Ausschnitt aus der Theaterliteratur, aus der Theatertradition überhaupt zeigen könnten. In dem Sinne würde ich nie, natürlich nie dafür plädieren an der Kunst zu sparen.

    Heinemann: Das Intendantenmodell ist in aller Munde. Das heißt ein künstlerischer Leiter bespielt ein Haus mit Projekten. Er kauft quasi die Inszenierungen ein. In der alten Musik ist das üblich. Es gibt ja in Deutschland keine festen Barock Orchester. Ist das die Zukunft vieler Häuser in Deutschland?

    Kötz: Ich würde hoffen nicht, weil das natürlich unser einmaliges und wirklich über Jahrhunderte sehr gewachsenes Stadttheater abschaffen würde. Unter dem Strich würde das darauf hinauslaufen, weil dann ein Intendant natürlich in der Lage wäre, sich Glanzlichter aller Orten sage ich jetzt mal einzukaufen zwar, aber weder eine Ensemblepflege stattfinden könnte, noch ein Theater stattfinden könnte, worüber eine Identifikation auch seitens der Bürger einer Stadt mit ihrem Theater überhaupt dann noch stattfinden könnte.

    Heinemann: Aber bevor man ganz dicht macht?

    Kötz: Ich sehe das im Moment noch nicht so nah am Horizont, wie das vielleicht der Herr Merki tut. Ich denke, dass wir dessen gewärtig sein müssen, dass das eine Gefahr ist, unter der wir stehen. Noch aber sehe ich mich lieber auf der Position zu sagen, ich kämpfe mit allen Mitteln für das Stadttheater und gebe auch nicht auf, dass wir eine Theaterlandschaft haben, die ungeheuerlich vielfältig ist. Weil die Schattenseite des so genannten Intendantenmodells wäre ja auch die, dass man mehr oder weniger landauf, landab aller Orten mehr oder weniger die gleichen Produktionen sähe, weil der Pool der Projekte, die man einladen kann, ist so unendlich ja wiederum nicht, das heißt, unter dem Strich dann auch austauschbar.

    Heinemann: Frau Kötz, Kino, Fernsehen und Internet sind alte und neue Konkurrenten des Theaters. Wie bekommt man heute junge Menschen in die Schauspielhäuser?

    Kötz: In dem man ihnen Geschichten erzählt. Ich glaube nicht, dass wir uns messen müssen, vergleichen müssen, in die Konkurrenz stellen müssen von den jetzt von Ihnen genannten Medien, ob es Internet, Kino, Film und Fernsehen ist. Was ich beobachte hier bei uns im Haus - und wir haben ja eine sehr starke, sehr engagierte Sparte Junges Schauspielhaus Bochum - merke ich ganz deutlich in der Reaktion des Publikums auf das Theater, was dort für Jugendliche, für Kinder gemacht wird mit Kindern, mit Jugendlichen und mit jungen Erwachsenen gemacht wird, dass es ein wirkliches Bedürfnis, eine Lust, eine Sehnsucht nach der Auseinandersetzung mit einzelnen konkret erlebbaren Geschichten gibt. Und ich glaube diese Lust und diese Sehnsucht kann uns keiner der genannten Medien wegnehmen.

    Heinemann: Also Stichwort Geschichten: Rosmersholm beginnt mit einer Toten und endet mit zwei Toten. Was unterscheidet Ipsen vom Tatort?

    Kötz: Eine ungeheure reiche Welt. Ich will das dem Tatort nicht absprechen, verstehen Sie mich da nicht falsch, aber ich glaube es ist doch was anderes. Wenn man einen Ipsen erzählt bekommt, der innerhalb - bei uns sind es knappe drei Stunden - innerhalb von drei Stunden die Biographie von sechs Menschen sich langsam im Rahmen eines psychologischen Krimis zu entfalten beginnt, dann hat es insofern doch etwas mit einem Krimi zu tun, als dass man sagen kann, die Struktur, die Ipsen uns in seinem Stück vorschlägt, ist eine Krimistruktur. Auch bei uns auf der Bühne, so hoffe ich zumindest, wird das Theater mit einem gewissen (…) zu erleben sein. Es gibt die Spannung darauf, wie sich diese Geschichte entwickelt, ja, aber ich glaube der Unterschied ist natürlich ganz eindeutig, wenn ich einer Imogen Kogge, einem Markus Boysen beim Erleben dieser Geschichte unmittelbar zusehen kann, würde ich das immer einem Tatort vorziehen.

    Heinemann: Franziska Kötz, die leitende Dramaturgin des Bochumer Schauspielhauses. Danke schön für das Gespräch, viel Glück für heute Abend. Was sagen Theaterleute vor der Premiere?

    Kötz: Toi, toi, toi.

    Heinemann: Das wünschen wir Ihnen. Danke.

    Kötz: Danke