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Theater in Weißrussland
Geheime Auftritte und omnipräsente Zensur

Die alternative Theaterszene in Weißrussland hat es schwer. Denn Experimentelles und Zeitgenössisches werden von der Regierung abgelehnt. Allerdings gibt es auch Entwicklungen, die Hoffnung machen.

Von Pauline Tillmann | 29.05.2014

    Schauspieler der Gruppe "Belarus Free Theatre". Wegen ihrer Kritik an der Regierung ist die Truppe in Weißrussland verboten.
    Schauspieler der Gruppe "Belarus Free Theatre". Wegen ihrer Kritik an der Regierung ist die Truppe in Weißrussland verboten. (picture alliance / EPA / Tatyana Zenkovich)
    Eine geheime Vorstellung im Weißrussischen Dramaturgischen Theater. Auf der kleinen Bühne wird das Stück "Latente Männer" aufgeführt. Im Publikum sitzen 40 ausgewählte Zuschauer. Es geht um die Rolle der Männer in der heutigen Zeit. Es geht um ihre Verweichlichung, um Fremdbild und Selbstbild. Während der gesamten Vorstellung tragen die Männer nur eine weiße, eng anliegende Unterhose. Im weißrussischen Publikum sorgt das für Verwunderung, Erstaunen, mitunter Entrüstung. Der Regisseur Evgenij Korniag sagt:
    "Bei mir gibt es keine verbotenen Themen. In der Sowjetzeit hat man niemals über Sex gesprochen, über Frauen und Männer, es gab keine sexuelle Aufklärung - und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Es existiert kein natürlicher Umgang mit dem eigenen Körper - deshalb führe ich diesen Körper auf der Bühne radikal vor. Wenn die Männer Unterwäsche tragen, schockiert das viele. Ich mache das nicht, um das Publikum zu schockieren, sondern weil ich finde: Das muss so sein."
    Evgenij Korniag hat ein Stipendium bekommen und lebt seit einigen Monaten im polnischen Lodz. Früher hat er an der Kunstakademie in Minsk unterrichtet. Die Schauspieler der "Latenten Männer" sind seine ehemaligen Studenten. Doch vor einem Jahr hat er die Akademie öffentlich kritisiert - und wurde gefeuert. Mit seinem Studentenkollektiv arbeitet er trotzdem weiter zusammen, auch wenn das finanziell oft schwierig ist.
    "Wir haben ein seltsames System: Wenn man ein Theater mietet, gehen 70 Prozent der Einnahmen für die Miete weg. Und mit den übrigen 30 Prozent soll man Werbung, das Bühnenbild und die Schauspieler bezahlen. Das heißt, alles, was ich in Minsk mache, ist mein Hobby. Ich gebe dafür Geld aus, aber ich bekomme nichts zurück."
    Etwa 3.000 Laientheater
    Weil es in Minsk verboten ist, ausländische Stipendien anzunehmen, arbeitet Evgenij Korniag in Polen. Er sagt, dass er es satthabe, sich mit den Behörden herumzuschlagen. In Polen könne er endlich "frei atmen".
    "Alle unsere Theater in Weißrussland sind traditionell oder klassisch. So etwas wie experimentelles Theater wird von Regierungsseite alles andere als begrüßt. Es heißt immer: Wir haben doch staatliche Theater - warum braucht es da noch andere?"
    Und doch gibt es eine Handvoll weiterer zeitgenössischer Theaterkollektive in Weißrussland. Das "Swabodnij Theater" - freies Theater - gehört dazu, genauso wie die Gruppe "InZhest". Im ganzen Land gibt es 30 staatliche Theaterhäuser - hinzukommen etwa 3.000 Laientheater, die zum Beispiel mit Kindern arbeiten. Der Theaterkritiker Aleksej Strelnikow meint:
    "Es kann gut sein, dass im Nachbarhaus etwas Interessantes passiert, aber man davon rein gar nichts erfährt. Denn es gibt kein System, es gibt keine Webseite, auf der man über alle Veranstaltungen informiert werden würde. In Weißrussland gibt es Informationen immer nur häppchenweise."
    Eine weitere Schwierigkeit: Einen Ort, zum Beispiel eine variable "Black Box" für experimentelles Theater, sucht man in Minsk vergeblich. Denn letztlich fehlt der politische Wille, Zeitgenössisches voranzubringen. Deshalb hat sich die 29-jährige Tatsiana Arcimovic für die Inszenierung ihres letzten Stückes etwas Ungewöhnliches einfallen lassen.
    "Wir hatten keine Bühne, auf der wir hätten proben oder das Stück zeigen können. Deshalb haben wir uns bewusst einen Monolog ausgesucht, für den das nicht unbedingt notwendig war. Wir haben an allen möglichen Orten geprobt und das Stück schließlich im Klub aufgeführt. Wir haben also eine kurzfristige Lösung gefunden - aber ein richtiger Ausweg ist das natürlich nicht."
    Nur wenige Zuschauer
    Hinzu kommt, dass die Zensur in Weißrussland omnipräsent ist. Bekannte Musikbands, die offiziell verboten sind, treten im Ausland auf. Und auch Regisseur Evgenij Korniag drängt es immer öfter, außerhalb von Minsk aufzutreten - in Form von Gastauftritten oder bei internationalen Theaterfestivals. Die seltenen Aufführungen in seiner Heimat sind schnell ausgebucht. Allerdings ist die Zahl der Besucher überschaubar, die Bühne klein. Theaterkritiker Aleksej Strelnikow meint:
    "Man erreicht damit zwar nur Wenige, aber bei diesen Wenigen legt man das Fundament für ihre weitere Entwicklung. Ich bin mir sicher, dass die Besucher von Korniag sogar inspiriert werden, ein eigenes Theaterprojekt zu starten. Viele von ihnen haben zum Beispiel mit modernem Tanz begonnen oder mit Improvisationstheater."
    Vor zehn Jahren gab es in Weißrussland nur ein Kollektiv, das sich modernem Theater verschriebenen hat. Jetzt sind es bereits zehn. Und es scheint so, als ob die Schwierigkeiten, mit denen die Gruppen zu kämpfen haben, sie nur noch stärker machten. Die Entwicklung als Ganzes stimmt also - auch wenn man es nicht erwarten würde - durchaus hoffnungsfroh.