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StartseiteKultur heuteManische Tristesse des Totenreiches14.12.2013

TheaterManische Tristesse des Totenreiches

Der Tod lässt aus der Zeit fallen. Dieses Gefühl kennt, wer einen geliebten Menschen verloren hat. Der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist David Grossman hat seinen Text deshalb so genannt: Andreas Kriegenburg inszeniert "Aus der Zeit fallen" am Deutschen Theater Berlin.

Von Eberhard Spreng

Der israelische Autor David Grossmann würdigt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem den Schriftsteller Bruno Schulz; im Hintergrund ein Selbstporträt (picture-alliance/ dpa)
David Grossmans "Aus der Zeit fallen" wird am Deutschen Theater Berlin aufgeführt. (picture-alliance/ dpa)

Der lange Abend beginnt mit einem magischen Bild. Flackernde Lichter werden auf die dunkle Bühne getragen und steigen langsam in den schwarzen Raum. Auf drei bis fünf Metern Höhe werden sie nun über einer weitgehend leeren Bühne schweben. Wer einmal Yad Vashem in Israel besucht hat, wird Mühe haben, hier nicht an die Kindergedenkstätte erinnert zu sein mit ihrer Kuppel aus entschwebenden Lichtern. Und vielleicht wird hier gleich zu Beginn des Abends eines seiner großen Probleme offenkundig: Aus Sorge, David Grossmans Requiem "Aus der Zeit fallen" auf der Bühne nicht kraftvoll genug zu bebildern, bemüht Kriegenburg zu viel mächtiges Pathos und Feierlichkeit.

Unter den vielen Lichtern ein Tisch, an dem Mann und Frau sich in fahlem Funzellicht gegenübersitzen. Sie haben ihren Sohn verloren, im Krieg im Libanon, so wie David Grossman. Er beschließt, sich auf den Weg zu machen, auf die Suche nach dem gestorbenen Sohn, auf die Reise ins Totenreich.

Frau: "Bis ans Ende der Welt käme ich mit dir, du weißt es. Aber du gehst ja nicht zu ihm, du gehst an einen anderen Ort, und nach dort komm ich nicht mit, kann ich nicht gehen. Gehen ist leichter als Bleiben. Fünf Jahre schon beiß ich in meine Faust, um nicht zu gehen, nicht nach dort. Das gibt es nicht, es gibt kein dort."

Mann: "Wenn wir nach dort gehen, wird es dort geben."

Während mehr als drei langen Stunden werden wir Matthias Neukirch nun im Kreis laufen sehen, rings um die Drehbühne, rings um eine Performance, die das Leiden und das Trauma weiterer Menschen bebildert, die ebenfalls psychisch schwer zu bewältigende Verluste erlitten haben. Über der Bühne schwebten zwischen den Lichtern zunächst auch sechs zusammengekauerte Figuren in engen kleinen Glasvitrinen. Jetzt sinken sie eine nach der andern herab. Eine junge Frau entwindet sich einem Bündel von Schnüren – es ist die stumme Frau im Netz aus Grossmans Erzählung. Auf schwarze Plastikplanen kritzelt der greise Rechenlehrer Zahlen, schwarze Plastikschnipsel entbirgt die Hebamme einem Riss in einer dieser Planen, mit denen große Kuben eingewickelt sind.

Bühnenarbeiter wälzen sie umher und mit ihnen die von Wand zu Wand kraxelnden Insassen. Das aus der Zeit fallen, das für den wandernden Protagonisten der Tod des Sohnes bedeutet, interpretiert Andreas Kriegenburg hier augenfällig als ein aus dem Raum fallen, als eine fundamentale Erschütterung der Raum-Zeit-Koordinaten. An einen kleinen Schreibtisch ist Jörg Pose mit einer Vielzahl von Fäden gefesselt, gefangen wie im Spinnennetz einer Selbst-Beauftragung: Die Sprache finden für das amorphe Leiden, den namenlosen Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen. Um ihn herum sind Spielsachen in Fäden, verfangen im Kubus der Erinnerungen. Kontrapunktisch ist von der ersten Szene an Bernd Moss als Chronist der Stadt auf der Bühne unterwegs. Ein kleines Licht scheint aus seinem Schreibblock empor auf ein staunendes Gesicht. Als kleinen Beamten beschimpft der Zentaur genannte Schriftsteller den Chronisten als kleinen Aufschreiber, dem nicht die Aufgabe zukommt, das Nichts, das Nicht-Sein mit den Worten zu bändigen. "Ist's möglich", sagt der Zentaur abschließend erstaunt, "dass ich dafür die Worte fand."

Zuvor hatten sich der greise Rechenlehrer, die Frau im Netz, die Hebamme und weitere mit dem gehenden Mann zu einer Trauerprozession zusammengeschlossen, ihre Schritte sind ermattet und kraftlos, ihre Körper gebeugt unter der Last. Gegen schwarze Wände aus Plastik kämpfen sie an, mit Bahnen aus schwarzem Plastik werden sie zurückgehalten. Die Bühne selbst ist eine Schlucht aus schwarzem Gestein, der tiefste Punkt einer Kohlengrube. Nicht alle Texte erreichen in dieser zunehmend lähmenden und ermüdenden Aufführung die Zuschauer, zu bilderverliebt agiert der Regisseur.

Denn Andreas Kriegenburg bebildert Grossmans "Aus der Zeit fallen" so, als wollte er zu jedem seiner Motive eine kongeniale Bildernacherzählung entwerfen. Aber er wird der Erzählung in zehn Stimmen so nicht gerecht, denn während die Sprache die Hoffnung aufkeimen lässt, den Tod letztlich doch überwinden zu können, verharrt das Theaterbild in manischer Tristesse, im Totenreich. Es ist wie bei Orpheus und Eurydike, die Sprache kehrt ins Licht zurück, das Bild bleibt in ewiger Finsternis. 

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