Samstag, 24. Februar 2024

Archiv

Theaterprojekt in Düsseldorf
Flüchtling für einen Abend

Im Theaterstück "Right of Passage" wird der Zuschauer Teil der Dramaturgie. Er kann ins Geschehen eingreifen und so selbst erfahren, was es heißt, als Flüchtling auf verschlossene Türen zu stoßen und zwielichtige Gestalten für falsche Versprechen zu bezahlen.

Von Dorothea Marcus | 12.03.2014
    Schauspieler Lasse Marburg lehnt an einem Kontrollpunkt, hinter dem Schauspieler Philip Steimel steht, beide schauen links an der Kamera vorbei. Über ihnen zeigt eine analoge Uhr 5.52 Uhr an.
    Lasse Marburg (l.) und Philip Steimel bei der Generalprobe von "Right of Passage" (dpa / Horst Ossinger)
    "Die Einreisebedingungen in die Lörische Republik waren bereits im Laufe des letzten Jahres erschwert worden. Jetzt fordert das Korminische Kombinat ein gezielteres Vorgehen. Wer künftig ein Visum beantragen möchte, muss entweder besondere Voraussetzungen erfüllen oder einen besonderen Grund vorweisen. - Was soll denn das sein? - Das bedeutet, dass hier noch mehr Gesindel hängen bleibt."
    Das Gesindel sind die Zuschauer. Mit einer Gruppe von Schicksalsgefährten wurden sie durch den kahlen Bühneneingang geschleift, mussten lange warten und sich in Wikipedia-Ausdrucken über die fiktiven Staaten dieses Bühnenspiels informieren. In Ros-U herrscht Willkür, religiöser Zwang und Verfolgung, in Pradea Armut. Manche sind Bürger des kommunistischen "vereinten Akrolien" und recht privilegiert – es gibt sogar 500 Pradt Kampfgeld. Welches Land auch immer auf dem neuen Pass steht, irgendwann stolpern sie mit neuer Identität in das Auffanglager Gophtal und wollen nur eins: in die Lörische Republik, seit 250 Jahren ein "solidarischer Wohlfahrtsstaat".
    "Der Grenzübergang in die Lörische Republik ist geöffnet, bitte beachten Sie die Pausenzeiten."
    Geld zu verdienen, erweist sich als das verlässlichste Tool im ansonsten zunächst unübersichtlichen, interaktiven Spielsetting "Right of Passage". Machina eX bringen es als Krönung ihrer zweijährigen Recherche-Residenz am FFT Düsseldorf zur Uraufführung - auf einer verschachtelten Bühne aus Bars, Arzt-Kabinen, Grenz-Häuschen und Zocker-Kaschemmen.
    Das Theatergame ist in zwei Modi aufgeteilt: Entweder ist der Zuschauer auf sich allein gestellt, der Willkür des bulligen Soldaten ausgeliefert oder der gouvernantenhaften Fabrikaufseherin, die auch nach sinnlosester Fließbandarbeit das Geld nicht immer auszahlt. Da ertappt man sich bei der eigenen Rücksichtslosigkeit und blickt verächtlich auf neu eintreffende Zuschauergrüppchen - Konkurrenten beim Platz an der Sonne.
    Dann wieder gibt es Szenen, in denen sich die Zuschauer zusammentun müssen, um gemeinsam ein Rätsel zu lösen, sonst geht es nicht heraus aus dem Endlos-Loop.
    "Rück mein Messer raus! - Hups - habe ich sein Messer weiterverkauft? - Rück mein Messer raus! - Hups - habe ich sein Messer weiterverkauft? Ich muss mich erinnern! - Hab ich sein Messer weiterverkauft! - Rück mein Messer raus!"
    Ein ewiger Loop der Abweisung
    "Erst im Vollzug von Systemen kann ein System erfahrbar gemacht werden", sagt der Computerspielwissenschaftler Ian Bogost im Programmheft. Bei machina eX ist der Zuschauer zur symbolhaften Spielfigur geworden, digital ausgespuckt vom Zufallsgenerator seines Schicksals.
    So muss man sich fühlen in der Tretmühle der Ausgestoßenen: Man tritt auf der Stelle, überall wird man abgeschmettert, alles kostet. Immerzu steigen Hektik, Druck und Stress, weil die Zeit verrinnt und sich die Asylbedingungen verschärfen. Auf der großen Grenzuhr in Gophtal rast der Minutenzeiger sekundenschnell.
    Ohne eigene Aktivität passiert in diesem Asylbewerberdrama nichts. Am Ende hat es auch nur einer der Zuschauer in die Lörische Republik geschafft. Statistisch dürfte es ähnlich aussehen.
    Es dauert ein wenig, bis man den Mitmach-Modus dieses Abends begriffen hat. Erstmals kann man, das ist neu bei machina eX, mit den Performern direkt kommunizieren, ihre Geschichten erfahren, in den Spielverlauf eingreifen - hier scheint man sich vom fast schon legendären dänischen Performance-Duo SIGNA inspiriert zu haben. Um vollständig in der Fiktion aufzugehen, ist "Right of Passage" aber mit zwei bis drei Stunden immer noch zu kurz. Hier will an keiner Stelle echte Bedrückung aufkommen, zu schrill gespielt und klamaukig verhalten sich die Performer in den fünf gestellten Szenen, kurz und gehetzt ist jedes Gespräch mit ihnen. Was machina eX aber meisterhaft gelingt, ist ihr Eingriff ins Bewusstsein und die brutale Digital-Vereinfachung eines der Grundprinzipien westlicher Gesellschaften.
    Selten hat man so anschaulich gespürt, wie es ist, als Flüchtling in einem ewigen Loop festzustecken, im gnadenlosen, immer schon verlorenen Kampf um ein besseres Leben, in den man nur durch Zufall geraten ist. Die Mechanismen der Abschottung lassen sich so auf beeindruckend anstrengende Weise am eigenen Körper erleben.