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StartseiteInterview"Vielleicht ist ein abgespecktes Weihnachtsfest eine Chance"24.11.2020

Theologin Margot Käßmann"Vielleicht ist ein abgespecktes Weihnachtsfest eine Chance"

"Weihnachten wird in diesem Jahr anders sein" - das weiß auch die evangelische Theologin Margot Käßmann. Sie schlug im Dlf vor, die besondere Zeit und das Weihnachtsfest als Chance zu sehen. Man könne sich von Druck und Überfrachtung befreien und sich als Familie auf das Wesentliche konzentrieren.

Margot Käßmann im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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07.05.2019, Baden-Württemberg, Freiburg: Die evangelische Theologin Margot Käßmann spricht während eines dpa-Interviews mit einem Redakteur. Käßmann wünscht sich einen flexibleren Umgang in Deutschland mit dem Ruhestand. Foto: Patrick Seeger/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa/ Patrick Seeger)
Margot Käßmann ist evangelische Theologin und war bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (picture alliance / dpa/ Patrick Seeger)
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Im Moment wird mit Weihnachten Politik gemacht: Coronapolitik. Nach Agenturmeldungen sollen zwischen dem 23. Dezember und 1. Januar bis zu zehn Personen zusammenkommen dürfen – im Vorfeld gab es viel Diskussionen, ob die Menschen nicht ein Recht auf ein unbeschwertes Weihnachten hätten.

Die Theologin und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann warnt vor einer Überfrachtung des christlichen Festes und vor einem, wie sie es nennt, "Kontaktfasten auf dieses Weihnachtsfest hin". Die Welt sei ja nicht plötzlich eine andere, nur weil Weihnachten sei, und dann gingen anschließend die Coronazahlen wieder in die Höhe.

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"Klare Absprachen in den Familien notwendig"

Käßmann sieht in der Corona-bedingten Besinnung auf das Wesentliche und einem kleinen Personenkreis auch eine Chance. Ohne Kitsch, ohne Advents- und Weihnachtsmarktstress und konzentriert auf die Botschaft der Engel in der Weihnachtsgeschichte "Fürchtet euch nicht!", könnten Menschen vielleicht "wieder das entdecken, wovon Weihnachten eigentlich spricht".

Wichtig findet Käßmann aber, dass Familien sich ganz klar besprechen, damit keiner sich am Ende außen vor fühlt. "Die Einsamkeit ist die größte Furcht. Es sind klare Absprachen in den Familien notwendig."

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Das Interview im Wortlaut:

Tobias Armbrüster: Frau Käßmann, haben die Menschen in Deutschland ein Recht auf ein Weihnachtsfest im Kreis der Großfamilie oder im großen Freundeskreis?

Margot Käßmann: So ein Recht auf so ein Weihnachtsfest gibt es nicht, und ich denke, dass wir sagen müssen, dass Weihnachten dieses Jahr anders sein wird. Das ist ganz klar unter Corona-Bedingungen und damit müssen wir uns abfinden. Wir dürfen uns da ja auch nichts vormachen, als sei am 23. Dezember die Welt auf einmal eine andere, eine ohne Corona, und jetzt können wir richtig feiern. Dann wachen wir alle auf am 28. Dezember und die Infektionszahlen gehen dramatisch in die Höhe.

"Macht nicht so einen Druck auf Weihnachten"

Ich finde, wir dürfen Weihnachten nicht überfrachten, dass alles jetzt darauf hingeht. Das tut dem Fest nicht gut und das war schon in den letzten Jahren manchmal schwierig, dass wir eher als Theologinnen und Theologen, Pfarrerinnen und Pfarrer gesagt haben, macht nicht so einen Druck auf Weihnachten, als wäre da alles anders, als es sonst im Leben ist.

Armbrüster: Haben Sie den Eindruck, dass die Politiker gerade das Weihnachten in diesem Jahr überfrachten?

Käßmann: Ich habe den Eindruck, es wird anders überfrachtet als sonst. In den anderen Jahren war es eher von der Familie her; auf einmal sollte alles ganz harmonisch sein, kein Streit, und da hatten dann manche schon Angst vor Weihnachten, weil das in der Regel nicht funktioniert. Jetzt wird es überfrachtet, als verzichten wir alle, ein Kontaktfasten auf dieses Weihnachtsfest hin, und damit wird dann begründet, dass der Lockdown länger geht, und dann freut euch auf Weihnachten. Da wäre ich sehr, sehr vorsichtig, weil dann das Fest zu etwas gemacht wird, auf das wir so warten, dass es sich dann nachher gar nicht erfüllen kann.

"Viel Kreativität" bei Gottesdienst und Infektionsschutz

Armbrüster: Wie soll man denn in den Kirchen darauf reagieren? Was ja auffällt ist, dass im Zuge von Weihnachten in diesem Jahr immer über die Feste zuhause gesprochen wird, über das Zusammensein, über die Familie, über die Freunde, die dann kommen dürfen. Was soll in den Gottesdiensten passieren?

Käßmann: Jetzt müssen wir mal sagen, dass Weihnachten natürlich für die Christen ein Fest ist. In Deutschland leben auch Juden, Muslime, Menschen ohne Glauben oder noch anderen Glaubens. Es ist erst mal ein christliches Fest und natürlich bereiten sich die Kirchengemeinden intensiv vor und überlegen seit Tagen und Wochen, wie sie das so gestalten können, dass es Corona-konform stattfindet. Ich finde es zum Teil sehr kreativ. Da werden Fußballstadien angemietet, in denen dann verteilt Menschen mit Abstand sitzen können. Viele planen Open-Air-Gottesdienste – warum nicht. Man kann sich warm anziehen und dann ist es ein kurzer knackiger Gottesdienst, aber Du kannst trotzdem "O du Fröhliche" und "Stille Nacht" auf Abstand im Freien singen. Oder Gottesdienste in Kirchen. Eine Kirchengemeinde, habe ich gelesen, wird 24 Stunden lang jede volle Stunde einen Kurzgottesdienst anfangen, so dass Menschen kommen können. Viele machen nach Anmeldung mehrere Gottesdienste hintereinander, damit dann alle auch kommen können, aber kurz und mit dem nötigen Abstand in der Kirche. Da ist viel, viel Kreativität und natürlich werden auch Gottesdienste gestreamt, im Fernsehen übertragen, über das Radio. Menschen, die es wünschen, können einen Gottesdienst bei sich zuhause haben über die Medien, oder können zu einem Gottesdienst gehen.

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"Weihnachten ist inzwischen ein Familienfest geworden"

Armbrüster: Sie haben es schon angesprochen: Es gibt in Deutschland jede Menge Leute, Millionen von Leuten, die aus unterschiedlichsten Gründen mit Weihnachten nichts anfangen können. Was sollen die mit dieser ganzen Debatte machen?

Käßmann: Ich denke, viele von ihnen feiern aber trotzdem Weihnachten. Ich kenne auch mehrere Muslime, die sagen, wir feiern auch Weihnachten, weil es ist für uns inzwischen einfach ein Familienfest geworden. Und ich denke, sie sollten sagen, wir wollen so feiern, dass wir keine Pläne machen, die nicht erfüllbar sind. Es wird Enttäuschungen geben. Das ist, denke ich, dieses Jahr ganz klar. Aber da müssen Menschen auch flexibel bleiben und ich finde sehr, sehr wichtig, dass Familien, die sich normalerweise alle treffen, das sehr klar besprechen, wie wollen wir feiern, damit nachher keiner sagt, ich war außen vor, ich war einsam. Die Einsamkeit ist, denke ich, die größte Furcht vieler Menschen im Moment für Weihnachten und da zu überlegen, wer besucht die Tante, wer geht zur Großmutter in das Pflegeheim, es sind klare Absprachen in den Familien notwendig, damit nachher nicht Einzelne mit ihren Erwartungen total enttäuscht sind.

Armbrüster: Frau Käßmann, Sie haben das Beispiel von Muslimen angesprochen. Wir können natürlich auch über viele andere Religionen sprechen. Sollte diese Corona-Krise vielleicht auch mal Anlass dafür sein, in Deutschland nachzudenken, wie man auf diese andere Religion vielleicht genauso viel Rücksicht nimmt und auf deren Feste wie auf die christlichen Feste?

Käßmann: Ich habe gerade gelesen von einem Muslim, der erzählt hat, wie sie Ramadan gefeiert haben und dann vor allen Dingen das Fastenbrechen, dass sie auch da versucht haben, Enttäuschungen vorzubeugen. Und ich denke, die Gläubigen, die miteinander aus den verschiedenen Religionen im Gespräch sind, die tun das auch in dieser Frage. Als Christin ist Weihnachten für mich natürlich das Fest der Geburt von Jesus, was wir da feiern, aber viele haben es doch auch übernommen und haben gesagt, das ist ein deutsches Familienfest inzwischen geworden, unabhängig von Religionen.

"Josef und Maria waren auch nicht im großen Familienkreis zusammen"

Für mich ist natürlich wichtig als Christin, dass dieser Engel – das ist ja das Entscheidende – sagt, fürchtet euch nicht, und ich finde, das ist doch die Botschaft von Weihnachten. Und wenn die mal von allem Kitsch und allem Druck und aller Erwartung befreit wäre dieses Jahr und wir sagen, genau darum geht es, fürchtet euch nicht, Josef und Maria waren auch nicht in einem großen Familienkreis zusammen in der Ursprungsgeschichte, dann können wir vielleicht auch wieder ein bisschen was von dem entdecken, wovon Weihnachten eigentlich spricht.

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Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erhofft sich "mutige Entscheidungen" bei den Infektionsschutzmaßnahmen gegen das Coronavirus. Wie viele Freiräume es über Weihnachten gebe, hänge von den Infektionszahlen ab.

Armbrüster: Das müssen Sie vielleicht ein bisschen genauer erklären. Heißt das, das sollte die Chance sein, Weihnachten jetzt endlich mal richtig abzuspecken, den ganzen Ballast mit Geschenken und so was alles abzuwerfen?

Käßmann: Ich sage mal, die Geschenke würde ich jetzt nicht abwerfen, weil ich weiß, wie sehr meine Enkelkinder sich auf ihre Geschenke freuen. Das ist nicht so. Aber wir haben in den letzten Jahren erlebt, dass mir immer wieder Menschen gesagt haben, es ist so ein Stress im Advent, ich fühle so einen Druck, wir müssen dauernd zu Weihnachtsfeiern, dann muss ich noch auf den Weihnachtsmarkt, ich muss Geschenke kaufen. Vielleicht können wir auch sagen, dieses Jahr entlasten wir uns davon, werden endlich mal besinnlich, lesen vielleicht noch mal die Geschichte im Lukas-Evangelium und fragen uns, was uns wirklich wichtig ist im Leben, und nehmen das auch als eine Zeit, in der wir überlegen, was wertschätzen wir wirklich an der Familie, oder ist es dieser ständige Druck, Weihnachten muss die Gans auf den Tisch, alles muss perfekt und harmonisch sein. – Nein, muss es nicht! Weihnachten können wir auch mal fragen, was ist eigentlich in unserer Familie los, nehmen wir uns die Zeit füreinander, darüber zu sprechen.

"Das wieder aufleuchten lassen, worum es eigentlich geht"

Armbrüster: Wäre es dann vielleicht auch mal tatsächlich eine Gelegenheit, wenn man sagen würde, vielleicht wirklich nicht so viele Menschen mit zusammen am Tisch, vielleicht konzentrieren wir uns auf die wenigen wichtigen?

Käßmann: Ja, ich sehe darin auch eine Chance. Ich weiß, dass viele dann enttäuscht sein werden, aber die Gespräche, die wir miteinander brauchen über unsere Beziehungen, auch über unsere Angst in der Corona-Zeit – die einen fühlen sich überängstlich, die anderen sind sorglos; darüber gibt es ja auch viele Konflikte in Familien -, vielleicht ist ein abgespecktes, wie Sie es eben gesagt haben, Weihnachtsfest doch auch eine Chance, das wieder aufleuchten zu lassen, worum es eigentlich geht: um die Liebe von Menschen zueinander, dass sie sich vertrauen können, dass sie sich aufeinander verlassen wie Josef und Maria in dieser Geschichte, ganz alleine in der Fremde in einer schwierigen Umgebung und einer sehr unwirklichen Zeit. Weihnachten war ja im Ursprung überhaupt kein Glanz und Gloria-Fest.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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