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StartseiteCampus & KarriereAzubis fordern sofortige Abschaffung des Schulgelds28.01.2019

TherapieberufeAzubis fordern sofortige Abschaffung des Schulgelds

Mehrere tausend Euro Schulden hat ein Physiotherapeut oder ein Logopäde am Ende seiner Ausbildung an einer Fachschule. Zwar gilt in Niedersachsen künftig Schulgeldfreiheit für neue Jahrgänge in Therapieberufen. Aktuelle Auszubildende zahlen aber weiter - und fühlen sich ungerecht behandelt.

Von Agnes Bührig

Demonstranten protestieren für Schulgeldfreiheit in Pflegeberufen (imago stock&people)
Nicht nur in Berlin, auch in Hannover demonstrieren Auszubildende in Pflegeberufen für Schulgeldfreiheit (imago stock&people)
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"Richtig geil, dass so viele Leute gekommen sind. Wir begrüßen Euch herzlich von der ETOS-Therapieschule Osnabrück."

Vor dem Hauptbahnhof von Hannover haben sich einige hundert Auszubildende versammelt. Ausgerüstet mit Pfeifen und Plakaten wollen sie vor den Landtag ziehen. "Neu anfangen: 0 Euro - Weitermachen: 10.000 Euro" steht auf einem Schild einer Demonstrantin, das die Forderung zusammenfasst. Jana Heringhaus, Mitorganisatorin der Demonstration:

"Es sind viele bei uns in den Jahrgängen, die einen Kredit aufgenommen haben, die nebenbei noch am Wochenende arbeiten, einfach, damit die sich das finanzieren können. Da bleiben dann die Schulsachen liegen oder die machen das dann nachts, also da ist mit Freizeit und Schlaf sehr, sehr wenig."

Nebenjob statt Lernzeit

Felix Haack kann das nur bestätigen. Der 29-Jährige ist im letzten Ausbildungsjahr zum Physiotherapeuten. 355 Euro Schulgeld muss er Monat für Monat berappen, knapp 13.000 Euro in drei Jahren. Dafür geht er regelmäßig arbeiten.

Viel Arbeit, wenig Geld, teure Ausbildung: Bundesweit herrscht Fachkräftemangel bei Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Co.  (picture alliance / BSIP/ A. Noor)Viel Arbeit, wenig Geld, teure Ausbildung: Bundesweit herrscht Fachkräftemangel bei Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Co. (picture alliance / BSIP/ A. Noor)

"Ich bin ursprünglich gelernter Fitness-Trainer, arbeite auch noch weiterhin in dem Beruf. Das sind zwischen 8 und 16 Stunden in der Woche, die ich dann noch einmal im Nebenjob verbringen muss. Das ist natürlich Zeit, die meine Mitschüler zum Beispiel in die Ausbildung stecken. Die muss ich auf Arbeit verbringen, um das Ganze zu finanzieren."

Petition an den Landtag

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben die Therapieschüler im vergangenen Jahr eine Petition an den niedersächsischen Landtag geschickt. Sozialministerin Carola Reimann zeigt Verständnis für deren Situation. 1,5 Millionen Euro hat das Land im vergangenen Jahr bewilligt, damit Neuanfänger im kommenden Ausbildungsjahr schulgeldfrei sind. Zudem hätten die Parlamentarier die Landesregierung aufgefordert, das Prozedere für kommende Jahrgänge beizubehalten, sagt die Sozialdemokratin Carola Reimann.

"Fachkräftemangel ist ja das Thema dieser Tage, und es ist ja wirklich so, dass wenn ich sage, es muss weitergehen, dann heißt das natürlich: Ein Punkt ist wirklich Schulgeldfreiheit. Aber ein anderer Punkt ist natürlich auch die Vergütung der Physiotherapeuten. Und auch da, finde ich, braucht es mehr und da gibt es ja die Überlegung, die Verhandlungen auch noch einmal auf Bundesebene einheitlich zu führen."

Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung

Das wünscht sich auch Elke Fischer, die Leiterin der Ergotherapieschule ETOS in Osnabrück. Viele Therapeuten kämen nach der Ausbildung gerade einmal auf ein Gehalt von 2.000 Euro brutto. Auch ihre Schule würde seinem Personal gern mehr zahlen, schließlich hätten viele Lehrende heute inzwischen einen Masterabschluss. Die studierte Ergotherapeutin wünscht sich zudem, dass Therapeuten mehr Eigenverantwortung bekommen. 

"Die Schulgeldfreiheit ist schon ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber die Arbeitssituation der Therapeuten muss sich einfach auch verändern. Das ist ja ganz klar auch in der Diskussion, ob wir so etwas wie eine First-Contact-Practice kriegen, das heißt, dass zum Beispiel ich als Patient auch direkt zu meinem Therapeuten gehen kann, der selber entscheiden kann, ob derjenige jetzt Physiotherapie braucht oder doch lieber noch eine weitere Diagnostik vom Arzt benötigt."

"Wir wollen kein Schulgeld mehr zahlen"

"Es ist heftig, wir haben echt nicht mit so vielen Leuten gerechnet, aber wir haben schließlich alle das gleiche Ziel: Wir wollen kein Schulgeld mehr zahlen und das wollen wir durchsetzen."

Am Ende kommt das alles der alternden Gesellschaft zu Gute, da sind sich die Demonstranten in Hannover sicher, sagt Physiotherapieschüler Felix Haack aus Osnabrück: "Wir sind eins – und nicht nur die, die neu anfangen. Für uns beginnt die Zukunft eben jetzt."

 

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