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StartseiteBüchermarktZurück zu den Wipfeln der Verzweiflung31.08.2020

Thilo Krause: "Elbwärts"Zurück zu den Wipfeln der Verzweiflung

Ein Heimatrückkehrer versucht die Landschaft seiner Kindheit wiederzufinden. Schließlich sehen die Felsen des Elbsandsteingebirges immer noch genauso aus, doch der Schein trügt. Nicht nur die DDR ist hier längst verschwunden, auch sonst hat sich vieles verändert - und der Erzähler ist ein Fremder geworden.

Von Jörg Magenau

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Der Schriftsteller Thilo Krause (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
Vom preisgekrönten Lyriker zum Romanautor: Thilo Krause (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
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Die Kindheit ist ein unzugängliches Gelände. Trotzdem zieht es den Ich-Erzähler von Thilo Krauses "Elbwärts" dorthin, wo er im Elbsandsteingebirge bei Pirna aufgewachsen ist. 20 Jahre sind seitdem vergangen. Als Jugendlicher verließ Krauses Erzähler die Gegend, mit Mitte 30 kehrt er nun zurück. Denn ein Ereignis, das seine Kindheit prägte, ließ ihn nie los. Zusammen mit seinem Freund Vito kletterte er damals in den bizarren Felsformationen herum, bis Vito bei einer waghalsigen Tour abstürzte und dabei ein Bein verlor. Seitdem fühlt sich der Erzähler schuldig, auch wenn die Amputation von Vitos Bein wohl eher die Folge eines ärztlichen Kunstfehlers war.

Ein Gefühl der Schuld verfolgt den Rückkehrer 

Jetzt sitzt er wieder oben auf einem Felsen, schaut hinab auf das Dorf seiner Herkunft und auf den Nachbarort, in dem er mit Frau und kleinem Töchterchen ein Haus bezogen hat. Doch die Vergangenheit ist stärker als die Gegenwart. Krauses Dorf-Rückkehrer ist arbeitslos und hat auch keinerlei Ambitionen, außer eben der, mit dem alten Freund Vito wieder ins Gespräch zu kommen. Für seine Frau interessiert er sich kaum, so dass sie, die als Krankengymnastin in der nahen Stadt arbeitet, ihn schließlich verlässt und die ganze Zeit über eine konturlose Schattengestalt bleibt. Die Hauptrolle in Thilo Krauses "Elbwärts" spielt die Landschaft, schon deshalb, weil sie die einzige Brücke in die Vergangenheit ist.

"Jeden Tag zogen wir hoch in den Wald, wo die Felsblöcke wie Häuser zwischen den Stämmen lagen. Eine Stadt aus Sandstein nur für uns. Wir schlichen durch die Felsgassen, erkundeten Block um Block. Es gab die niedrigen, die flachen, viele kaum mehr als zwei, drei Meter hoch. Andere (…) waren steil von allen Seiten, moosbewachsen und von Kiefernnadeln beschauert. Grüne Kolosse, zu denen wir ehrfürchtig aufschauten."

Der Ich-Erzähler teilt mit seinem Autor Thilo Krause nicht nur die Herkunftsregion, sondern auch das Alter. Krause, der 2012 in die Schweiz zog und dort mit zwei Lyrikbänden hervorgetreten ist, wurde 1977 in Dresden geboren. Er erlebte also noch die DDR-Gesellschaft, war aber zu jung, um von ihr nachhaltig geprägt zu werden. Das gilt auch für seinen Erzähler und dessen Erinnerungen, in denen die DDR nur noch als Kulisse dient, wenn der Fahnenapell in der Schule oder die auf Lücke ausgerichteten, die Leere verbergenden Regale im Dorf-"Konsum" geschildert werden.

Die DDR taugt nur noch als Kulissenbild 

Auf der Gegenwartsebene geistern außerdem ein paar Nazis durch den Text. Es gibt ein Nazi-Camp oben im Wald, über das man aber nichts Näheres erfährt. Und am Ende der Geschichte, als die Elbe mit Macht über die Ufer tritt und die nahe Stadt unten im Tal im Hochwasser versinkt, bricht die latente Fremdenfeindlichkeit der Bewohner hervor: Die Tschechen sind schuld am Hochwasser, so heißt es, weil sie angeblich einen Staudamm geöffnet hätten.

Der Erzähler ist jedoch mit einem tschechischen Busfahrer befreundet, an dessen Seite und zusammen mit dem einbeinigen Vito er nun den Chauvinismus seiner Landsleute am eigenen Leib erfährt. Doch auch diese politisch brisanten Ereignisse bleiben ohne Erklärung in Krauses Roman. So wenig, wie es eine Brücke in die Vergangenheit gibt, so wenig wird der Zusammenhang zwischen DDR-Geschichte, den Transformationen nach der Wende und provinzieller Engstirnigkeit erörtert. Tatsächlich kann der Erzähler schon deshalb keinen Erklärungsansatz für die fremdenfeindlichen Tendenzen finden, weil er in seinem narzisstischen Schmerz viel zu sehr mit sich selbst und seiner eingebildeten Schuld beschäftigt ist, als dass er sich für gesellschaftliche Probleme interessieren würde. Er nimmt ja noch nicht einmal seine Frau zur Kenntnis, sondern verschwindet lieber in den Wäldern und zwischen den Felsen und zwischen damals und heute.

"Heute Morgen habe ich auf meinem Riff gesessen, wenn es noch meines ist. Ein windiger Tag. Unter mir schwankten die Kiefern. Hin und Her. Ich habe gedacht, wie das sein muss, sich so hin- und herwehen zu lassen und doch immer am selben Ort zu sein. Oben schwankt es. Unten steckt man fest. Da muss man gar nicht auf die Idee kommen, irgendwohin zu wollen, weder nach Hause noch weg von zu Hause. Wo immer das ist. Als wir weg waren, schien es hier zu sein, und nun, da wir hier sind, ist es was weiß ich wo."

Selbstverliebter Held ohne Blick für andere und anderes

Dieser Heimatsucher, der nirgendwo ankommen kann, ist eine romantische Figur. Die Heimat, nach der er sich zurücksehnt, gibt es nicht mehr, er ist dort zu einem Fremden geworden. Die Waldeinsamkeit ist sein Ort, die Vergangenheit seine Sehnsucht, und immer wieder spiegeln sich die Stimmungen seiner Seele in Wetter und Landschaft. So erinnert er sich einmal an ein großes Gewitter, das er auf einem Felstableau erlebte, während er seinem einbeinig gewordenen Freund Vito unten am Fuß des Riffs über ein selbstgebautes Dosen-Schnur-Telefon wie ein Radioreporter Bericht erstattete – und für den Freund dabei den Untergang der nahen Stadt in einem Feuersturm herbeiphantasierte.

Diese Erinnerungsbilder sind die stärksten Szenen des Romans, der jedoch daran krankt, dass er nie über den engen Bewusstseinshorizont seines Erzählers hinausfindet. Trotz der Schuld- und Vergangenheitsfixierung wird die Gegenwart in einem penetranten Präsens erlebt, das dadurch noch einmal gesteigert wird, dass die Dinge sich für Krauses Erzähler nicht einfach bloß ereignen, sondern immerzu gerade jetzt beginnen. In diesem Roman regnet es also nicht einfach nur, sondern es beginnt zu regnen. Der Held raucht nicht einfach eine Zigarette, sondern beginnt eine zu rauchen und so weiter, viele hundert Mal. Das klingt so, als würde jemand unentwegt in ein Diktaphon sprechen oder mitschreiben, schon während er noch agiert, sogar dann, wenn der Erzähler von einer Brücke herab ins Hochwasser der Elbe eintaucht:

"Ich lasse mich vom Geländer heruntergleiten, mache einige Züge hinüber zu unserem Auto. Ich atme tief ein, versuche Sauerstoff in mich hineinzupumpen. Dann tauche ich unter. Ich traue mich auch, die Augen zu öffnen, sehe aber rein gar nichts."

Alles ist Präsens: Das verhindert Reflexion und Erkenntnis

Gegenwart macht blind. Der Gewinn an Unmittelbarkeit, den das Präsens bietet, wird bezahlt mit mangelndem Durchblick. Das Präsens verführt dazu, auch alles Nebensächliche mit zu erwähnen; bloß, weil es sich eben gerade jetzt ereignet. Der Erzähler ist für das Erzählte gar nicht verantwortlich, weil der Augenblick entscheidet. Es fehlt der zeitliche Abstand – und damit die Möglichkeit der Reflektion und der Distanz. So geht das Erzählen im Präsens und in der Ich-Form in sich selbst und in sehr viel Überflüssigem unter. In "Elbwärts" ist die unmittelbare Gegenwartsform darüber hinaus aber schon deshalb grundverkehrt, weil sie dem vergangenheitsverfallenen Helden so gar nicht entspricht.

Stilistisch führt das dazu, dass trotz einer Aneinanderreihung kurzer Hauptsätze immer zu viele Worte nötig sind, zu viele Adjektive, von denen zu viele zu abgedroschen sind. Wenn der Erzähler mit Vito raucht, fingert er die Zigarette selbstredend "nervös" heraus, atmet hastig ein, hält die Luft lange im Mund, bevor sie in die Lunge gleitet, verschluckt sich, hustet. Das dauert, das ist wenig originell und strapaziert beim Lesen die Geduld. So ermüdet der in einzelnen Abschnitten durchaus gelungene Roman mehr und mehr, bis man am Ende dankbar ist für die geschilderte Hochwasserkatastrophe. Doch sogar da, in der Dramatik des Augenblicks unter Wasser, reißt nichts mit, entsteht trotz Präsens keine Dynamik, sondern nur eine zähe, dickflüssige Gegenwart.

Thilo Krause: "Elbwärts" 
Hanser Verlag, München. 208 Seiten, 22 Euro.

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