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StartseiteTag für TagWie ein Baptistenprediger die Pauschalreise erfand13.06.2014

Thomas CookWie ein Baptistenprediger die Pauschalreise erfand

Der britische Baptistenprediger Thomas Cook (1808 - 1892) war ein engagierter Kämpfer gegen den weitverbreiteten Alkoholmissbrauch. Um die Menschen der Arbeiterklasse vom Trinken abzuhalten, organisierte er gemeinschaftliche Reisen und wurde damit zum Erfinder des Pauschaltourismus.

Von Gisela Keuerleber

Zu sehen ist eine Filiale des Touristik-Konzerns "Thomas Cook" (dpa / Oliver Stratmann )
Thomas Cook erfand die Pauschalreise (dpa / Oliver Stratmann )
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"Für Millionen Menschen hat er das Reisen ermöglicht" – das steht auf dem Grabstein von Thomas Cook, dem Pionier des modernen Massentourismus. 1892 ist Cook mit 83 Jahren gestorben. Zu Reisen hat er früh begonnen, allerdings zu Fuß und fast ohne Geld. Als Wanderprediger seiner Baptistengemeinde verbreitete er das Wort Gottes, verteilte fromme Traktate und gründete im Süden der Midlands Sonntagsschulen. Der britische Historiker Piers Brendon beschreibt ihn so:

"Cook war ein junger Mann mit einer eindrucksvollen, ja dominierenden Präsenz. In seinen schwarzen durchdringenden Augen glühte manchmal auch ein Funke Fanatismus auf. Sein ganzes Leben lang war er ein strenggläubiger und eifriger Baptist, dabei war er anderen protestantischen Sekten gegenüber durchaus tolerant. Es war seine Religion, die in ihm das starke Verlangen weckte, geknechteten und unterdrückten Menschen zu helfen."

Die Geknechteten und Elenden waren im viktorianischen England die Fabrikarbeiter. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Kinderarbeit – der Sklaverei nicht unähnlich –, Heere von arbeitslosen erwachsenen Männern, deren Arbeit billigere Kinder übernahmen, elende Wohnverhältnisse, Krankheiten und eine grassierende Trunksucht.

Frommer Baptist und überzeugter Abstinenzler

"Trinken ist der kürzeste Weg, um aus Manchester herauszukommen." Gegen die Alkoholsucht setzten sich vor allem die protestantischen Kirchen ein: Quäker, Methodisten, Baptisten. Sie verbündeten sich mit den Vereinen, die gegen die Trunksucht zu Felde zogen, die Temperance Societies. Mit Aufklärungskampagnen warnten sie vor dem Alkohol und dessen Folgen. Dabei nutzten sie kirchliche Infrastrukturen, denn es gab damals kaum Versammlungsorte außer Kirchen und Wirtshäuser. In letzteren war es den Abstinenzlern und Gemäßigten wohl kaum möglich, eine Verurteilung von Gin und Co. zu verkünden. Thomas Cook war beides: Frommer Baptist und überzeugter Abstinenzler:

"Das Alkoholproblem hat er deutlich gesehen, es hing auch damit zusammen, dass er in seiner Kindheit, er musste als 10-Jähriger schon arbeiten und er ist bei zwei Alkoholikern – einmal als Gehilfe – tätig gewesen, und dann in einer Lehre. Das hat ihn geprägt."

Jörn Mundt, Soziologe und Professor für Reiseverkehrsmanagement, hat eine Biografie über Thomas Cook vorgelegt. Thomas Cook, geboren 1808 war früh Halbwaise. Mit 10 Jahren musste er die Schule verlassen und bei einem Gärtner, später einem Drechsler arbeiten. Als Baptistenprediger und zeitweise Gemeindevorsteher tat er sich schon früh hervor, denn er konnte gut reden und andere begeistern. Er druckte Traktate und verlegte Broschüren für die Gemeinde und die Anti-Alkohol-Vereine. Viel Geld hat er damit nicht verdient. Doch das war auch nicht sein vorrangiges Ziel. Er wollte etwas bewirken. Vor allem die Alkoholsucht der kleinen Leute bekämpfen.

"Er hat dann nach Auswegen aus dem Alkoholismus gesucht und hat im Reisen eine Möglichkeit gesehen, dass man den Leuten, ohne dass man deren Leben einschränkt durch Verbote, etwas Positives bietet."

Reisen statt trinken

So versuchte er nach der Devise "reisen statt trinken", den Arbeitern mit Naturerlebnissen und schönen Stunden in der Gemeinschaft etwas Besseres zu bieten als eine kurzfristige Betäubung durch den Alkohol.

1841 organisierte er für rund 500 Personen, vorwiegend Arbeiter, Handwerker und Abstinenzler einen Ausflug mit der Eisenbahn. Die Fahrt ging von Leicester ins 28 Kilometer entfernte Loughborough. Eine Blaskapelle begleitete die Reisegesellschaft, die dank Thomas Cooks Verhandlungsgeschick für alle erschwinglich war. Am Zielort veranstalteten sie einen Umzug für die Sache der Abstinenzler und am Ende ließ sich die Reisegesellschaft im Park zu einem riesigen Picknick mit Schinkenbroten, Tee und Kuchen nieder.

Das waren also die Anfänge des später sehr erfolgreichen Reiseunternehmers Thomas Cook. Seinen Radius erweiterte er rasch - mehrtägige Fahrten nach Wales, Schottland, Irland folgten. Dann ging es mit Thomas Cook auf den Kontinent. Solche langen und aufwendigen Reisen leistete sich nun aufstrebende Mittelschicht Englands und ein Teil des Bildungsbürgertums: Apotheker, Pastoren, Ärzte, Rechtsanwälte. Die arbeitende Klasse konnte nur an Feiertagen und so genannten wake weeks, verreisen, an arbeitsfreien Tagen, an denen die Maschinen gewartet wurden. Cook veranstaltete Zeit seines Lebens für die Arbeiter preiswerte Kurzreisen in den Lake District oder zu den Seebädern.

Er selbst träumte viele Jahre davon, in den Nahen Osten zu den biblischen Stätten zu reisen.

"Er hat lange gebraucht, bis er tatsächlich seine erste Reise organisieren konnte, das hing damit zusammen, dass die Verhältnisse in Palästina schon damals etwas unübersichtlich waren, auch die Reiseinfrastruktur war äußerst schlecht."

Erste Reisegruppe nach Palästina

Trotz unkalkulierbarer Risiken führte Cook 1869 seine erste Reisegruppe nach Palästina. Es waren fromme Reisende, die nach dem Motto "Die Bibel ist das beste Handbuch für Jerusalem" mit Thomas Cook zu den biblischen Stätten zogen. Nicht nur nach Jerusalem, auch der Ölberg und Bethlehem standen auf dem Programm:

"In der Hoffnung, dass wenn man die Orte und Stationen im Leben von Jesus Christus selber erlebt, dass das den Glauben der Reisenden vertieft und stabilisiert. Insofern waren sie auch Ausdruck seines wenn auch sehr gemäßigten missionarischen Eifers."

Doch die Grabeskirche und den Ort, wo Jesus auferstanden sein soll, hat Cook aus dem Programm gestrichen. Das sei nur etwas für Katholiken und Orthodoxe, soll er gesagt haben.

"Viele Dinge, die hier angeboten wurden, insbesondere dieser Reliquienhandel, das hat ihm überhaupt nicht gepasst. Das fand er sehr despektierlich und hat das auch seinen Gästen nicht zugemutet."

Positiv beeindruckt war der Abstinenzler Cook vom Alkoholverbot in den muslimischen Ländern. Insgesamt scheint die Reise in den nahen Osten eher eine Abenteuerreise als eine fromme Exkursion gewesen zu sein: Während der an Strapazen reichen Unternehmungen starb eine ältere Dame, dann wurde die gesamte Reisekasse gestohlen, etliche Male musste die Gruppe unruhige Stammesgebiete in Begleitung militärischen Schutzes passieren. Das Interesse an solchen Reisen wuchs. Cook vermarktete sie zudem sehr geschickt. Als er das Monopol für die Dampfschifffahrt auf dem Nil bekam, waren die Orient-Reisen auch geschäftliche Erfolge.

Erst jetzt erwirtschaftete das Unternehmen von Thomas Cook größere Gewinne.

"Geld hat ihn glaube ich nie wirklich interessiert. Weil, wenn irgendwelche Temperenzler Gruppen oder Freunde aus der Baptistenszene bei ihm gebucht haben, dann war er bereit, das zu Selbstkostenpreisen, oder teilweise noch darunter zu machen."

Thomas Cook hat es nicht zu großem Reichtum gebracht. Sein Sohn, John Mason Cook, war der härtere Geschäftsmann und von den Gewinnmargen her gesehen, der weitaus erfolgreichere. Ihm übergab Thomas Cook das Geschäft in seinem 71. Lebensjahr. Er blieb der sozial Engagierte, der Pazifist, der mit seinen Reisen Vorurteile unter den Völkern abbauen wollte und der lebenslang das Übel der Alkoholsucht bekämpfte.

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