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Thomas Frank"Americanic"

Der Journalist Thomas Frank verfolgt seit Jahren die wachsende Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft und die Erosion der dortigen politischen Parteien. Sein neues Buch versteht er auch als Warnung für Deutschland und Europa.

Von Barbara Eisenmann

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Cover "Americanic", Hintergrund: Undatiertes Bild des 1912 vor der kanadischen Küste gesunkenen Luxusdampfers "Titantic" (Verlag Kunstmann / dpa / picture alliance / epa PA)
Cover "Americanic", Hintergrund: Undatiertes Bild des 1912 vor der kanadischen Küste gesunkenen Luxusdampfers "Titantic" (Verlag Kunstmann / dpa / picture alliance / epa PA)
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Der amerikanische Publizist Thomas Frank hat sich bereits 2004 in seinem Bestseller "Was ist mit Kansas los?" die Frage gestellt, warum die arbeitende Bevölkerung gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen statt links, also demokratisch, rechts, d.h. republikanisch wählt. Es war die Zeit von George W. Bush. Und der Autor beobachtete schon damals eine merkwürdige Allianz der Ärmsten mit den Reichsten. Einen, wie er es nannte, "populistischen Aufstand". Den erzkonservativen Republikanern war es nämlich, so Frank, gelungen, die Klassenfrage polit-ökonomisch zu entleeren und umzucodieren: als rein kulturellen Antagonismus weißer Arbeiter aus der Provinz gegen multikulturelle, intellektuelle Eliten aus den Metropolen.

Wie kann es sein, so Franks Frage heute, dass selbst die globale Finanzkrise 2008, Ergebnis von Privatisierungs- und Deregulierungspolitik, den genuinen Vertretern dieser Ideologie freier Märkte, den Republikanern, nichts anhaben konnte? Im Gegenteil. Ein republikanischer Immobilienspekulant ist in der Zwischenzeit Präsident geworden. Allerdings, und das ist das Interessante an Franks Langzeitanalyse, ist Donald Trump mitnichten der Verursacher der politischen Krise in den Vereinigten Staaten, sondern vielmehr der Gipfel einer Entwicklung eines, wie der Autor es nennt, "goldenen Zeitalters der Korruption". Dazu gehört auch, dass der Staat auf dem Höhepunkt der Finanzkrise betrügerische Spekulanten der Bankenwelt mit viel Steuergeld rettete, während er gleichzeitig Millionen von Betrogenen zwangsräumen ließ.

"Die Rechte zu schlagen kann nicht einfach darin bestehen, darauf zu warten, dass der Depp im Oval Office alles verbockt. Es muss einen Plan geben, [...] wie man die Wähler der Arbeiterklasse zurückgewinnt, die der Demokratischen Partei schon seit Jahrzehnten den Rücken gekehrt haben."

Das Versagen der Linken

Frank geht es inzwischen weniger um die Frage, wie es der Rechten gelingt, weiße Arbeiter für sich zu gewinnen, als vielmehr um die Frage, weshalb die Linke - und damit ist hier die Demokratische Partei gemeint - trotz Finanzkrise, trotz weiterhin stagnierender Löhne, trotz wachsender Ungleichheit nicht profitiert. Warum, so der Autor weiter, hat Barack Obama, dessen Amtszeit kurz nach dem Bankencrash begann, keinen Politikwechsel eingeleitet? Warum machte er stattdessen Timothy Geithner, den Architekten der Bankenrettungen, zu seinem Finanzminister und Larry Summer, einen namhaften Deregulierungsvertreter, zu seinem wichtigsten Wirtschaftsberater?

Franks Analyse läuft darauf hinaus, dass die Demokratische Partei ihre Verbindungen zur arbeitenden Normalbevölkerung bereits unter Bill Clintons Regierungen gekappt hat und seither nur mehr die Interessen einer höchst erfolgreichen akademischen Klasse vertritt.

"[Und] wir übersehen stets das Klasseninteresse der Akademiker, weil es uns schwer fällt, Professionalisten überhaupt als 'Klasse' zu sehen."

Solange die Vertreter dieser Klasse der Professionalisten, wie Frank sie nennt, sich selbst nicht als Klasse begriffen, könnten ökonomische Probleme nicht als politische angegangen werden, sie würden vielmehr moralisiert.

"Wenn die Armen nicht mehr arm sein wollen, dann müssen sie eben aufs College gehen. [...] Ungleichheit ist kein Versagen des Systems - es ist euer Versagen."

Eigene Fehler aufarbeiten

Das ist das Klassencredo wohlhabender Eliteakademiker, das sich mit der neoliberalen Ideologie der Individualisierung von gesellschaftlichen Problemen aufs Beste verträgt. Zentrale Errungenschaften des New Deal, die amerikanische Variante eines Sozialstaates, konnten so abgeschafft werden. Nur wenn die Demokraten sich aber wieder auf eine Klassenanalyse einließen und sich dann auch um Löhne, Renten und Schulen kümmerten, wäre eine Wende denkbar, so der Autor. Solange sie jedoch nur auf die Fehler des amtierenden Präsidenten zeigen statt die eigenen aufzuarbeiten, ist eine Wiederwahl Trumps nicht auszuschließen.

"Trump ist heute das Einzige, was in Amerika zählt: ihm zu widerstehen, seine Fehler bloßzulegen, seine Siege ungeschehen zu machen. [...] [Und] da die Institutionen des Systems heute im Großen und Ganzen gegen Trump sind, muss man über ihre Fehler hinwegsehen. [...] Damit ist natürlich eine Katastrophe vorprogrammiert."

Frank buchstabiert seine Grundthese auf gut 350 Seiten aus. Er arbeitet Clintons und Obamas Scheitern auf. Analysiert, wie die großen amerikanischen Zeitungen den demokratischen Sozialisten Bernie Sanders aus dem Rennen gegen Hillary Clinton warfen. Aber auch wie Trump im Wahlkampf erfolgreich linke Themen bespielte: vor allem die Problematik des Freihandels, von dem Großkonzerne profitieren, die arbeitende Bevölkerung hingegen nicht. Allerdings hätte ein strafferes Lektorat dem Buch gut getan, da seine Anlage als Aufsatzsammlung doch eine ganze Reihe von Wiederholungen mit sich bringt.

Thomas Frank: "Americanic. Berichte aus einer sinkenden Gesellschaft",
Kunstmann Verlag, 304 Seiten, 24,00 Euro.

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