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Thomas Kielinger"Die Königin"

Die Briten beschwören gerne ihre "guten alten Zeiten". Dabei geht es um das Commonwealth, um die Zeit als Weltmacht oder die großen Monarchen. Eine, die in dieser Reihe nie fehlen darf, ist Elisabeth I. Eine mächtige und erfolgreiche Königin - bewusst ohne Gatten und Nachkommen.

Von Sandra Pfister

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Cover-Collage. Buchcover "Die Königin. Elisabeth I. und der Kampf um England" von Thomas Kielinger, C.H.Beck Verlag. Hintergrund rechts: Die britische Flagge auf dem Victoria Tower des Westminster-Palasts in London (Buchcover: C.H.Beck Verlag, Hintergrund: AFP/Daniel Leal-Olivas)
"'Balance of power' erscheint unter Elisabeth I. als kunstvolle Taktik, Verwirrung zu stiften unter den kontinentalen Mächten", schreibt Kielinger in seinem Buch. (Buchcover: C.H.Beck Verlag, Hintergrund: AFP/Daniel Leal-Olivas)
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Feine, eher starre Gesichtszüge, mit denen sie aus einer ausladenden Halskrause hervorschaut, dem modischen "Must have" ihrer Epoche - die Gemälde von Elisabeth der Ersten zeigen den Zeitgenossen eine schöne Frau, die sich vor Heiratsanträgen kaum retten konnte. Und doch blieb sie unverheiratet und kinderlos - bewusst und gewollt. Alle europäischen Dynastien ließen damals ihre besten jungen Männer um sie buhlen; sie aber hielt sie alle hin.

"Die Königin entdeckte nun eine später zu ihrem Markenzeichen entwickelte Diplomatie: Als begehrenswerte, heiratsfähige Frau konnte sie im europäischen Machtspiel mitmischen, indem sie die führenden Staaten gegeneinander ausspielte, mit sich selbst als Trophäe."

Ihre Weigerung zu heiraten und die Thronfolge zu sichern, war für ihre Berater und das englische Volk damals ein Politikum höchsten Ranges. Elisabeth hatte dem Land jahrzehntelang Frieden beschert - und drohte ihn durch eine ungeklärte Nachfolge zu gefährden.

"Die Zukunft sah ohne deklarierten, anerkannten Thronanwärter, den ‚heir apparent’, düster aus. Die Möglichkeit eines Bürgerkriegs war nicht von der Hand zu weisen. Schließlich lagen die Rosenkriege, diese lange Zerreißprobe um den Thron, weniger als einhundert Jahre zurück."

In Deutschland ist das Bild von Elisabeth I. nicht nur von der Halskrause bestimmt, die sie als zugeknöpft erscheinen lässt, sondern auch von Friedrich Schiller, der sie als prüde Jungfrau darstellte. Folgt man ihrem Biografen Kielinger, war die echte Elisabeth von diesem Klischee meilenweit entfernt: eine zarte, exquisite Schönheit, die gerne flirtete, tanzte und jagte. Eine hochgebildete Frau, die sich mit den europäischen Gesandten in sechs Fremdsprachen unterhalten konnte.

Elisabeth bot dem Kontinent die Stirn

So manch ein Brexit-Befürworter führt heute gerne Heinrich VIII. und seinen Bruch mit dem Papst als Ur-Folie für die Loslösung der glorreichen Insel vom Kontinent an. Doch seine Tochter Elisabeth I. ist die, die die Europäer nachhaltig in die Schranken weist: Der Sieg der englischen Flotte über die spanische Armada 1588 sicherte England eine mächtige Position im internationalen System.

Die englische Flotte hatte sich als flexibler als die spanische erwiesen. Auch in ökonomischer Hinsicht kam  den Engländern zugute, dass die Gesellschaftsstrukturen offener waren als im von starren Adelscliquen beherrschten Spanien. In England konnte ein Bürgerlicher zum Adligen aufsteigen und ein Adliger wieder absteigen: Eine solche Mobilität förderte wirtschaftliche Prosperität.

Eine weitere Bedingung dafür, dass sich die englische Handelsmacht entfalten konnte, war Frieden. Für den Religionsfrieden sorgte Elisabeth, indem sie nach Jahren wechselseitiger Verfolgung Protestanten Protestanten und Katholiken Katholiken sein ließ. Außenpolitisch setzte sie alles daran, nicht in Kriege verwickelt zu werden.

"’Balance of power’, die englische Erkennungsmelodie, erscheint unter Elisabeth als kunstvolle Taktik, Verwirrung zu stiften unter den kontinentalen Mächten - sie davon abzuhalten, England anzugreifen."

Nationalismus als Kitt

Innenpolitisch allerdings nährte Elisabeth, zur Zeit des Sieges über die Armada schon 30 Jahre auf dem Thron, den englischen Nationalstolz - denn sie brauchte ihn, um Katholiken und Protestanten zusammenzuschweißen.

"Der Patriotismus, der sich in ihrer Ära zum ersten Mal herausbildete als Bewusstsein eines homogenen Nationalgefühls, fand seine Nahrung in dieser Entschlossenheit der Monarchin, das ihr anvertraute Erbe zu bewahren. Dass England sich aus den kriegerischen Verwicklungen Kontinentaleuropas weitgehend heraushielt, aber Spanien schließlich die Stirn bot - das wurde der rote Faden der Nation im elisabethanischen Zeitalter."

Der Autor und Journalist Thomas Kielinger. (imago / Gerhard Leber)Der Journalist Thomas Kielinger ist bekennender Fan der britischen Monarchie (imago / Gerhard Leber)

Dass Elisabeth so mächtig und populär werden würde, das hätte bei ihrer Geburt am 7. September 1533 keiner geglaubt. Ihr Vater, der legendäre Tudor-König Heinrich VIII., hatte fest auf einen Sohn gesetzt. Dafür hatte er mit dem Papst gebrochen, dafür seine Ex-Frau, die Spanierin Katharina von Aragon, verstoßen.

Später wird Elisabeth - was für ein Handicap in damaliger Zeit - eine Königin ohne Mann. Hinter ihrer Ehelosigkeit steckt ein Überlebens- und Machtinstinkt: Sie hat schon zu viele Frauen im Kindbett sterben sehen, und sie will ihre Macht nicht teilen: nicht mit einem englischen Adligen und schon gar nicht mit einem Europäer, der ihr reinreden will.

Mehr als vier Jahrzehnte hält sie das durch, bis sie schließlich mit 70 Jahren an einer Grippe stirbt.

"In den 44 Jahren ihrer Herrschaft lebt die Königin ihrem Land dennoch einen Stil (…) vor, der sich der englischen DNA tief eingeprägt hat und einen Charakter angelegt hat, der bis heute anzutreffen ist. Dazu gehört die Fähigkeit, mit widersprüchlichen Tendenzen Umfang zu pflegen, sie auszuhalten, kurz: die Fähigkeit zum Kompromiss."

Steht zu hoffen, dass in Brexit-Zeiten tatsächlich genug von dieser Kompromissfähigkeit übrig bleibt. Jedenfalls hinterlässt Thomas Kielingers exzellent und äußerst kenntnisreich geschriebene Biografie den Eindruck einer erstaunlich moderaten und modernen Queen Elisabeth I., die zwar den Patriotismus nährte, um die Nation zu einen, die aber andererseits Moderation und religiöse Toleranz praktizierte - noch lange vor der Europäischen Aufklärung.

Kielinger schreibt nicht nur kenntnisreich, sondern auch lebhaft und anschaulich, in einem populären, aber nicht simplifizierenden Stil, der ein Markenzeichen englischer Fachautoren ist. Machtpolitik, religiöse Leidenschaft, Liebe, Sex (oder gerade das Ausbleiben davon): Hier ist ein exzellentes, sinnliches Porträt der mächtigsten Frau des 16. Jahrhundert entstanden.

Thomas Kielinger: "Die Königin. Elisabeth I. und der Kampf um England",
C.H. Beck, 365 Seiten, 24,95 Euro

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