Freitag, 07. Oktober 2022

Thomas Melle: "Das leichte Leben"
Eine sexuelle Dystopie

Viel Witz, aber keine Komödie. Viel Untergang, aber keine Tragödie. In Thomas Melles düsterem, nihilistischem Roman "Das leichte Leben" dreht sich alles um das Begehren in einer langjährigen Ehe.

Von Jörg Magenau | 22.09.2022

Der Autor Thomas Melle und das Cover von "Das leichte Leben"
Die Figuren in Thomas Melles Roman "Das leichte Leben" sind Getriebene (Buchcover: Kiepenheuer & Witsch / Aitorenportrait picture alliance/dpa | Uwe Anspach)
Nichts ist leicht in dieser Geschichte, schon gar nicht das Leben. Die besseren Zeiten sind längst vorbei, und auch der Sex, um den sich alles dreht, bietet keine Erlösung.

„Er verzog das Gesicht, es kamen ihm Bilder von besseren Zeiten, als sie das Paar der Stunde der Stadt, fast des Landes gewesen waren, unser leichtes Leben, so hatten sie es genannt, so hatten sie es auch geplant, nie sollte es schwer und spießig werden, nie, und was war jetzt übrig davon außer bleierner Nacht und sinnloser Entleerung?“

Kaum noch Sex

Thomas Melles Figuren sind Getriebene, Untergeher. Darauf, dass er ein wenig Mitgefühl für sie entwickelt, dürfen diese Figuren nicht hoffen. Im Mittelpunkt seines neuen Romans „Das leichte Leben“ stehen Jan und Kathrin, die sich nach knapp zwanzig gemeinsamen Jahren und mit zwei pubertierenden Kindern, der altklugen Lale und dem dicklichen Severin, gründlich auseinandergelebt haben. Zu Sex kommt es kaum noch, und wenn doch, dann vertieft er die Fremdheit zwischen ihnen mehr, als sie aufzulösen.

Sie, Kathrin, war einmal eine gehypte Jungautorin, doch dann ging es mit der Schriftstellerlaufbahn nicht voran, so dass sie als Geschichtslehrerin in einer Integrationsschule gelandet ist. Ihre Wünsche sind unerfüllt, so sehr, dass sie sich zu Beginn des Romans auf einer orgiastischen Party fremden Männern hingibt, die kurze Lust aber mit einem langanhaltenden Schuldgefühl und der Angst bezahlt, sie könnte sich mit einer Geschlechtskrankheit (oder mit AIDS?) angesteckt haben.

Bloß nicht Opfer

Er, Jan, ist Chefredakteur eines Boulevardsenders und wird mit Fotos aus seiner Internatszeit erpresst. Darauf ist er als nackter oder halbnackter Junge auf einer Wiese zu erkennen. Die Fotos wirken unschuldig, und doch weisen sie auf einen Missbrauchsskandal hin. Das aber kann Jan nicht gebrauchen. „Opfer“ ist nicht nur für die Kinder an der Schule ein schlimmes Schimpfwort. Er fürchtet, der Opferstatus würde seiner Karriere im Sender schaden. Doch die Bilder sprechen etwas an, was tief in ihm Verborgenes ist und ihm Angst macht.

„Wenn ich mich in das Objektiv hineinversetze, sehe ich etwas Schreckliches: Unschuld, die schockgefroren wird; ein Augenblick, der uns auf alle Zeiten kontaminiert, der die Zeit in sich aufhebt und zum Verschwinden bringt.“

Jan stürzt sich in eine haltlose Affäre mit einer Praktikantin oder Volontärin, das weiß er nicht so genau; er geht gelegentlich in den Puff und ist überhaupt ein ziemlicher Unsympath. Daran muss man sich gewöhnen in der Welt des Thomas Melle. Seine Figuren haben nichts Liebenswertes. Triebgesteuert wie Tiere zappeln sie im Netz der Sinnlosigkeit und werden vom Autor genüsslich zugrunde gerichtet.

Diesen Vernichtungsprozess setzt Thomas Melle mit einer engelsgleichen Figur in Gang. Keanu ist ein wunderschöner, androgyner, geruchsneutraler Jüngling, der an der Schule erscheint, als wäre er vom Himmel gefallen. Keanu heißt er, weil seine Eltern den Schauspieler Keanu Reeves verehrten, dem er sogar ähnlich sieht. Kathrins Tochter Lale verliebt sich in ihn, doch auch die Lehrerin Kathrin ist von seiner Schönheit verführbar. Gegen den Rat ihrer Literatur-Agentin, die der Meinung ist, dass „sexuelle Themen einfach durch sind“, schreibt sie einen sexuell aufgeladenen Roman über die Liebe zu einem Minderjährigen, woraus sich, angetrieben durch die Empörungswellen der diversen Social Media-Plattformen, ein handfester Skandal entwickelt.

Zum Scheitern zu hohl

Zur Tragödie reicht es aber trotz all dieser Ereignisse nicht. Eine Tragödie setzt ja einen Hoffnungsschimmer voraus, eine gewisse Fallhöhe, Liebesmöglichkeiten, ein grandioses Scheitern, Schmerz und Trauer. Bei Melle aber ist alles von vorn herein hohl. Die Gesellschaft ist ein leeres Getriebe aus Raffgier und Eitelkeiten, Dummheit und billigen Effekten, wo jede einzelne Figur von klein auf durch nichts als ihren Geschlechtstrieb bestimmt ist.

Die Qualität dieser sexuellen Dystopie besteht darin, wie genau Thomas Melle Sprechweisen wiedergeben kann. Wenn Jan sich mit einem Jugendfreund in der Kneipe trifft, dann lässt er die alte Freundschaft im sarkastischen Dauerwitzeln der beiden Männer regelrecht verglühen. Auch den Slang der Jugendlichen trifft er ziemlich gut und kann die pubertäre Ratlosigkeit in wenigen Sätzen auf den Punkt bringen. So heißt es über den 15jährigen Severin:

„Wenn es hart auf hart kam, war seine Mutter da, ja – aber auch das war nur eine nerdige Fantasie. Denn wann war es schon mal hart auf hart gekommen in seinem Leben? Alles, wirklich alles, war weich an ihm, der übergewichtige Körper, die wachsweiche Seele, das Gesicht, der Wille – und selbst wenn er fiel, fiel er weich. Hart war es nie für ihn gewesen.“

Nihilistisches Spektakel

Schon zu Beginn dieses durch und durch düsteren Romans bestehen keine Zweifel an der Ausweglosigkeit des Daseins. Am Ende treibt Melle eine seiner Figuren in einen Suizid, der öffentlich, das heißt im Internet, zelebriert wird. Zuvor aber schreibt der Selbstmörder noch einen Brief, in dem er erklärt, dass es keine Erlösung und auch keinen Gott gibt, vor dem man sich zu rechtfertigen habe. Damit spricht er aus, was Thomas Melle in jeder Zeile spürbar werden lässt. Dieses nihilistische Spektakel hat durchaus sprachliche Kraft und gelegentlich auch Witz. Aber es ist doch ein bisschen zu simpel, Figuren, die von vorn herein verworfen sind, untergehen zu lassen. Es ist nicht schade um sie und diese Welt, in der es noch nicht einmal ein Fünkchen echter Liebe oder überhaupt etwas Echtes, Wahres, Dringliches gibt.
Thomas Melle: „Das leichte Leben“
Kiepenheuer & Witsch, Köln. 344 Seiten, 24 Euro