Donnerstag, 11. April 2024

TikTok
Reichweite von Maximilian Krah massiv gedrosselt

Immer wieder steht TikTok in der Kritik, polarisierende, rechte Inhalte auf der Plattform zu fördern. Nun hat das Unternehmen den Account eines AfD-Politikers stark eingeschränkt.

Marcus Bösch im Gespräch mit Isabelle Klein | 20.03.2024
Das TikTok-Logo mit Schatten von Menschen
TikTok hat die Reichweite von AfD-Politiker Maximilian Krah eingeschränkt, weil er wiederholt gegen Community-Richtlinien verstoßen habe. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Martin Meissner)
So viel Reichweite auf TikTok wie sie hat keine andere Partei: die AfD. Doch nun gibt es für ihren Spitzenkandidaten für die EU-Wahl, Maximilian Krah, einen herben Dämpfer. Die Kurzvideo-Plattform hat seinen Account massiv eingeschränkt. Seine Inhalte werden für 90 Tage nicht mehr auf der "Für Dich"-Seite angezeigt. Sie ist wichtig für den massenhaften Erfolg von Videos auf der Plattform.

Verstöße gegen Community-Richtlinien

TikTok begründet diese Maßnahme damit, dass Krah wiederholt "gegen Community-Richtlinien" verstoßen habe. Neben der Reichweiten-Drosselung hat das Netzwerk auch mehrere Videos des Politikers gesperrt. Warum genau, ließ das Unternehmen auf Anfrage des Spiegels allerdings unbeantwortet.
Krah, der mit seinen Videos teilweise über eine Million Nutzerinnen und Nutzer erreichte, machte auf TikTok mit populistischen, teils geschichtsrevisionistischen Thesen auf sich aufmerksam. Laut Spiegel soll der Politiker aber vor allem mit homophoben Aussagen, Hetze gegen Geflüchtete und Fantasien vom großen Bevölkerungsaustausch gegen die Plattform-Regeln verstoßen haben.

Rechte Akteure zielen auf junge Zielgruppen

Insgesamt erreicht die AfD auf der Plattform laut einer Analyse des Politikberaters Johannes Hillje mehr als dreimal so viele Accounts als alle anderen Parteien im Bundestag zusammen. Zu verdanken hat sie das vermutlich dem rechten Aktivisten Erik Ahrens, der TikTok als Kanal für 14- bis 19-Jährige in Deutschland sieht, für den habe man "90 Minuten am Tag ein Fenster in deren Gehirn, wo man reinsenden kann."

TikTok reagiert auf irreführende Netzwerke

Neben der Reichweiten-Drosselung von Krahs Account ist TikTok laut seinem aktuellen Transparenzbericht auch gegen ein aus Deutschland agierendes Netzwerk vorgegangen, das irreführende Erzählungen und Framings der AfD und Russlands befeuerte, um den politischen Diskurs hierzulande zu manipulieren. Im Zuge dessen habe TikTok im letzten Quartal 2023 insgesamt 32 Konten gelöscht, die zu diesem Netzwerk gehörten.
Jubel sei allerdings nicht angezeigt, sagt Politikwissenschaftler Marcus Bösch im Deutschlandfunk. Er schreibt den Newsletter "Understanding TikTok" und gibt zu Bedenken, dass eingeschränkte Inhalte von Krah weiterhin auf TikTok auftauchen, weil sie von "unauthentischen Verstärkeraccounts" geteilt würden.
Die öffentliche Debatte über rechte Inhalte auf TikTok sei auch durch die Enthüllungen von Correctiv neu entfacht, erklärt Bösch. Eine Petition von Campact, die eine generelle Sperrung von AfD-Accounts fordert, haben bis heute über 250.000 Menschen unterzeichnet. TikTok spiele diese Entwicklung in die Hände. Mit Reichweiteneinschränkung könne das Unternehmen im Superwahljahr 2024 nach außen kommunizieren: "Wir schützen die Integrität der Wahl und schaut her, wir tun auch was", so Marcus Bösch weiter.

#ReclaimTikTok

Auf TikTok selbst hat sich mittlerweile eine Gegenbewegung zusammengefunden, die die Plattform nicht nur rechten Akteuren überlassen will. Unter dem #ReclaimTiktok mobilisiert u.a. Klimaaktivistin Luisa Neubauer zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Idee: den Diskurs demokratisieren. Allerdings haben rechte Aktivisten bereits dazu aufgerufen, den Hashtag für sich zu beanspruchen.

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Mitmischen will seit Kurzem auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Er hat sich kürzlich auf TikTok angemeldet und in seinem ersten Video verkündet: "Revolution bei Tiktok. Heute geht es los, mein erster TikTok-Beitrag." TikTok-Experte Marcus Bösch beobachtet mit Spannung, wie sich der Protest auf der Straße allmählich auch auf den digitalen Raum verlagert.

Nahbare und nachvollziehbare Narrative

Junge Menschen, die nie TikTok nutzen wollten, hat es so doch auf die Plattform gebracht, um der AfD etwas entgegen zu setzen. Es sei keine Alternative 21 Millionen TikTok-Nutzende der AfD zu überlassen, betont Bösch. Andererseits sei es angesichts der kommenden Wahlen im Juni und September auch recht spät. Die AfD sei mit ihrer Kommunikationsstrategie schon viel weiter als andere Parteien und könne auf ein breites Unterstützer-Netzwerk zurückgreifen.
Dabei müsse es nicht immer "schnell und verrückt" auf TikTok zugehen, meint Bösch. International funktioniere es, politische Inhaltte über "interessante, nahbare und nachvollziehbare Narrative" zu erzählen und dabei authentisch zu bleiben.