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StartseiteCorsoAlbum über Liebe und ihre düstere Seite23.08.2014

Tina DicoAlbum über Liebe und ihre düstere Seite

Die dänische Sängerin Tina Dico lebt ihn Island und hat dort gemeinsam mit ihrem Mann ihr neues Album "Whispers" aufgenommen. Es sei ein entspanntes, ruhiges Album geworden, so Dico. Aber es gäbe auch einige düstere Songs über Liebe und Scheitern in der Liebe.

Tina Dico im Gepräch mit Anke Behlert

Anke Behlert: Ihr neues Album heißt "Whispers". Für mich scheint die generelle Stimmung des Albums düsterer zu sein, als auf ihren früheren Alben. Wie sehen Sie das? Sind Sie ein ernsterer Mensch geworden?

Tina Dico: Ich bin nicht ernster, aber es stimmt, der Ton ist düsterer. Das liegt schon allein daran, dass ich tiefer singe als früher. Ich habe immer versucht, so hoch wie möglich zu singen. Das scheint etwas zu sein, das Sänger machen: Wie hoch kann ich gehen? Als wäre es ein Wettbewerb. Aber ich habe ein tiefe Stimme und ich wollte so singen, wie es sich am besten anfühlt. Deshalb ist es ein entspanntes, ruhiges Album geworden. Aber es gibt einige düstere Songs über Liebe und Scheitern in der Liebe.

"Es geht auch um die dunkleren Seite"

Behlert: Ich habe gezählt, allein bei drei Stücken findet man das Wort "Liebe" im Titel. Das Album dreht sich viel mehr um das Thema Liebe, als das bei ihren älteren Platten der Fall war.

Dico: Ja, auf jeden Fall. Ich habe lange nicht mehr über Liebe geschrieben, es ging irgendwie nicht. Ich habe vielleicht über die Idee von Liebe geschrieben, aus der Vogelperspektive. Aber dieses Mal war ich leidenschaftlicher und engagierter. Es geht auch um die dunkleren Seite: Wut und Verlust. Der Ausgangspunkt waren einige Songs, die ich für einen dänischen Film ("En du elsker") geschrieben hatte. Da werden sie von einem Mann gesungen, und zwar von Mikael Persbrandt, dem schwedischen Schauspieler.

Als ich diese Stücke schrieb, hatte ich ihn dabei im Kopf und habe mir vorgestellt, wie er sie singt, mit seiner tiefen Stimme und männlichen Autorität. Darin lag eine große Freiheit, ich konnte der Musik einfach freien Lauf lassen. Wenn ich über mich selbst schreibe, bin ich davon besessen, so ehrlich wie möglich zu sein und den Leuten genau zu erklären, wer ich bin. Das klappt nie, aber ich versuche es trotzdem. Da kann ich die Musik nicht einfach so kommen lassen. Dieses Mal musste ich das nicht und das Ergebnis ist ironischerweise ehrlicher, weil die Musik so unzensiert ist.

Behlert: Ich habe gelesen, dass Sie jede Entscheidung 100 Mal überdenken. Gibt es da noch Raum für Spontanität? Und wenn Sie Songs schreiben, sind Sie jemand, der alles immer wieder ändert und müssen Sie sich selbst Einhalt gebieten?

Dico: Nein, ich bin nicht so jemand, der alles 100 Mal ändert. Bei der Musik kann ich ein bisschen freier sein. Darum ist Musik so wichtig für mich, da kann ich etwas spontaner sein. Auf der Bühne hat man keine Zeit zum Nachdenken und ein Controlfreak zu sein, jeden Moment kann alles passieren. So ist da nun einmal und es ist sehr gut für mich. Im sonstigen Leben denke ich über meine Entscheidungen sehr viel nach. Beim Schreiben dieses Albums war das nicht so und das war großartig.

"Ich habe das Album bei mir zu Hause in Island aufgenommen"

Behlert: Die Arrangements auf Ihrem Album sind recht reduziert und es scheint mir weniger ein Pop-, als ein Singer/Songwriter-Ansatz. Wo und mit wem haben Sie das Album aufgenommen?

Dico: Ich habe das Album bei mir zu Hause in Island aufgenommen. Dort habe ich ein tolles Studio gebaut zusammen mit meinem Mann Helgi Jonsson. Mit ihm arbeite ich meistens, sowohl live als auch beim Aufnehmen. Ich wollte eigentlich ein noch simpleres "Mädchen mit Gitarre"-Album machen. Aber wenn man dann im Studio ist, hat man so viele Ideen und plötzlich wird es doch mehr als "Mädchen mit Gitarre". Die Songs sind reduziert, aber nicht so reduziert, wie sie sein könnten. Es hat sich natürlich angefühlt, die letzte Platte war viel produzierter, mit mehr Schlagzeug usw. Dieses mal wollte ich das alles nicht, es sollte traditioneller sein. Diese Art Musik ist mir sehr nahe und hat mich inspiriert, Musik zu machen.

Behlert: Im Titelstück stellen sie die Frage "What happened to the whisper?". Finden Sie, dass das Leben zu laut ist?

Dico: Ja, das Leben ist definitiv zu laut. Und gerade in der Musik muss das nicht sein. Man muss nicht schreien, um die Leute ganz hinten zu erreichen. Man kann auch flüstern und sie werden es trotzdem hören. Und es macht vielleicht sogar einen größeren Eindruck, als wenn man den Leuten alles aufdrängt. Es wäre toll, mehr von diesen stillen Momenten zu haben.

"Die neue Platte klingt nicht unbedingt nach Island"

Behlert: Sie haben schon an einigen unterschiedlichen Orten gelebt, erst Dänemark, dann London und jetzt auf Island. Finden sich diese Orte in ihrer Musik wieder?

Dico: Ja, schon, aber nicht so wie man es vielleicht erwarten würde. Die neue Platte klingt nicht unbedingt nach Island. Man hört nicht diese großen Landschaften, die ich jeden Morgen sehe. Aber diese Landschaften ermöglichen es mir, in die Musik einzutauchen. Sie inspirieren mich und geben mir inneren Frieden und das hört man in den Songs. Ich fand es immer inspirierend, mich klein zu fühlen. Zum Beispiel in London, da habe ich mich klein in der großen Stadt gefühlt und so fühle ich mich auch jetzt in Island inmitten all dieser majestätischen Natur.

Behlert: Fühlen Sie sich dort zu Hause oder sind Sie immer noch rastlos?

Dico: Ich fühle mich nicht rastlos, aber auch nicht zu Hause. Ich weiß nicht, ob ich das jemals werde. Dieses Land ist immer noch rätselhaft für mich. Ich glaube, das geht selbst den Leuten so, die dort schon ihr ganzes Leben wohnen. Diese weiten, leeren Landschaften haben etwas Geheimnisvolles an sich. Sie sind wunderschön und gleichzeitig kalt und unbarmherzig, diese Extreme finde ich verwirrend. Ich bin in Dänemark zwischen flachen Feldern voller gelber Blumen aufgewachsen. Das ist meine innere Landschaft. In Island werde ich mich wohl immer wie ein Außenseiter fühlen, aber das mag ich. Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt und in Island ist das ok.

Behlert: Ihr Ehemann ist aus Island, sie leben und arbeiten zusammen und haben zwei kleine Kinder. Ist das nicht manchmal ein bisschen viel?

Dico: Das könnte man denken, aber es ist perfekt. Wir waren ja zuerst Kollegen und durch die Musik und das Umherreisen ist zwischen uns eine magische Verbindung entstanden. Die haben wir dann in unser Privatleben übernommen. Es funktioniert erstaunlicherweise wirklich gut. Wir haben noch nicht die Nase voll voneinander.

Behlert: Hängt es also auch mit ihrer familiären Situation zusammen, dass sich das Album mit Liebe beschäftigt?

Dico: Der Film war meine Eintrittskarte dafür, wieder über Liebe schreiben zu können. Wenn man über Liebe schreibt, läuft man Gefahr, die eigenen Beziehungen öffentlich zu machen. Ich hatte immer ein bisschen Angst davor, weil ich niemanden verletzen wollte und auch mich selbst nicht verletzt zeigen wollte. Das war immer etwas heikel. Aber dieses Mal hatte ich eine Entschuldigung und es war okay über Verbitterung und Verlust zu schreiben. Auch wenn ich jetzt in einer tollen Beziehung bin, diese alten Probleme trage ich immer noch mit mir herum, das tun wir alle. Wir wurden alle schon mal verletzt und betrogen. Das geht ja nicht einfach weg. Und es war sehr befreiend, darüber schreiben zu können.

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