Freitag, 07. Oktober 2022

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Tipps aus der Corso-Redaktion
Die Alben des Jahres

Zum Jahresende hat das Moderatoren-Team des Corso-Musikmagazins noch einmal vielen Neuerscheinungen gesichtet und die Lieblingsalben 2017 herausgesucht. Eine rein subjektive Auswahl - mit Newcomern aus Israel, Frankreich und Österreich, virtuosen Schwergewichten und einer Portion Coolness aus Belgien.

Von Anja Buchmann, Bernd Lechler, Christoph Reimann, Fabian Elsäßer und Sascha Ziehn | 30.12.2017

    Ein Platten-Verkaufsstand auf einer Musikmesse
    Tausende Alben erscheinen jedes Jahr - die Corso-Redaktion hat fünf Top-Titel herausgesucht (imago stock&people)
    Noga Erez: "Off The Radar"
    Zuerst ist mir das Video der israelischen Musikerin aufgefallen: Das Video zu Noga Erez' erster Single "Dance while you shoot". Graue, verlassene Hochhausblocks im Regen, Gewalt, Unruhe, ein möglicher Selbstmord, dazwischen singt und tanzt Noga Erez. Und das Ganze gespickt mit pinken Einsprengseln – mal ein Fenster, mal ein Auto, mal ein brennender Gegenstand. Eine faszinierende Ästhetik, die sehr gut zum Song passt.
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    Gesellschaftspolitischer Unterton
    Lange Zeit wollte sich die junge Musikerin aus Tel Aviv nicht mit Politik befassen. Das ging aber auf Dauer nicht - gerade in Israel. Und so haben viele ihrer Songs, die sie mit ihrem Partner Ouri Rousso produziert, einen gesellschaftspolitischen Unterton, wie sie mir Anfang des Jahres in ihrem Studio in Tel Aviv erzählt hat:
    "Musik war für mich immer ein Bereich, in dem ich mich mit für mich wichtigen Themen beschäftigt habe, sie verarbeitet habe. Früher ging es dabei in erster Linie um persönliche Dinge. Aber je erwachsener ich wurde, desto bewusster wurde mir, was in der Welt und auch im Besonderen in Israel passiert. Ich lebe immer in dieser Balance zwischen zwei extremen Polen: Wenn ich dafür interessiere, was um mich herum und in der Welt geschieht, dann höre ich Nachrichten, lese ganz viele Zeitungen, vergleiche und begebe mich total in ein Thema hinein. Auf der anderen Seite gibt es Zeiten, wo ich mich total abschotte von allen Nachrichten, um einigermaßen geistig gesund zu bleiben und ein normales Leben zu führen."
    Hedonismus, Anklage und gedämpfte Aggression
    Man kann Noga Erez' Debüt "Off the radar" einfach nur hören, sich an Sounds und Beats erfreuen. Man kann aber auch politische Hintergründe aus den Texten lesen. Noga Erez bietet experimentelle, manchmal Hip-Hop-affine elektronische Bassmusik - zwischen Hedonismus, Anklage und gedämpfter Aggression. Für mich eines der Top Alben des Jahres 2017! (Anja Buchmann)
    5K HD: "And to in A"
    Der nostalgische Hardrock-Fan in mir feiert das im Dezember erschienene "Walk The Earth" der wiedererstarkten schwedischen Band Europe. Das sind Songs, das ist vor allem ein Sound, wie ihn andere ja weiterhin existierende Genre-Veteranen wie Deep Purple oder Whitesnake schon lange nicht mehr hinbekommen. Eine Ausnahme bildete da Alice Cooper, dessen sage und schreibe 27. Studio-Album "Paranormal" erstaunlich vielschichtig und erstaunlich frisch klang.
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    Hochgradig durchdachter Kunst-Pop
    Der gegenwartsorientierte Musikjournalist hingegen zieht den Hut vor 5K HD aus Österreich – und ihrem Album "And to in A". Was war das für ein Debüt: hochgradig durchdachter Kunst-Pop mit markantem weiblichen Gesang und träumerischen Passagen, auf die unregelmäßig überraschend eine Lärm-Explosion folgt. "Icebird" ist ein Song, der auf nicht einmal vier Minuten wie ein Eisvogel über halb gefrorenem Wasser tänzelt, mal hierhin, mal dorthin abtaucht und dabei heftig flügelschlagend den Rhythmus verändert. Nicht ganz einfach - aber trotzdem sehr schön zu hören! (Fabian Elsäßer)
    Everything Everything: "A Fever Dream"
    Kein Album des Jahres habe ich gespannter erwartet als "A Fever Dream", das vierte von Everything Everything aus Manchester. Das erschien mitten in den Sommerferien, so dass ich auf dem Campingplatz einen Wlan-Zugang buchen musste, um es sofort herunterzuladen. Es war dann nicht ganz so gut wie die letzten beiden - muss ich gestehen. Aber ich möchte für diese Band trotzdem trommeln, weil ihre deutsche Plattenfirma so wenig tut.
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    Ein echtes Kunststück
    Die sind, glaube ich, alle ehemalige Musikwissenschaftsstudenten und haben in den letzten Jahren des sonst eher unspannenden britischen Gitarrenpops einen total eigenen Stil entwickelt: eingängig und kompliziert, pompös und voller Zwischentöne, hintersinnig und hibbelig - mit einem Sänger, der seine Kopfstimme liebt. Wenn man sie auf der Bühne sieht, veranstalten sie da virtuosestes Gemucke und sehen trotzdem cool dabei aus, was ein echtes Kunststück ist. (Bernd Lechler)
    Fishbach: "A Ta Merci"
    Sie raucht, sie trinkt – und mit einem Wimpernschlag hat sie einen um den Finger gewickelt. Fishbach macht auf der Bühne genau das, was man von Franzosen und Französinnen erwartet. Dazu erklingt 80er-Jahre Synthpop – und natürlich die raue Stimme der Musikerin selbst.
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    Das hat mich in diesem Jahr in den Bann gezogen und ich glaube, Fishbach hätte mit ihrem tollen Debüt "A Ta Merci" noch viel mehr Leute in Deutschland erreichen können, wenn ihr Label es hingekriegt hätte, die Platte auch hierzulande richtig rauszubringen.
    In Deutschland ein Geheimtipp
    Ganz sicher deshalb ist Fishbach, Ende 20, in Frankreich längst ein kleiner Popstar und in Deutschland immer noch ein Geheimtipp. Daran konnten dann auch die Konzerte nichts ändern, die sie in diesem Jahr gab: auf denen sie dann rauchte, auf denen sie trank – und mich um den Finger wickelte. Besonders mit ihrem kleinen Hit: "Un autre que moi". (Christoph Reimann)
    J. Bernardt: "Running Days"
    Ich höre hin und wieder belgisches Radio – da kann man ganz gute einheimische Bands entdecken. Vor ein paar Jahren bin ich da auf Balthazar aus Gent gestoßen, die vielleicht lässigste Band der Gegenwart. Allein das Gitarrensolo im Song "Bunker" hat einen festen Platz in meinem Herzen: Es ist das wohl unspektakulärste Solo aller Zeiten, kann wirklich jeder nach zwei Stunden Gitarrenunterricht spielen. Aber Balthazar machen das mit einer Coolness, dass man einfach nur staunen kann.
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    Eine einzigartige Coolness
    Vor ein paar Monaten habe ich dann (mal wieder im belgischen Radio) den Song "Wicked Streets" von J. Bernardt gehört – und dachte direkt: Der hat ja diese unvergleichliche Balthazar-Lässigkeit! Was ich da noch nicht wusste: J. Bernardt ist einer der beiden Sänger und Gitarristen von Balthazar und hat gerade sein erstes Soloalbum veröffentlicht. "Running Days" ist einen Hauch elektronischer und holpriger als die Balthazar-Alben, aber hat eben auch diese einzigartige Coolness und klingt, als hätte man J. Bernardt um 3 Uhr morgens aus dem Bett geklingelt und ihn für eine spontane Aufnahmesession ins Studio bestellt. Mit minimalsten Mitteln zum besten Album des Jahres - und zu musikgewordenen Augenringen nach einer durchzechten Nacht. (Sascha Ziehn)