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StartseiteKultur heuteGötter in neuem Glanz17.03.2020

Tizian-Ausstellung in LondonGötter in neuem Glanz

Erstmals seit 440 Jahren sind sie wieder zusammen zu sehen: Sechs Gemälde des italienischen Renaissance-Malers Tizian aus seiner "Poesie"-Serie zeigen Szenen der Mythologie nach Dichtungen von Ovid. Eine Ausstellung über Liebe, Verlangen und Tod.

Von Friedbert Meurer

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Das Gemälde "Venus und Adonis" von Tizian (imago stock&people)
Selbst Venus verliebt sich in Adonis: Tizians Darstellung nach den "Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid. (imago stock&people)
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Es ist eine Wiedervereinigung von sechs Gemälden, die alle Kunstgeschichte geschrieben haben. Tizians Werke hingen zuletzt 1579 zusammen, also nur bis kurz über seinen Tod hinaus, in einem Saal oder zumindest einem Palast in Madrid. Dann wurden sie in alle Welt verstreut, und es hat die National Gallery einige Anstrengungen gekostet, die kostbare "Poesie" genannte Serie Tizians wieder zusammenzuführen.

"Diana und Actaeon" sowie "Diana und Callisto" sind bis heute die teuersten Kunstwerke, die jemals von einem der großen britischen Nationalmuseen erworben wurden. "Tizian - Liebe, Verlangen und Tod" heißt der Titel der Ausstellung. Und "Desire", also "Verlangen", entpuppt sich für Co-Kurator Thomas Dalla Costa als sehr vielschichtige Eigenschaft:

"Venus begehrt auf einem anderen Bild Adonis, der nicht zur Jagd aufbrechen soll. Sie weiß, dass ihm etwas Schlimmes droht. Oder dort hat sich Zeus in einen Stier verwandelt und verschleppt Europa. Das alles gehört zur menschlichen Natur. Wir begehren etwas - und Tizian konnte das großartig darstellen."

Götter, Menschen und Monster

Tizian malte die Werke der "Poesie" für den spanischen Prinzen und späteren König Philip II.; 1548 trafen sich die beiden persönlich in Mailand. Der Künstler aus Venedig war 60 Jahre alt, Philip dagegen 21 Jahre jung. Gemeinsam kam man wohl auf die Idee, dass Tizian die "Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid und die darin geschilderte Mythologie in Gemäldeform interpretiert. Tizian gelang es in seinen Meisterwerken, fast wie ein Filmregisseur ausdrucksstark menschliches und göttliches Leben abzubilden. Spektakulär stürzt sich Perseus ins Wasser, um Andromeda vor einem Seemonster zu retten. Tizian setzte damit für Kurator Dalla Costa auf Jahrhunderte hin Maßstäbe:

"Diese Gemäldeserie ist eine der wichtigsten, die jemals in der westlichen Kunstwelt geschaffen wurde. ‚Der Raub der Europa‘ ist das bedeutendste klassische Werk, das es in einer Sammlung in den USA gibt. Dieses Bild hat das Museum in Boston noch nie als Leihgabe verlassen. Das ist ein großer Tag für uns und London."

Schau der Superlative

Im Englischen trägt das Werk den wohl korrekteren Titel "Die Vergewaltigung der Europa". Verzweifelt dreht sich Europa auf dem Rücken des Stiers noch herum, der sie nach Kreta entführt. Die National Gallery hat dieses Gemälde wie auch die anderen reinigen lassen, so dass sie jetzt wieder heller sind und das Blau des Himmels besser zum Vorschein kommt.

Die Ausstellung in London ist also eine Schau der Superlative – fokussiert auf einen einzigen Raum. Die National Gallery hat noch weitere Werke Tizians in ihrem Besitz, die man gleich einen Saal weiter sehen kann. Der ältere Tizian aber, das wird beim Vergleich klar, ist auf dem Höhepunkt angelangt:

"Das war wahrscheinlich das produktivste Jahrzehnt für Tizian überhaupt. Er wurde älter und sah, wie Freunde und Bekannte um ihn herum starben oder krank wurden. Er wollte sich selbst etwas beweisen und sich bestätigen. Er verfügte über die Reife, etwas so Großartiges zu erfinden. Er illustrierte hier nicht ein Gedicht, er gestaltete es."

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