Mittwoch, 28. Februar 2024

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Tod einer Box-Legende
"Muhammad Ali hat sich gegen das Establishment gestellt"

Die verstorbene Box-Legende Muhammad Ali hat nach Ansicht des Sportphilosophen Gunter Gebauer "vieles verkörpert, was im Sport normalerweise nicht zum Vorschein kommt". Im DLF sagte Gebauer, Ali habe nicht nur einen völlig neuen Stil zu boxen geprägt, sondern die USA auch gesellschaftlich-politisch herausgefordert.

Gunter Gebauer im Gespräch mit Sandra Schulz | 04.06.2016
    Muhammad Ali (l) holt sich mit einem K.o.-Sieg gegen George Foreman (r) am 30.10.1974 in Kinshasa (Zaire) den Titel des Boxweltmeisters im Schwergewicht zurück.
    Muhammad Ali (l) holt sich mit einem K.o.-Sieg gegen George Foreman (r) am 30.10.1974 in Kinshasa (Zaire) den Titel des Boxweltmeisters im Schwergewicht zurück. (picture alliance/dpa)
    Die meisten Sportler hätten nicht die Persönlichkeit, die Muhammad Ali besessen habe, sagte Gebauer. Ali sei nicht nur ein fantastischer Boxer gewesen, der mit seinem neuen, beweglichen Stil für seine Gegner kaum zu fassen gewesen sei. Indem er während des Vietnamkriegs den Wehrdienst verweigerte, habe er sich auch zum Wortführer der schwarzen Soldaten gemacht. Laut Gebauer begründete Ali seine Verweigerung nicht nur mit Angst vor dem Vietcong, sondern auch damit, dass der Vietcong ihm nichts getan habe. Warum habe er ihn also erschießen sollen?
    Der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer
    Der Philosoph und Sportwissenschaftler Gunter Gebauer (dpa / picture-alliance / Horst Galuschka)
    "Es war eine große Leistung, dass er das durchhalten konnte", sagte Gebauer - auch angesichts dessen, dass ihm seine Box-Lizenz in der Folge von 1967 bis 1970 aberkannt wurde. Die meisten Boxer hätten sich vollkommen dem Establishment untergeordnet. Muhammad Ali hingegen habe das Aufbegehren von Schwarzen mit wenig Aufstiegschancen angeführt.
    Gebauer erinnerte auch an den "Rumble in the Jungle" in Kinshasa und den "Thriller in Manila", die beiden Kämpfe, in denen der späte Boxer Ali nach seiner Sperre George Foreman beziehungsweise Joe Frazier schlug - und sich trotz physischer Nachteile nach sieben Jahren im Jahr 1974 den Weltmeistertitel zurückholte.
    Muhammad Ali litt seit mehr als 30 Jahren an Parkinson und starb nach Angaben seiner Familie gestern in einem Krankenhaus in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona.

    Das Interview in voller Länge:
    Sandra Schulz: Am Telefon begrüße ich den Sportphilosophen Professor Gunter Gebauer. Guten Tag!
    Gunter Gebauer: Guten Tag, Frau Schulz!
    "Es war ganz bemerkenswert dieser Pazifismus, der da tapfer dargestellt wurde"
    Schulz: Muhammad Ali gilt als Jahrhundertsportler – wieso?
    Gebauer: Weil er ganz vieles verkörpert hat, was im Sport normalerweise nicht zum Vorschein kommt und was Sportler normalerweise gar nicht für sich reklamieren können, schon weil sie gar nicht die Persönlichkeit dafür haben. Bei Muhammad Ali, das wurde ja eben im Rückblick deutlich, kommt hinzu, dass er nicht nur einer der fantastischsten Boxer aller Zeiten war. Er hat einen Boxstil geprägt, einen völlig neuen Stil, als er antrat und Weltmeister gegen Sonny Liston wurde, als ein tänzelnder Boxer, ganz jung, relativ leicht, unglaublich gelenkig, beweglich, praktisch überhaupt nicht zu greifen. Liston musste immer wieder zuschlagen, in die Leere geboxt, und kriegte ihn einfach nicht zu fassen. Es war wie ein Gespenst für ihn geradezu. Das ist das eine.
    Das Zweite ist, dass er etwas getan hat, was Sportler eigentlich in der Regel nicht so ohne Weiteres machen: Er hat sich gegen das Establishment gestellt, und in diesem Fall nicht nur gegen das weiße Establishment, sondern auch das nationale, nationalistische Establishment der USA, indem er den Wehrdienst in Vietnam verweigert hat, also der Wehrdienst, der ihn wahrscheinlich dann nach Vietnam geführt hätte. Und das war eine der ganz großen Leistungen, dass er das durchhalten konnte. Denn angesichts des Patriotismus' der USA, auch im Vietnam-Krieg, wurden natürlich auch die nationalen Gefühle gewaltig geweckt, gegen den Protest junger Studenten und derjenigen, die überhaupt keinen Sinn in diesem Krieg sahen. Und er machte sich praktisch zum Wortführer der schwarzen Soldaten, die nach Vietnam geschickt worden wären, nicht nur, weil er Angst vor dem Vietcong hatte, sondern, wie er sagte, der Vietcong hat mir ja nichts getan, was soll ich ihn erschießen. Also, es war ganz bemerkenswert dieser Pazifismus, der da tapfer dargestellt wurde.
    "Er ist zum Anführer der schwarzen Bewegung geworden"
    Schulz: Gleichzeitig ist es ja interessant, dass ausgerechnet der Boxsport, also der Kampf mit den Fäusten, was ja wirklich sozusagen die bodenständigste Art auch der Auseinandersetzung ist, dass das jetzt ausgerechnet das Vehikel war für die öffentliche Person, auch für die politische Person Muhammad Ali. Das wäre alternativ gar nicht anders gegangen?
    Gebauer: Es gibt ja viele Boxer, die sich vollkommen dem Establishment seinerzeit in den USA unterworfen haben. Es wurden ja auch nur Boxer für große Kämpfe zugelassen, die in irgendeiner Weise konform waren. Andere wurden weitgehend vorher daran gehindert. Einzige Ausnahme vielleicht Sonny Liston, der auch eine etwas merkwürdige, kriminelle Biografie hatte. Das war bei Muhammad Al insofern interessant, als er ja ständig geredet hat. Andere Boxer reden ja nicht. Das ist das nächste Phänomen. Das ist einer, der ständig seine Meinung kundgetan hat, der sich als junger Mann als der Größte bezeichnet hat. Später, als er klüger war und nach der Zäsur dieser drei Jahre, die er nicht boxen durfte, hat er Reden gehalten, hat sich in öffentlichen Diskussionen gestellt, ist vor Universitäten aufgetreten. Also, er ist jemand geworden, der mit zum Anführer, zum Wortführer der schwarzen Bewegung geworden ist. Das müssen wir ja auch lokalisieren im Kontext der Zeit. Ein Aufbegehren unterdrückter Schwarzer, die in schlechten Lebensverhältnissen lebten, die kaum eine Aufstiegschance hatten. Und nun kommt Muhammad Ali und kann auf einmal zeigen, mit einem fantastischen Boxstil, mit einer intelligenten und witzigen Rede, dass man das Establishment in den USA herausfordern kann, auch als Schwarzer. Und das ist natürlich von Intellektuellen, von Studenten und so weiter, vollkommen angenommen worden.
    "Rumble in the Jungle" und "Thriller in Manila"
    Schulz: Herr Gebauer, wir müssen auf die beiden Kämpfe noch mal kommen, diesen sogenannten "Rumble in the Jungle" und den "Thriller in Manila". Die fallen obligatorisch immer, wenn von Muhammad Ali die Rede ist. Warum eigentlich? Was hat diese beiden Kämpfe so besonders gemacht?
    Gebauer: Erst mal hatte sich ja Muhammad Ali ausgezeichnet als jemand, der einen unglaublich schweren Weg gegangen war mit seiner Wehrdienstverweigerung, dann Aberkennung der Boxlizenz, Aberkennung des Weltmeistertitels. Dann der mühsame Weg zurück in die Reihe der Boxer, die um den Weltmeistertitel kämpfen konnten, und dann eben gegen einmal George Foreman, der amtierender Weltmeister war, der in bester Verfassung war, viel jünger als Muhammad Ali, im Übrigen auch Muhammad Ali bewundert hat, aber als einen relativ alten Boxer inzwischen. Und in einem Kampf, bei dem er ganz eindeutig physisch der Unterlegene war, hat er es geschafft, durch Provokation des jungen Foreman, durch eine Taktik, die vollkommen unkonventionell war – sich also zurückfallen zu lassen in die Ringseile und plötzlich gegen Ende jeder Runde wieder nach vorne zu schnellen, um dann Foreman sehr hart zu treffen. Dieser Sieg, mit dem er seinen Boxweltmeistertitel zurückholte, ist unvergesslich, auch wegen der Auseinandersetzung mit einerseits dem konformen George Foreman und auf der anderen Seite dem Herausforderer, dem alten Champion, dem der Titel weggenommen war und der eigentlich jetzt dafür stand, dass er seine eigene Meinung hatte, zum Islam konvertiert und vollkommen unerschütterlich auf seinen Rechten beharrte. Und der holt sich den Weltmeistertitel zurück. Das hat man eigentlich noch nicht erlebt. Und zwar eben aus einer Position der Unterlegenheit.
    Schulz: Die Erinnerung daran wird bleiben, Gunter Gebauer. Was noch?
    Gebauer: Das Nächste, Sie haben es schon gesagt, der "Thriller in Manila", also typische Formulierung von Muhammad Ali. Das war ein unglaublich dramatischer Kampf. Das war vielleicht der wildeste, verrückteste, härteste Boxkampf, den es je gegeben hat. Zwei bittere Feinde, zwei Boxer aus verschiedenen Lagern. Joe Frazier als der konforme Boxer, Muhammad Ali als der Herausforderer. Es war ein Kampf, der auf Biegen und Brechen geführt wurde, bei dem es hin und her ging mit den Vorteilen. Am Anfang führte Muhammad Ali, dann kam Frazier, und gegen Ende des Kampfes dann wieder Muhammad Ali, bis schließlich in der 14. Runde Joe Frazier aufgeben musste, also ganz knapp vor Schluss. Ich habe den Kampf damals natürlich mit meinen Freunden vor dem Fernseher gesehen. Es war unglaublich, es war ein heißer Kampf in jeder Hinsicht, es war unglaublich heiß in Manila. Die Atmosphäre war unfassbar gespannt. Man konnte überhaupt nicht vorhersehen, wer diesen Kampf jemals gewinnen würde, und plötzlich, gegen Ende des Kampfes, eine Runde vor Schluss, gibt Joe Frazier auf. Es war auch eine Erleichterung, dass man gesehen hat, Muhammad Ali gewinnt gegen Joe Frazier, der ihn vorher deutlich geschlagen hatte.
    Schulz: Die Boxlegende Muhammad Ali ist jetzt gestorben im Alter von 74 Jahren. Die Würdigung war das von dem Sportphilosophen Gunter Gebauer. Ganz herzlichen Dank Ihnen dafür!
    Gebauer: Sehr gern!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.