
Immer wieder wird beobachtet, dass jemand zeitnah stirbt, wenn kurz vorher die Partnerin oder der Partner verstorben ist. Oft heißt es dann: Er wollte nicht ohne sie. Exakter wäre aber: Er konnte nicht mehr ohne sie.
Die Neurowissenschaft zeigt, dass Trauer die Funktionsweise des Gehirns verändert. Sie ist eben nicht nur ein rein psychischer Vorgang, sondern ein neurologischer – mit erheblichen Folgen für die seelische und körperliche Gesundheit.
Bindungen sind lebenswichtig
Das Profil der Frau in der Straßenbahn, der Geruch eines Passanten, die Stimme der Kassiererin: Alles kann Trauernde an den Menschen erinnern, den sie verloren haben. Dann ist es kurz so, als ob die Person wieder da ist – bis im nächsten Moment wieder die Realität und der Schmerz einsetzt.
Die Neurowissenschaftlerin und Psychologin Mary Frances O'Connor erklärt das mit der "gone but also everlasting theory": Die Liebsten sind weg und doch ist unser Wissen um sie noch tief in unserem Gehirn verwurzelt. Das liege daran, dass Bindungen für Menschen lebenswichtig seien, sagt O’Connor: "Wir brauchen enge Beziehungen zu unseren Liebsten, genauso wie wir Nahrung und Wasser brauchen."
Die Bindungen erfüllten dabei nicht nur mentale Bedürfnisse, sondern auch physisch-körperliche. Und das nicht nur bei Säuglingen, die noch nicht für sich selbst sorgen können, sondern auch bei Erwachsenen.
In einem Bericht von 2025 unterstreicht die Weltgesundheitsorganisation WHO diesen Befund: Wer Bindung spüre, dessen Körper produziere weniger Stresshormone, die für Immun- und Stoffwechselkrankheiten verantwortlich sind.
Liebe auf den ersten Blick
Das Gehirn funktioniert wie ein großes Zusammenspiel aus Erlerntem, Umwelteinflüssen und Genen. Dabei kommt den Genen eine Art Steuerfunktion zu: Sie codieren, wie Nervenzellen feuern, und welche Enzyme sich auf Rezeptoren legen.
Um das genauer zu verstehen, untersucht der Neurobiologe Oliver Bosch an der Universität Regensburg das Bindungsverhalten von Mäusen. Die Tiere sind dem Menschen darin sehr ähnlich. Die Prärie-Wühlmäuse leben meistens in monogamen Beziehungen und kümmern sich zusammen um den Nachwuchs.
Doch trotz teils langer Zweierbeziehungen schreibt sich die Bindung laut Bosch schon bei der ersten Begegnung zwischen dem Männchen und dem Weibchen in ihre Gehirne ein, und zwar durch mehrere Botenstoffe und Hormone, z.B. Oxytocin.
Bindungen verändern die Funktionsweise des Gehirns
Oxytocin, besser bekannt als Bindungs- oder Kuschelhormon, wirkt kraftvoll und funktioniert bei Mäusen und Menschen sehr ähnlich. Je mehr Oxytocin ausgeschüttet wird, desto zufriedener ist man.
Das Hormon wird zum Beispiel beim Sex freigesetzt, nach der Geburt oder beim Stillen. Aber auch einfach dann, wenn man die beste Freundin oder den besten Freund trifft.
Oxytocin macht nicht nur kurzfristig zufrieden. Langfristig verändert es auch die Aktivitäten unserer Gene. Diese legen den Bauplan fest, nach dem ein Mensch funktioniert. Die Epigenetik wiederum, die durch Umwelteinflüsse - wie zum Beispiel Begegnungen - beeinflusst wird, legt fest, wie genau dieser Bauplan genutzt wird. Bindungen und Liebe verändern also, wie das Gehirn funktioniert.
Cortisol statt Oxytocin: Wenn die Liebe plötzlich fehlt
Was im Gehirn passiert, wenn die Liebe plötzlich fehlt, lasse sich bei den Prärie-Wühlmäusen beobachten, sagt Bosch. Wenn die Tiere voneinander getrennt werden, wird im Gehirn das Angstzentrum aktiviert.
Ist plötzlich jemand weg, den man geliebt hat, kann der Körper das Kuschelhormon Oxytocin nicht mehr produzieren. Stattdessen schüttet er Cortisol aus, ein Stresshormon.
In der Evolution erfüllt Cortisol eine besondere Funktion: Es gibt dem Menschen einen Anreiz, seine Liebsten wiederzufinden. Was aber, wenn die Liebsten verstorben sind? "Da kann dieses System natürlich nicht mehr aufhören, zu feuern", sagt der Neurobiologe Bosch: "Da sind wir dann, wo die Trauer einsetzt."
Dass Trauer mit Gesundheitsrisiken wie einem erhöhten Blutdruck oder Cortisollevel einhergeht, belegen klinische Studien seit Jahrzehnten. Die trauerbedingten Gesundheitsrisiken sinken in der Regel mit der Zeit. Bleiben die kritischen Werte länger als sechs Monate erhöht, spricht die WHO von einer "anhaltenden Trauerstörung".
Trauer im Krankheitskatalog der WHO
2018 hat die WHO die Trauerstörung in ihren Krankheitskatalog aufgenommen. Das wurde teils kritisiert: Skeptische Psychotherapeuten meinten, Trauer würde auf diese Weise pathologisiert, obwohl sie doch ein normaler menschlicher Prozess sei.
Aus Sicht der Fürsprecher wiederum lenkt die WHO-Diagnose die nötige Aufmerksamkeit auf das Thema. Sie besser zu erforschen, herauszufinden, wie die anhaltende Trauerstörung sich von anderen psychischen Krankheiten wie Depressionen unterscheidet, könne den Betroffenen nur helfen, heißt es
Onlinetext: Milan Procyk / Quellen: Deutschlandfunk

























