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Todestag Hermann LönsDeutsch-nationale Traumbilder vom Heidedichter

Eine hektische Suche nach Heimat, Ruhe und Gediegenheit – dieses Lebensbild hat Hermann Löns als Dichter der Lüneburger Heide hinterlassen. Am 26. September 1914, heute vor 100 Jahren, starb er auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs.

Von Christian Linder | 26.09.2014

Der Hermann Löns Stein (nicht das Grab) von 1921 auf dem Wietzer Berg bei Müden(Örtze).
Der Hermann Löns Stein (nicht das Grab) von 1921 auf dem Wietzer Berg bei Müden(Örtze). (picture alliance / Klaus Nowottnick)
Ganz unauffällig wollte Hermann Löns aus der Welt verschwinden.
"Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein, kein Hügel soll dort geschüttet sein, spurlos will ich vergangen sein."
Der Wunsch wurde zunächst auch erfüllt: Nachdem Löns sich bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 sofort als Freiwilliger gemeldet hatte und kurz darauf, am 26. September 1914 bei einem Sturmangriff auf Reims, bei Le Loivre, gefallen war, wurde seine Leiche in einem Massengrab verscharrt. Erst Jahrzehnte später, 1932, grub ein Bauer das Skelett eines deutschen Soldaten aus. Und aufgrund einer ebenfalls gefundenen, jedoch nicht eindeutig entzifferbaren Kennmarke meinte man, die Leiche Hermann Löns' gefunden zu haben.
Inzwischen hatten in Deutschland die Nationalsozialisten den "Heidedichter" entdeckt und veranlassten seine "Heimholung ins Reich". Ob unter dem Grabstein in Walsrode in der Lüneburger Heide allerdings tatsächlich die Gebeine von Hermann Löns ruhen, wurde nie geklärt. Aber auch als Denkmal hat der Grabstein für die Scharen der Besucher seinen Sinn, denn Hermann Löns, meldet heute jeder Reiseführer, gehörte und gehört zur Lüneburger Heide wie Schnucken, Wachholdersträuße und Korn.
"Über die Heide geht mein Gedenken,
Annemariee, nach dir, nach dir allein.
Über die Heide möchte ich wandern,
Annemariee, bei dir zu sein."
Die Lüneburger Heide als Refugium
Die Heide hatte Löns als sein Refugium entdeckt, als er selbst meinte, schon nicht mehr auf eine Lebensbahn kommen zu können. Geboren 1866 im westpreußischen Kulm, dem heutigen polnischen Chelmno; Schule in Deutsch-Krone, dem heutigen Walcz, später in Münster und Greifswald. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium wurde er schließlich Journalist in Hannover und kam seinen Zeitgenossen in seinem Auftreten ein wenig dandyhaft vor – bis er den grünen Rock anzog und auf der Suche nach Ordnung und Gediegenheit in seinem Leben, in Romanen, Erzählungen und Gedichten die Heidelandschaft als Heimat zu erobern versuchte und im Sinne einer altdeutsch-volkstümlichen Romantik besang.
"Über die Heide flogen die Schwalben,
Annemariee, sie grüßen dich von mir.
Über die Heide riefen die Raben,
Annemariee, Antwort von dir."
Der deutsche Schriftsteller und Lyriker Hermann Löns (1866-1914). Undatierte Zeichnung.
Hermann Löns. Undatierte Zeichnung. (picture-alliance / dpa)
Bücher wie "Der Wehrwolf" oder "Das Zweite Gesicht" schrieb er in wenigen Tagen nieder, nicht nur wie im Rausch, sondern tatsächlich in wahren Alkohol-Exzessen. Darin viele germanische Schlachtbeschreibungen, Szenen mit "Kerlen wie Bäumen" und mit "Händen wie Bärenpfoten":
"Was haben wir die krummen Hunde geweift. So Stücker 20 habe ich allein von den Brägen geschlagen."
Er wolle ein "Urmensch sein in Urnatur", schrieb er und gab die Gesinnung hinter dieser Vorstellung unmissverständlich preis:
"Besser fremdes Blut am Messer, als ein fremdes Messer im eigenen Blut."
Mädchen-Backen natürlich "rot wie Rosen", der Gang der Frauen "leicht" und "ihr Zopf schwer", und immer tragen sie "ihre Brüste stolz vor sich her". Aber, schränkte Löns wieder unmissverständlich ein:
"Frauen sind fürs Bett, fürs Kinderkriegen, für die Küche da, künstlerische Fähigkeiten sind ihnen versagt."
Deutsch-nationale Gesinnung
Eine satte Ich-Gewissheit und ein ruhiges Gefühl für seine Anwesenheit in der Welt hat Löns nie spüren können, auch wenn er noch so eiferte, schreibend die Lüneburger Heide sich als Heimat anzueignen und die Tierwelt darin wie die Hasen zum Beispiel in dem Buch "Mümmelmann" zu seinen Kompagnons zu erklären.
Der Schreibgenuss bestand darin, seine von triefender Sentimentalität und deutsch-nationaler Gesinnung genährten Traumbilder vom Rückzug und vom einfach-bäuerlichen Leben in der Heide schnell und hemmungslos und unreflektiert aus sich herausfließen zu lassen.
Leben konnte er übrigens von seiner Schreiberei zu Lebzeiten mehr schlecht als recht. Erst nach seinem Tod auf den Schlachtfeldern vor Reims im Alter von 48 Jahren wurde sein Werk zu einem großen Publikumserfolg, auch, weil der Dichter der Heidelandschaft als Person zu einem Mythos geworden war.
"Über die Heide pfeifen die Winde,
Annemariee, und alles ist voll Schnee.
Über die Heide ging einst mein Lieben,
Annemariee, ade, ade."