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StartseiteInformationen am MorgenJenseits von Glanz und Glamour der Spiele15.01.2020

Tokio im OlympiajahrJenseits von Glanz und Glamour der Spiele

Tokio rückt durch die Olympischen Sommerspiele in diesem Jahr in den internationalen Fokus. Ein eher unbekanntes Viertel in der japanischen Hauptstadt ist Sanya ganz im Norden. Dort leben die ärmsten Menschen Tokios.

Von Kathrin Erdmann

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Luftaufnahme des Stadions in Tokio, im Innenraum ist ein Teil des Bodens hell erleuchtet. (imago / Kyodo)
Die Olympischen Sommerspiele finden vom 24. Juli bis 9. August in Japans Hauptstadt statt (imago / Kyodo)
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Der Sanya Blues, ein Song über das harte Leben eines Tagelöhners. Der Folksänger Okabayashi, der auch der japanische Bob Dylan genannt wird, hat es Ende der 1960er-Jahre geschrieben.

15.000 Menschen lebten damals in dem dicht besiedelten Gebiet. Heute ist es nur noch ein Viertel und die meisten sind männlich, arm und im Rentenalter.

Ein Viertel mit zum Teil eigenwilligen Menschen – so wie Hibari Miyati mit seinem knallrot geschminkten, herzförmigen Mund. Eine Art Protest: "Als ich nach Sanya kam, teilte ich mein Hotelzimmer mit fünf Männern. Die haben mich gemobbt. Da sagte mir eine Stimme, ich müsse mich verändern, damit das aufhört. Und so habe ich mich in die Comicfigur Hibari mit roten Lippen verwandelt."

Leben von Sozialhilfe

Und so ist der Mann mit den strähnigen grauen Haaren in seiner Fantasie die hübsche blonde Mangafigur Hibari Kun.     

"Früher wohnte ich in der Eigentumswohnung meines Vaters. Doch durch Betrug habe ich sie verloren, wurde obdachlos und musste Sozialhilfe beantragen."

Er zeigt das Haus in dem er derzeit lebt. Eine Baustelle vollständig mit Plastikplanen verhüllt, betreten dürfen wir es nicht.

Hibari Miyati: "Meine Herberge ist einfach. Die Leute nennen es Geisterhaus, aber ich finde es gar nicht so schlimm."

Mit seinen 67 Jahren hat er genau das Durchschnittsalter der Bewohner Sanyas. Und wie 90 Prozent der Bewohner lebt Hibari von rund 1.000 Euro Sozialhilfe - davon muss er auch die Unterkunft zahlen.

(Deutschlandradio / Kathrin Erdmann )Der Tokioter Stadtteil Sanya (Deutschlandradio / Kathrin Erdmann )

Er geht oft ins Juyohcafé. Es gehört zu dem gleichnamigen Hotel, Betreiber ist eine Nichtregierungsorganisation; ein gemütlicher Ort mit einem hübschen Innenhof für Raucher, einem großen Sofa und einer alten Telefonzelle direkt am Eingang.

Magokoro Yoshihira ist die Verantwortliche und versucht, Touristen für den besonderen Stadtteil zu sensibilisieren. Im Café liegt auf jedem Tisch eine plastinierte Folie.

Sanya, ein armes Viertel

"Wir versuchen beide Seiten zusammen zu bringen, in dem der Kunde nicht nur für sich einen Kaffee bestellt und bezahlt, sondern auch für einen Sozialhilfeempfänger", sagt sie.

Außerdem gibt es regelmäßige Putzaktionen in Sanya, bei denen Touristen und Anwohner Hand in Hand arbeiten; im Café steht ein Korb mit ausrangierter Kleidung aus dem sich jeder bedienen kann.

"Wenn Männer hier manchmal nachts rumschreien, wundern sich die Touristen. Ich erkläre ihnen dann, dass Sanya ein armes Viertel. Und dann, ich weiß auch nicht woran das liegt, zeigen sie Interesse und Verständnis für die Menschen. Übrigens mehr als japanische Gäste."

(Deutschlandradio / Kathrin Erdmann)Magokoro Yoshihira (Deutschlandradio / Kathrin Erdmann)

Hibari kommt gern, um dort mit Touristen zu sprechen. Er kann sogar ein bisschen Englisch. "Es macht mir Spaß, mich hier mit Touristen auszutauschen."

Sanya findet man seit Ende der 1960er-Jahre auf keiner Karte Tokios - damals wurde er umbenannt und in mehrere Teile gesplittet. Dabei war das die Blütezeit des Viertels, Firmenschilder über den heruntergelassenen Rollläden erinnern daran. Hier lebten die, die Tokio mit aufgebaut haben – schick gemacht haben für die Olympischen Spiele 1964. In der Wirtschaftskrise Ende der 90er-Jahre wurden die Männer arbeitslos und kamen nie wieder richtig auf die Beine, erzählt Yui Kazunori. Er ist stellvertretender Direktor der Sanyu-kai Klinik. Die spendenfinanzierte Organisation kümmert sich kostenlos um die Bedürftigen im Viertel. Fast 200 Menschen sind in Sanya obdachlos.

Yui Kazunori: "Manche haben zwar eine kleine Wohnung, aber sie sind inzwischen alt und haben keinerlei familiäre Beziehungen. Sie sind ganz allein und sterben, ohne dass es jemand merkt. Einsamkeit und Vergreisung, das sind die beiden größten Probleme, die in der Zukunft noch zunehmen werden."

Er sitzt im ersten Stock auf einer Tatamimatte. Hinter ihm steht ein kleiner aus Holz geschnitzter Altar. Neben den Räucherstäbchen liegen zwei Päckchen Zigaretten, darunter stehen mehrere Sixpacks Bier.

Die früheren Tagelöhner versterben nach und nach

Yui Kazunori: "Die Menschen in Sanya trinken und rauchen schon immer gern. Stirbt ein Freund, dann bringt man ihm seine Lieblingszigaretten und das Bier, das er gern getrunken hat."

Im Erdgeschoss lässt Yasuki, sein Name wurde geändert, gerade Blutdruck messen. Der 68-Jährige ist - wie die meisten der 200 Patienten - in einer schwierigen Situation, obwohl er fast sein ganzes Leben gearbeitet hat, war LKW- und Taxifahrer und am Schluss in einer Fabrik. Nach einem Arbeitsunfall wurde er berufsunfähig und verlor alles.

"Ich lebe in einer Einrichtung für Sozialhilfeempfänger, dort teile ich ein Zimmer mit zehn anderen Männern."

Er schläft jetzt in einem Gasthaus, im Japanischen Doya genannt. Ein Zimmer kostet dort etwa 600 Euro im Monat. In den 1960er-Jahren gab es davon mehr als 200 in Sanya, heute sind es noch 145. Viele wurden inzwischen zu Unterkünften für Rucksacktouristen umgebaut, so wie das Juyohhotel. Der Stadtteil wandelt sich langsam, die früheren Tagelöhner versterben nach und nach. Von Verdrängung könne man jedoch nicht sprechen, sagt Hanno Jentzsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio.

"Sanya hat eine lange Geschichte als Auffangbecken für soziale Probleme, in denen Dinge passiert sind, die anderswo in Tokio möglichst unsichtbar sein sollten. Und natürlich haben die Behörden und auch die Polizei ein Interesse, das Sanya das bleibt", sagt Jentzsch.

Ein Ort mit einem rauen Charme. Eine andere Seite von Tokio.

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