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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis"18.06.2018

Tom Segev"David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis"

Der Staat Israel hat gerade sein 70-jähriges Bestehen gefeiert. Er wurde im Mai 1948 vom späteren Regierungschef David Ben Gurion ausgerufen. Für den Staatsgründer hat der israelische Historiker und Journalist Tom Segev nicht nur gute Worte parat - in seiner kürzlich erschienenen Biographie.

Von Sebastian Engelbrecht

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Proklamation des Staates Israel 1948 (picture alliance/dpa)
Proklamation des Staates Israel am 14. Mai 1948 in Tel Aviv, mit David Ben Gurion (l), dem ersten Ministerpräsidenten Israels (picture alliance/dpa)
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Journalisten urteilen oft wie ungnädige Richter über den Gegenstand ihrer Recherchen. Der israelische Journalist Tom Segev ist so ein wenig gnädiger Richter. Fünf Jahre lang hat er sich mit David Ben Gurion, dem Gründer des Staates Israel, befasst und jetzt eine 800-seitige Biographie vorgelegt. Tom Segev forschte in den Staatsarchiven Israels, Großbritanniens, der USA, in Polen und Deutschland. Er wertete Akten, Tagebuchaufzeichnungen und Briefwechsel aus. So entstand ein enorm facettenreiches Bild von Ben Gurion, dem Politiker und Menschen - und ganz nebenbei eine Geschichte des Zionismus.

Das Werk ist eine beachtliche historiographische Leistung. Insgesamt urteilt Tom Segev ungnädig über Ben Gurion. Sein Hauptvorwurf steht schon im Titel. Der Gründer wollte seinen Staat "um jeden Preis".

"Für ihn war das Prinzip: So viel Land wie möglich, nicht unbedingt das ganze Land Palästina, aber so viel Land wie möglich, so viele Juden wie möglich und so wenige Araber wie möglich. Und immer mit dem Grundgedanken: Ein Staat um jeden Preis."

Tom Segev präsentiert Ben Gurion nicht als den Visionär, der das Unmögliche möglich machte - nämlich mitten in der arabischen Welt einen erfolgreichen jüdischen Staat zu gründen. Vielmehr stellt er ihn als humorlosen, egozentrischen, fast autistischen Realisten dar, der stets kühl kalkulierte. Glaubt man Tom Segev, dann nahm Ben Gurion auf dem Weg zum Ziel, dem jüdischen Staat, immer wieder ungerührt Opfer in Kauf - etwa die Opfer des Unabhängigkeitskrieges auf israelischer und arabischer Seite.

Auf den Spuren einer Vision

Mit 20, im Jahr 1906, betrat David Ben Gurion, damals noch David Grün, erstmals den Boden des Landes, um das er sein Leben lang kämpfte.

"Ich war ganz hingerissen vor Glück […], als schwebte ich im Märchenreich. Die Seele stürmt, und nur ein Gefühl mit dem Namen‚ da bin ich in Erez Israel' beherrscht mein Inneres, und ich grüble immer noch: Ist das wirklich?"

Nicht nur an dieser Stelle liest sich das Buch flüssig und unterhaltsam. Tom Segev führt an mehreren roten Fäden durch die Biographie: Ein roter Faden sind die Freundschaften Ben Gurions, die ihn seit seiner Geburt 1886 in der polnischen Kleinstadt Płońsk im Russischen Reich bis zum Tod 1973 in der Nähe von Tel Aviv begleiteten. Ein weiterer ist die Liebe - seine Ehe mit Paula und seine außerehelichen Liebschaften. Ein dritter ist die politische Ereignisgeschichte, die Gründung der zionistischen Gruppierungen, Parteien, Gewerkschaften und militärischen Organisationen.

Im Detail schildert Tom Segev die Konkurrenz Ben Gurions mit anderen zionistischen Führungspersönlichkeiten wie Chaim Weizmann, dem langjährigen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, und mit Zeev Jabotinsky, dem Gründer der Jüdischen Legion der Briten im Ersten Weltkrieg.

Kein Auslandsaufenthalt entgeht dem Leser - sei es in Ägypten, Polen, der Sowjetunion, England, auch nicht der erste - prägende - Besuch 1915 in den USA.

"Er war nun 29 Jahre alt und ohne Beruf. Er wusste, dass kein Rechtsanwalt mehr aus ihm werden würde und vermutlich auch kein Minister im türkischen Kabinett. […] Aber er hatte einen großen Vorteil gegenüber vielen seiner Altersgenossen: Er wusste, was er im Leben erreichen wollte, und er wusste, dass er lernfähig war."

Ben Gurion: führungsstark und entschieden

Tom Segev beschreibt Ben Gurions politisches Geschick, vor allem bei der Organisation der hebräischen Arbeiter in der "Histadrut", der Gewerkschaft, und beim Aufbau der Arbeitspartei. Er lobt das sprachliche und journalistische Talent des Staatsgründers, der ein geschliffenes Hebräisch sprach, auch wenn Jiddisch seine Muttersprache war.

Am 14. Mai 1948 zogen die Briten aus Palästina ab, und Ben Gurion zeigte die Qualitäten eines Staatsmannes. Gegen den Widerstand der USA entschied er, an diesem Tag die Gründung des unabhängigen Staates Israel zu erklären. Er erkannte:

"Was wir in den nächsten Monaten nicht tun, werden wir vielleicht in hundert Jahren nicht erreichen. Ich hege keinen Zweifel daran, dass sich in den nächsten sechs Monaten das Schicksal des Volkes Israel entscheiden wird, vielleicht für Jahrhunderte, vielleicht für Jahrtausende. Wir müssen wissen, dass das eine harte Anstrengung ist, finanziell und persönlich."

David Ben Gurion war klein gewachsen und hat nie einen Universitätsabschluss gemacht. Dennoch glaubte er an sich selbst wie kaum ein anderer in Palästina. Und genau "darauf gründete seine Führungsstärke", wie Tom Segev schreibt.

Auf die Unabhängigkeitserklärung folgte prompt der Krieg gegen die Palästinenser und ihre verbündeten arabischen Armeen. Ben Gurion agierte als Oberster Befehlshaber der israelischen Armee, der Haganah, wankelmütig und widersprüchlich - ohne klares Konzept. Er improvisierte. Nach Tom Segevs Darstellung betrieb Ben Gurion aktiv die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus den eroberten Gebieten - und verwendete dabei immer wieder das hässliche Wort von der "Säuberung".

Die andere Seite des Staatsmannes

Zionismus-kritisch klang er erst viel später. Im Frühjahr 1967 - noch vor dem Sechs-Tage-Krieg - riet er von der Eroberung des Sinai, des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens ab. Und 1970 sagte Ben Gurion in ein Mikrofon des amerikanischen Fernsehsenders CBS:

"Wir haben nie die Hoffnung aufgegeben, in unser Land zurückzukehren. Es ist unser Land. Aber wenn ich wählen müsste zwischen dem ganzen Land oder Frieden, dann ist Frieden wichtiger. Ich glaube, wenn wir Frieden schaffen können, dann sollten wir alle eroberten Gebiete aufgeben - mit zwei Ausnahmen: Jerusalem und die Golanhöhen."

Gerade diese Haltung des weisen Staatsmannes Ben Gurion hätte den ungnädigen Richter Tom Segev milder in seinem Urteil stimmen können. Bei der Präsentation seines Buches ordnete er aber immer wieder den heutigen israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu und seinen frühen Vorgänger Ben Gurion in dieselbe Kategorie israelischer Politiker ein. Beide verträten die Formel, den Nahostkonflikt können man "nur managen, nicht lösen".

"Ben Gurion, der ja schon vor fast 100 Jahren gesagt hat, 1919, dass das ein Konflikt ist, den man nicht lösen kann, der hatte leider recht, scheint es. Denn das ist wirklich eine sehr, sehr tiefe Kluft. Das ist ein Konflikt zwischen zwei Völkern, zwei Identitäten, zwei Träumen. Das ist ein Konflikt zwischen zwei Völkern, die ihre Identität durch das Land definieren, und zwar das ganze Land."

In Segevs Buch kommt zu kurz, dass Ben Gurion nicht nur Realist war, sondern zugleich ein Utopist. Als kreativer Politiker und Staatsmann hätte er heute gewiss überraschende Lösungsvorschläge zu machen - weit bessere als seine Epigonen.

Tom Segev: "David Ben Gurion: Ein Staat um jeden Preis",
Siedler Verlag, 800 Seiten, 35 Euro.

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