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Tour de FranceDas neue Image des Christopher Froome

Bislang galt Team Sky als dröge Daten-Truppe. Mit ein paar intuitiven Rennentscheidungen hat Christopher Froome dieses Image nun verändert. Das Paradox dabei: Was spontan wirkt, ist Resultat eines modifizierten Masterplans.

Von Tom Mustroph | 23.07.2016

Der britsche Rennfahrer Christopher Froome des Team Sky beendet eine Etappe der Tour de France nach einem Sturz laufend.
Der britsche Rennfahrer Christopher Froome des Team Sky beendet eine Etappe der Tour de France nach einem Sturz laufend. (dpa / picture alliance / Stephane Mantey)
Chris Froome allein vor dem Feld auf der Abfahrt. Chris Froome, der eine Windkante nutzt, der stürzt und dann joggt. Ein Mann im gelben Trikot auch, der nach einem weiteren Sturz eine ganze Steigung auf einem fremden Rad bewältigt. Der Chris Froome dieses Jahres war eine Überraschung. Und das löst auch bei der Konkurrenz Anerkennung aus.
Paolo Slongo, Coach bei Team Astana: "Mir, das sage ich ganz ehrlich, gefällt der Froome dieses Jahres. Früher war er nur in den Anstiegen und beim Zeitfahren da. Jetzt zeigt er, dass er auch auf anderen Feldern wettbewerbsfähig ist."
Ein kompletterer Rennfahrer geworden
Natürlich ist der andere Froome nicht verschwunden. Also der, dessen Mannschaft das Feld auf den Anstiegen brutal zusammenhält, so dass niemand attackieren kann. Der Sky-Kapitän ist weiterhin eine Macht am Berg und erst recht im Zeitfahren. Aber er hat sich gewandelt. Er ist ein kompletterer Rennfahrer geworden. Einer mit mehr Freiheiten, mit Intuition.
Das freilich ist Teil eines Masterplans. "Wir haben entschieden, dass wir mit der Gruppe von Fahrern, die wir haben, unsere Taktik ändern können. Wir können mehr Überraschungsmomente nutzen, das Unerwartete tun, die Leute überraschen. Wir haben damit schon in der Dauphiné begonnen und das in der Tour übernommen. Chris hat das richtig gut gemacht", lobt Skys Teamchef Dave Brailsford seinen Matador.
Aus der Matratze noch etwas Leistungspotential holen
Für Brailsford gehören in diesem Jahr spontane Entscheidungen auf der Straße zum Konzept der "marginal gains": wie etwa die gemeinsame Jagd mit Peter Sagan in der Windkante vor Montpellier. Als "marginal gains", kleine Zugewinne, wurde der Ansatz berühmt, auch Kleinigkeiten wie etwa die Matratzen oder die Trikots der Fahrer zur Leistungsverbesserung zu nutzen. Wer besser schläft, wen die Kunststofffaser weniger kratzt, der kann möglicherweise das entscheidende Quäntchen mehr an Leistung abrufen. "Marginal Gains" war zugleich der Versuch, zu erklären, warum Froome ohne Doping Höchstleistungen erbringt, die teilweise auf dem Niveau eines Lance Armstrong liegen oder sogar darüber hinausgehen. Nicht jeder Beobachter des Radsports ist von dieser Erklärung überzeugt.
In dieser Saison wurden im Rahmen des "marginal gains"-Konzepts also auch Intuition und Abwechslung als Ressource fruchtbar gemacht. Ausgerechnet bei dem Rennstall, der bislang als ein Haufen dröger Wattzahl-Fetischisten galt.
"Macht man immer das gleiche, dann stagniert man"
Für Brailsford aber waren die alten Methoden ausgereizt, "man bewegt sich doch mit der Zeit, hält sich Optionen offen, lernt einfach dazu. Und man fragt sich: Wohin gehen wir von hier aus? Macht man immer das gleiche, dann stagniert man doch."
Brailsford, der vor dem Engagement bei Sky den britischen Bahnradsport zum Erfolg geführt hatte, nutzt die Erkenntnisse aus dieser Zeit. "Es ist wie beim Bahntraining. Man muss es über die Jahre ändern, um es interessant zu halten, selbst wenn physiologisch beim Training immer dasselbe passieren wird. Aber man muss es in Bewegung halten, sonst langweilen sich die Sportler selbst und alles wird öde."
Ablenkung vom Dopingverdacht
Die geplante Abwechslung hatte einen weiteren günstigen Nebeneffekt für Team Sky: Weil Froome so stark bei der Abfahrt und der Windkante war, geriet die Diskussion um Wattdaten in den Bergen in den Hintergrund. Der Dopingverdachtsdiskurs des vergangenen Jahres war vom Staunen über den neuen Chris verdrängt. Fast schon geniales Re-Branding.
Fragt man bei der Konkurrenz, so ist aus dem alten Berg- und Zeitfahrer Froome allerdings noch nicht gleich ein Meister aller Klassen geworden. Vincenzo Nibali, selbst einer der allerbesten Abfahrer im Peloton, relativiert das Bravourstück von Froome bei der Abfahrt am Col de Peyresourde. "Ja, er hat diese Etappe sehr schön gewonnen, als er in der Abfahrt davon gezogen ist. Aber es war eine Abfahrt, mit besonderen Bedingungen, wo man richtig Druck ausüben musste. Es gab nicht viele technisch schwierige Kurven. Das hat ihm geholfen."
"Er traut sich mehr zu"
Es war, im Skijargon ausgedrückt, also keine schwarze Abfahrt, die Froome da so toll meisterte. Und dass aus dem Briten noch kein Supertechniker auf dem Rad geworden ist, bekam ausgerechnet Nibali bei der 19. Etappe schmerzhaft zu spüren. Froomes Sturz brachte auch ihn zu Fall. "Er hat jetzt vielleicht einfach mehr Courage. Er traut sich mehr zu. Nur dass er heute vielleicht etwas zu viel riskiert hat. Ich war hinter ihm, als er gefallen ist. Und als ich gebremst habe, blockierte das Rad sofort und ich lag dann auch unten."
Froomes Risiko in der Abfahrt machte für einen Moment diese Tour wieder offen. Das jedoch war ein Spannungsfaktor, den Team Sky nicht geplant haben dürfte.