Montag, 04. März 2024

Tour de France
Radio Tour - das mobile Kontrollzentrum der Frankreichrundfahrt

Aus jedem Begleitfahrzeug der Tour de France dringt jeden Tag die Stimme von Sebastien Piquet. Er meldet, was im Feld und auch in den Fluchtgruppen los ist, und koordiniert die Teamfahrzeuge. Ohne ihn wäre das Rennen ein großes Durcheinander.

Von Tom Mustroph | 16.07.2023
SAINT-GERVAIS MONT BLANC, FRANCE - JULY 16 : Illustration picture during stage 15 of the 110th edition of the Tour de France 2023 cycling race, a stage of 180 kms with start in Les Gets and finish in Saint-Gervais Mont Blanc on July 16, 2023 in Saint-Gervais Mont Blanc, France, 16/07/2023  Motordriver Kenny Verfaillie - Tour de France 2023 - Stage 15 PhotoNews/Panoramic PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY
Der rote Wagen mit Sebastian Piquet fährt immer direkt hinter dem Peleton. (IMAGO / Panoramic International / IMAGO / Nico Vereecken)
Sebastian Piquet ist die Stimme der Tour de France. Denn er sitzt an den Reglern von Radio Tour, sagt an, wann ein Fahrer zurückfällt, wann jemand medizinische Hilfe braucht oder nur die der Mechaniker.
Seit 2005 macht Piquet das schon, jeden Tag, bei jeder Tour, und bei den anderen Rennen vom Organisator ASO auch noch.
„Das ist meine 19. Tour de France. Ich begann 2005 mit der Katarrundfahrt. Das war mein erstes Rennen. Dort testete mich die ASO, nachdem sie mich fragten, ob ich Radio Tour machen möchte. Es lief ganz gut, denn danach machte ich Paris – Nizza, Paris – Roubaix und dann schließlich meine erste Tour de France.“

Mobiles Kontrollzentrum der Tour de France

Seitdem sitzt Piquet im ersten Auto, unmittelbar hinter dem Peloton. Es ist eine Art Königsloge bei der Tour. Näher ist nicht einmal Tour-Direktor Christian Prudhomme dran. Denn der fährt im roten Skoda mit der Nummer 1 meist vor dem Feld, ist bei Flachetappen bei der Ausreißergruppe.
Der rote Skoda Nummer 2, in dem Piquet sich aufhält, bleibt hingegen beim Feld und ist bei den Bergetappen stets hinter der Gruppe mit dem Gelben Trikot. Mit in seinem Auto sitzen noch Thierry Gouvenou, der Streckenplaner der Tour, und der Präsident der Rennjury vom Weltverband UCI. Es handelt sich um das mobile Kontrollzentrum der Tour de France.
„Ich arbeite mit verschiedenen Kanälen: Radio Tour, Info, Direktion und Kommissäre. Radio Tour ist, um alle Informationen an jeden zu geben. Über Info rede ich mit der Organisation und mit meinen Motorradpiloten, also meinen Augen. Direktion ist für Christian Prudhomme und die anderen Chefs der ASO. Und Kommissäre schließlich ist für Vicente, damit er mit seinen UCI-Kommissären reden kann. Und dann habe ich noch ein Fußpedal. Wenn ich darauf drücke, kann ich zur Welt sprechen.“
Vicente ist Vicente Tortajada Villaroya, der Präsident der Rennjury der UCI. Neben seinem Schaltpult hat der Mann von Radio Tour noch eine tabellarische Übersicht mit den Startnummern aller Fahrer. Dort trägt er Informationen ein, wer sich gerade in welcher Gruppe befindet. Ein blauer Kreis um die Nummer steht zum Beispiel für Ausreißergruppe, ein roter Strich für die ersten Verfolger.  

Sportliche Leiter informieren und Rennstand durchgeben

Kurz vor dem Start einer Etappe sprechen wir mit ihm, die Polizeifahrzeuge fahren schon vor, und er packt schnell seine Sachen zusammen.
“Die Hauptaufgabe ist, die sportlichen Leiter der Teams, die in einer Reihe hinter uns fahren, zu informieren. Wenn ein Fahrer den Arm hebt, dann werde ich Bora hansgrohe rufen, dass einer ihrer Fahrer eine Flasche braucht. Oder es gibt einen Platten, dann sage ich Groupama FDJ Vorderradplatten. Das ist das Wichtigste, die sportlichen Leiter zu informieren, dass einer ihrer Fahrer ihre Hilfe benötigt. Oder wenn es einen Crash im Peloton gibt mit Nummer 38 oder Nummer 46.“
Die zweite wichtige Aufgabe ist, alle, die an den Tourfunk-Kanal angeschlossen sind, über die Geschehnisse im Rennen selbst zu informieren. Die verschiedenen Gruppen etwa, die sich gebildet haben, ihre Abstände, ja selbst einzelne Attacken beschreibt Sebastian Piquet.
Informationen über die Ereignisse, die er nicht sieht, bekommt Piquet von drei Motorradpiloten. Die hängen sich hinter einzelne Gruppen, nennen die Fahrer, die dort sind und auch die Abstände.

Verlässliche Infoquelle auch bei Internetausfällen

Oft genug sind die acht Augen von Radio Tour die einzige verlässliche Informationsquelle im Rennen für die sportlichen Leiter.
„Ich bin 31 Jahre Sportdirektor. Aber gestern habe ich mich um 30 Jahre zurückversetzt gefühlt. Wir hatten keinen Fernsehempfang, kein Internet. Es gab nur Radio Tour“,
sagte Arthur von Dongen, sportlicher Leiter von Jumbo-Visma um Jonas Vingegaard nach der 5. Etappe. Nicht einmal das Telefonnetz funktionierte, um Informationen von den Betreuern einzuholen, die sich an den Verpflegungsstellen am Berg eingefunden hatten.

Tipps zu Wein, Essen und Dörfern

Manchmal, bei Flachetappen etwa, geht es aber auch entspannt zu in der Wagenkolonne.
„Ich gebe auch, wenn der Tag lang und die Etappe langweilig ist, touristische Informationen über Wein und Essen und die Dörfer, durch die wir fahren, durch. Hier waren wir 1974 und dieser Fahrer gewann damals.“

Kommunikation zwischen Rennjury und Teamwagen

Konflikte gibt es allenfalls, wenn Piquet den Begleitfahrzeugen der Teams nicht erlaubt, nach vorn zu kommen, weil der Abstand der Gruppen noch zu gering ist.
“Die Regel ist, ab einer Minute können wir den Begleitfahrzeugen erlauben, hinter eine Ausreißergruppe zu gehen. Aber das hängt auch von der Größe der Gruppe ab. Wenn wir 25 Fahrer von unterschiedlichen Teams vorn haben, bedeutet das etwa 20 Autos in der Schlange. Und dann müssen wir warten, bis der Abstand zwei Minuten oder gar drei Minuten beträgt. Und es hängt auch vom Profil ab.“
Allerdings trifft Piquet nicht diese Entscheidungen selbst. Er kommuniziert nur, was die Rennjury der UCI entscheidet. Er ist die Stimme der Tour, dessen Informationen hilfreich für alle sind.