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Tour de France
Stürze gehören zum Tour-Spektakel

Die Reduzierung der Tourteams auf jeweils acht Fahrer sollte die Sicherheit bei der Frankreich-Rundfahrt erhöhen und für mehr Spannung sorgen. Beide Ziele werden eher nicht erreicht. Für die Organisatoren ist das Spektakel auf der Strecke am wichtigsten.

Von Tom Mustroph | 14.07.2018

    Peter Sagan war nach der 4. Etappe und einem vermeintlichen Ellenbogen-Check gegen Mark Cavendish im Schlusssprint von der Tour de France 2017 ausgeschossen worden - eine Fehlentscheidung, wie sich später herausstellte.
    Vor allem bei den Sprints zum Rennende geht es eng zur Sache (imago sportfotodienst)
    Die Tour de France versucht etwas. Sie überzeugte den Weltradsportverband UCI, die Stärke der Teams von neun auf acht Mann zu reduzieren. Das Hauptargument: Mehr Sicherheit fürs Peloton. Das klingt gut. Und ist doch nur Augenwischerei.
    "Das ist doch lächerlich. Ich sah so viele Stürze wie letztes Jahr", meint Quick Step-Boss Patrick Lefevere, der dienstälteste Teamchef bei der Tour de France.
    Auch Rolf Aldag, Performance Director beim Team Dimension Data, sieht die Sache ähnlich.
    "Ach, das ist Unsinn, die fallen ja nicht auf Position 180, die dann hinten weggeschnitten sind, sondern die fallen auf Position 40. Und ob da 120 von hinten drücken oder 140, das ist Unsinn. Sicherheit ist ein falsches Argument. "
    Stürze passieren eher an der umkämpften Spitze
    Genau, die Stürze ereignen sich eher selten am Ende des Pelotons. Meist wird dort gestürzt, wo der größte Druck im Feld ist: Kurz hinter der Spitze. In kritischen Rennsituationen, bei Fahrbahnverengungen etwa oder kurz vor Kopfsteinpflasterpassagen, unmittelbar vor Anstiegen und generell im Finale versuchen viele Fahrer noch, schnell nach vorn zu kommen.
    Die 8. Etappe der Tour de France
    Die Tour de France ist das berühmteste Radrennen der Welt. (AP)
    Wenn Rennveranstalter mehr Sicherheit wollten, müssten sie an anderen Stellschrauben drehen, meint daher Quick Step-Chef Lefevere:
    "Die Organisatoren, nicht nur die der Tour, auch die anderen, sollten damit beginnen, sicherere Finales zu planen, ohne Kreisverkehre auf den letzten Kilometern. Aber natürlich, die Stadt zahlt und will den Zieleinlauf im Zentrum, mit all den Gefahrensituationen dort. Die Fahrer sind doch gar nicht mehr wichtig."
    Stürze bringen auch mehr Aufmerksamkeit
    Lefevere bringt die Sache auf den Punkt. Sicherheit für die Fahrer ist bestenfalls ein nachrangiges Element bei der Werbeplattform Tour de France. Natürlich sollen keine gravierenden Dinge geschehen, Unfälle mit Zuschauerbeteiligung etwa. Aber Stürze sind einkalkuliert. Sie bringen auch mehr Aufmerksamkeit.
    Die Reduzierung der Mannschaftsstärke zielte denn auch vor allem darauf, den Spektakelwert der Tour zu erhöhen.
    "Aber spannender mit acht funktioniert halt nicht. Da muss man super konsequent sein und sagen, wir machen 27 Teams mit sechs, und der Startschuss fällt und das Chaos geht los", meint Rolf Aldag.
    So eine Formel, 27 Teams mit sechs Fahrern, werde tatsächlich diskutiert, versichert Aldag. Hintergrund ist, dass die Rennveranstalter nach Mitteln gegen die Dominanz von Team Sky suchen. Weniger Sky-Fahrer bedeutet weniger Kontrolle. Und das bringt vielleicht andere Sieger als immer nur Chris Froome - und damit mehr Spannung.
    Es drohen weniger Spannung und weniger Vielfalt
    Das Anliegen mögen viele sogar sympathisch finden. Das Problem ist nur: Bislang überwiegen die negativen Nebeneffekte. Sprinterteams lassen Fluchtgruppen gar nicht mehr weit weg - aus Angst, dass sie sie mit weniger Manpower nicht mehr einfangen können. Ergebnis: Weniger Nervenkitzel bei Flachetappen.
    Broschüren mit Logo der Tour de France 2018
    Die Tour de France generiert einen Umsatz von fast 150 Millionen Euro (AFP / Marco Bertorello)
    Auch planerisch bekommen Rennställe durch die Acht-Mann-Regel Probleme. Die könnten ebenfalls für genau das Gegenteil des Erwünschten, nämlich weniger Spannung, weniger Vielfalt sorgen, befürchtet Aldag.
    "Das ändert insofern, dass Teams keine Doppelstrategien mehr fahren können. Was schade ist. Das heißt, unter Umständen werden wirklich gute Rennfahrer zu Hause gelassen."
    Gute Rennfahrer bleiben zu Hause
    Bei dieser Tour betraf das schon das australische Sprinttalent Caleb Ewan. Sein Radrennstall Mitchelton-Scott geht ganz auf die Gesamtwertung mit dem Briten Adam Yates - und Ewan, bereits Etappensieger bei Giro d'Italia und Vuelta a Espana, hatte das Nachsehen.
    Und dass Team Sky damit in die Knie zu zwingen ist, erscheint auch unrealistisch. Die letzte Tour gewann Chris Froome aufgrund von Sturzpech schon mit einem Helfer weniger. Acht Sky-Männer hielten da die neun Mann-Teams der Herausforderer in Schach.
    Momentan sind die Kräfteverhältnisse sogar umgekehrt. Der letztjährige Tour-Dritte Romain Bardet hat bei dieser Tour schon einen Mann verloren. Und in der Truppe des Tour-Zweiten von 2017, Rigoberto Uran, fährt der Mann, der wegen seiner gebrochenen Schulter Berühmtheit erlangt hat: Lawson Craddock.
    Der Texaner verdient wegen seiner Leidensfähigkeit Hochachtung. Große Hilfe gegen Sky wird er aber auch nicht leisten können. In den verkleinerten Teams fallen solche Ausfälle schwerer ins Gewicht als es noch bei den Neuner-Mannschaften der Fall war.