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StartseiteForschung aktuellDer Parasit im Mettbrötchen01.12.2014

ToxoplasmoseDer Parasit im Mettbrötchen

Forscher des Robert-Koch-Instituts haben herausgefunden, dass Menschen in Ostdeutschland häufiger den Parasiten Toxoplasma gondii in sich tragen als Menschen in den alten Bundesländern. Das könnte unter anderem mit unterschiedlichen Essgewohnheiten zusammenhängen.

Von Joachim Budde

Ein Mann beißt in ein Mettbrötchen (picture alliance / dpa - Hauke-Christian Dittrich)
Über Hackepeter oder Mett, aber auch über nicht hinreichend gegartes Grillgut oder Salami können sich Menschen mit Toxoplasmose anstecken. (picture alliance / dpa - Hauke-Christian Dittrich)
Weiterführende Information

Radiolexikon: Toxoplasmose
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 04.06.2013)

Potentieller Doppelschlag
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 14.03.2013)

Häufig unterschätzte Gefahr
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 26.01.2010)

Jeder Zweite in Deutschland hat im Schnitt schon einmal eine Infektion mit dem Parasiten Toxoplasma gondii durchgemacht. Das hat die Auswertung von Daten aus dem "Deutschen Erwachsenen-Survey Gesundheit", kurz DEGS, ergeben. Dabei haben Wissenschaftler Menschen zwischen 18 und 79 Jahren befragt und untersucht. Für Toxoplasmose hat Dr. Hendrik Wilking vom Robert-Koch-Institut in Berlin daraus mehrere Risikofaktoren herausgearbeitet.

"Das ist vor allen Dingen das Leben in Ostdeutschland, weiterer Risikofaktor ist das Halten einer Katze, dass Männer das häufiger haben als Frauen, und das Leben auf dem Lande."

Dass Katzenhalter häufiger von Toxoplasmose betroffen sind, ist wenig überraschend. Denn die Tiere sind das eigentliche Ziel der Parasiten. Katzen scheiden Toxoplasma-Oozysten aus, eine Art Eier, die in der Umwelt überleben, bis sie erneut in ein Lebewesen gelangen. Das eigentliche Ziel der Eier sind Nagetiere. Andere Katzen fressen diese Mäuse oder Ratten und infizieren sich dann ihrerseits.

Erstmals zeigen die RKI-Forscher in dieser Klarheit, dass der Anteil Infizierter in Ostdeutschland deutlich höher ist als im Westen: In den Neuen Bundesländern liegt die Infektionsrate bei 68 Prozent, in den Alten bei 44 Prozent, sagt Wilking. "Es ist auch bekannt aus anderen Studien, dass sich auch bis heute die Ostdeutschen anders ernähren als die Westdeutschen."

Bei der Befragung gaben 15 bis 20 Prozent der Studienteilnehmer aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg an, jede Woche rohes Schweinefleisch zu verzehren. Auch in Niedersachsen essen mehr Menschen regelmäßig rohes Schweinefleisch als etwa in Hessen und Bayern. Dort tun das lediglich rund fünf Prozent der Menschen. Über Hackepeter oder Mett, aber auch über nicht hinreichend gegartes Grillgut oder Salami können sich Menschen anstecken.

Verwunderlich: Schweine kommen kaum mit Katzen in Kontakt

Dass rohes Schweinefleisch ein so großes Risiko darstellt, ist durchaus verwunderlich, denn in der intensiven Landwirtschaft mit ihren geradezu hermetisch abgeriegelten Ställen, kommen Schweine kaum in Kontakt mit Katzen oder Nagern. Eine Studie des Friedrich-Loeffler-Instituts bei Mastschweinen in Niedersachsen hat ergeben, dass nur knapp jedes 100. Schwein an Toxoplasmose erkrankt ist. Bei den Sauen, die deutlich älter werden, sind es immerhin sechs mal so viele, sagt Dr. Gereon Schares. Der Tierarzt leitet am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems das Nationale Referenzlabor für Toxoplasmose.

"Freilandschweine, die haben natürlich eine größere Chance, sich mit Oozysten zu infizieren, Schweine, die auf einer Weide gehalten werden, haben natürlich eher Zugang zu Material, welches mit Oozysten kontaminiert ist." Eine Studie aus den Niederlanden bestätigt das. Den Übertragungsweg über die Katzen zu unterbrechen, sei bisher kaum möglich. Eine Impfung etwa für die Tiere fehlt.

"Menschen, die Katzen halten, können sich direkt infizieren, über die Ausscheidungen dieser Katzen, das heißt, in der Katzentoilette können Oozysten vorhanden sein, die dann zu Infektionen der Menschen beitragen können. Und auch im Garten beispielsweise können dann Oozysten zu finden sein. Das heißt, trägt man bei der Gartenarbeit keine Handschuhe, kann man sich dann auch über diesen Weg dann infizieren."

Gesunde Menschen merken so gut wie nie etwas von der Erkrankung. Für sie kann die Infektion allerdings schwerwiegende Folgen haben, wenn ihr Immunsystem geschwächt wird, etwa wenn ihnen ein Organ transplantiert wird oder wenn sie an Aids erkranken. Dann kann der Parasit wieder aktiv werden und Gehirnentzündungen hervorrufen. Wie häufig das vorkommt - darüber gibt es keine Zahlen.

Auch bei Augeninfektionen, die der Erreger auslösen kann, fehlt jede Statistik. Gereon Schares weiß aber, dass es allein in der Charité Berlin in einem Jahr 50 solcher Fälle gegeben hat. Besonders schlimm ist es, wenn sich Frauen während der Schwangerschaft an Toxoplasmose anstecken, sagt Hendrik Wilking vom RKI.

"Wenn die Mutter sich während der Schwangerschaft mit diesem Erreger infiziert, kann es zu einer Übertragung auf das Ungeborene kommen, und das Ungeborene wird auch infiziert und erleidet dadurch Entwicklungsstörungen. Die führen dazu, dass das Ungeborene missgebildet zur Welt kommt, oder es kommt zu einer Fehlgeburt."

Zwar wurden dem RKI in den letzten Jahren gerade einmal zwischen acht und 24 Fälle gemeldet, aus Erfahrungen der Nachbarländer, in denen die Erkrankung gründlicher überwacht wird, lässt sich jedoch hochrechnen, dass der Erreger jedes Jahr in Deutschland rund 340 Föten schädigt. Toxoplasma sei eine zu wenig beachtete Krankheit, meinen die Experten. Es solle darüber nachgedacht werden, ein Screening für Schwangere einzuführen. In der DDR hat es das gegeben. Grundsätzlich werden Schwangere hierzulande jedoch nicht systematisch auf Toxoplasma gondii untersucht.

"Wir gehen davon aus, dass drei Viertel der Schwangeren toxoplasma-negativ sind, das heißt unter Risiko sind, während ihrer Schwangerschaft, ihre Erstinfektion zu erhalten."

Doch nur wer das Risiko kennt, kann sich vor einer Infektion schützen.

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