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StartseiteForschung aktuellKein Turbo für den Kopf26.08.2015

Transkranielle Gleichstrom-StimulationKein Turbo für den Kopf

Sogenannte tDCS-Geräte sollen das Gehirn stimulieren - in der Medizin werden sie zum Beispiel bei Schlaganfall-Patienten eingesetzt. Nun gibt es aber auch frei verkäufliche Geräte, die damit werben, die Hirnleistung gesunder Menschen verbessern zu können. Eine Studie zeigt jedoch: Das Werbeversprechen wird nicht eingehalten - im Gegenteil.

Laura Steenbergen im Gespräch mit Arndt Reuning

Der verbesserte Hirnschrittmacher, mit dem das rheinische Forschungszentrum Jülich am Wettbewerb um den Deutschen Zukunftspreis 2006 teilnimmt (undatiertes Handout). Anders als herkömmliche Geräte sprechen die eingepflanzten Elektroden im Gehirn Nervenzellenverbände nicht mit einem konstanten Dauerreiz an. Sie traktieren das Gewebe vielmehr im unregelmäßigen Rhythmus an mehreren Punkten. Dadurch soll nicht nur das Zucken der Parkinson-Patienten wirksamer unterdrückt werden, langfristig erhoffen sich die Forscher auch, dass die Nervenzellen durch die neue Technik "lernen", wieder normal zu funktionieren. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)
Können tDCS-Geräte das Kurzzeitgedächtnis fördern? (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)
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Arndt Reuning: Transkranielle Gleichstrom-Stimulation, kurz tDCS - dahinter verbirgt sich eine Technologie, welche die Leistung des Gehirns verbessern soll. Dazu werden Elektroden an der Stirn angebracht, sodass ein schwacher Strom durch den vorderen Teil des Gehirns fließt. tDCS ist entwickelt worden, um beispielsweise Patienten zu helfen, die einen Schlaganfall erlitten haben.

Aber mittlerweile tragen auch gesunde Menschen solche Stirnbänder, um ihr Gehirn auf Trab zu bringen. Beliebt sind die Geräte vor allem bei Computerspielern. Ein Team von Wissenschaftlern hat nun getestet, ob die Geräte halten, was sie versprechen. Nämlich ob sie das Kurzzeitgedächtnis verbessern.

Vor der Sendung habe ich über diesen Test gesprochen mit Laura Steenbergen von der Universität Leiden. Ich wollte wissen: Was genau ist denn das Kurzzeitgedächtnis und warum muss es überhaupt verbessert werden?

Laura Steenbergen: Das Arbeitsgedächtnis ist der Teil unseres Erinnerungsvermögens, wo wir für eine kurze Spanne Dinge wie Telefonnummern oder auch Namen abspeichern. Oder Einkaufslisten. Stellen Sie sich das doch mal vor: Sie gehen durch den Supermarkt und können sich nicht daran erinnern, was sie alles hatten kaufen wollen. Viele Menschen könnten daher Nutzen daraus ziehen, ihr Arbeitsgedächtnis zu verbessern. Und dafür gibt es auch etliche Möglichkeiten. Dieses Gerät, auf das wir aufmerksam geworden sind, hat genau das versprochen. Und so haben wir ausprobiert, ob das auch tatsächlich stimmt.

Reuning: Die Firma, die dieses Gerät verkauft, behauptet also, dass es das Arbeitsgedächtnis verbessert. Stimmt das so?

Steenbergen: Naja, zumindest für die neue Version des Gerätes werben sie damit auf ihrer Website. Die Version, die wir getestet haben, soll nach Angaben des Herstellers die Leistungen beim Computerspielen verbessern. Aber wir wissen aus vorangegangenen Untersuchungen, dass der Erfolg beim Spielen in einem engen Zusammenhang zur Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses steht.

Scheinstimulation führte zum Ergebnis

Reuning: Wie haben Sie denn herausgefunden, ob das Gerät tatsächlich hält, was es verspricht?

Steenbergen: Wir haben 24 Testpersonen in unser Labor gebeten und ihnen das Gerät bei ihnen angewendet. Danach haben wir mit einem Test ermittelt, wie gut ihr Arbeitsgedächtnis funktionierte. Wir haben den Probanden an einem Bildschirm Buchstaben gezeigt. Einen nach dem anderen, eine ganze Reihe. Die Testpersonen mussten nun angeben, ob sie den Buchstaben zuvor schon gesehen hatten. Unter den einfachsten Bedingungen mussten sie nur sagen, ob der Buchstabe, den sie gerade sehen, eben gerade zuvor schon gezeigt wurde. Unter den schwierigen Bedingungen mussten sie angeben, ob sie ihn vier Buchstaben zuvor schon gesehen hatten. Das ist schon eine große Herausforderung, und deshalb haben wir diese Methode benutzt, um das Arbeitsgedächtnis zu prüfen.

Reuning: Sie haben mit diesem Test die Qualität des Arbeitsgedächtnisses ermittelt bei Probanden, die eine Hirnstimulation mit dem Gerät erfahren haben. Wie konnten Sie denn nun sagen, welche Wirkung der Apparat tatsächlich hatte?

Steenbergen: Wir haben die Probanden natürlich zweimal getestet, wir haben sie zweimal ins Labor geholt. Bei der einen Hälfte von ihnen haben wir beim ersten Mal tatsächlich einen Teil des Gehirns mit der tDCS stimuliert. Danach haben wir die Prozedur nur zum Schein durchgeführt. Bei der anderen Hälfte haben wir die Reihenfolge umgekehrt. Eine Scheinstimulation - das hört sich jetzt etwas merkwürdig an, aber sie funktioniert tatsächlich. Wir schalten dabei das Gerät zunächst an. Für den Träger fühlt es sich also wie eine richtige Stimulation an. Aber dann fahren wir die Spannung langsam runter. Und der Träger bemerkt das gar nicht. Er hat den Eindruck, das Gerät sei immer noch aktiv, obwohl wir es allmählich abschalten.

"Ihr Gedächtnis war schlechter geworden"

Reuning: Was war denn das Ergebnis der Studie?

Steenbergen: Die Leistung der Probanden, die eine echte Stimulation mit dem Gerät erfahren hatten, ließ in dem Gedächtnistest nach! Das genaue Gegenteil von dem, was das Gerät eigentlich bewirken sollte. Die Versuchsteilnehmer konnten sich weniger gut daran erinnern, ob sie den gezeigten Buchstaben bereits vorher schon gesehen hatten. Es war egal, ob sie den Test unter schweren oder leichten Bedingungen absolvierten: Ihr Gedächtnis war schlechter geworden.

Reuning: Legen diese Ergebnisse dann den Schluss nahe, dass die tDCS-Technologie vollkommen nutzlos ist, um damit das Gehirn zu stimulieren?

Steenbergen: Nein. Aber unsere Studie zeigt deutlich, dass solche Geräte, wie wir sie getestet haben, nicht als Ersatz für medizinische tDCS-Apparate gesehen werden sollten. Die kommerziellen Produkte sind frei verkäuflich. Und die Hersteller behaupten, man könne damit seine kognitive Leistung verbessern. Aber diese Geräte sind tatsächlich niemals erprobt worden. Von den medizinischen Geräten wissen wir, dass sie sicher sind. Wir wissen, welche Bestimmungen man einhalten muss, wenn man sie nutzen will. Aber für die frei verkäuflichen Apparate gibt es solche Bestimmungen nicht.

Reuning: Von ihrem Standpunkt aus: Welche Rolle sollte denn die wissenschaftliche Gemeinschaft spielen, wenn es darum geht, die Wirksamkeit dieser Produkte zu beurteilen und mit den Versprechen der Hersteller zu vergleichen?

Steenbergen: Die Wissenschaft sollte hier wirklich aktiver auftreten und die Aussagen der Hersteller nachprüfen - ob die Geräte halten, was die Werbung verspricht. Und was wir mit unserer Studie erreichen möchten ist, dass es den Nutzern klar ist, was sie sich da auf den Kopf setzen. Und weil die Versprechen der Werbung nicht eingehalten werden, sollte man die Produkte auch niemals an Stelle von medizinischen Geräten benutzen.

 

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