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TransnistrienLeben wie auf einer Insel

Im Konflikt im Osten der Ukraine wird immer mal wieder die Parallele zu Transnistrien gezogen. Das ist ein Gebiet, das sich Anfang der 1990er-Jahre von der Republik Moldau losgesagt hat. Transnistrien ist winzig, 300.000 Menschen leben dort, das Gebiet wird von keinem Staat anerkannt. Die meisten haben sich damit arrangiert.

Von Gesine Dornblüth | 16.05.2015

Die Hauptstraße von Tiraspols, der Hauptstadt von Transnistrien.
Die Hauptstraße von Tiraspols, der Hauptstadt von Transnistrien. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
Der Minibus hält an einer Baracke. Alle Reisenden, die keinen transnistrischen Pass besitzen, müssen aussteigen. "PMR" steht auf den Uniformen der Grenzpolizisten, Pridnjestrowische Moldauische Republik – kurz Transnistrien. Diese Republik existiert juristisch gar nicht. Geht es nach internationalem Recht, steht der Grenzposten mitten in der Republik Moldau. Fremde werden kurz befragt, dann erteilt ein Beamter die Einreiseerlaubnis. Für Oazu Nantoi vom Institute of Public Policy in Chisinau, der Hauptstadt der Republik Moldau, ist Transnistrien ein Beispiel dafür, wie die Realität das Recht überholt. "Am 21. Juli 1992 haben die Konfliktparteien Prinzipien zur friedlichen Beilegung des Konfliktes unterzeichnet. Im fünften Punkt heißt es eindeutig: Die Seiten beseitigen unverzüglich alle Hindernisse für den freien Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen. Das wird bis heute von den russischen Marionetten auf der anderen Seite des Flusses mit Füßen getreten."
Russland unterstützt Transnistrien finanziell. Und es hat mehrere tausend Soldaten in dem Landstrich stationiert, als Friedenstruppen und zur Bewachung alter sowjetischer Waffenlager.
Tiraspol, die Hauptstadt des abtrünnigen Transnistrien. Breite, fast leere Straßen. Blumenbeete. Im Stadtzentrum eine Gedenkstätte für die gefallenen Helden des Konflikts Anfang der 90er Jahre: ein Panzer, eine Kapelle. Mehr als tausend Menschen starben während des Krieges. Bauarbeiterinnen verputzen die Grabplatten. Ein Bus fährt vorbei. "Mit Russland in eine gemeinsame Zukunft" steht darauf. Die meisten Menschen in Transnistrien sprechen Russisch und fühlen sich Russland nahe. Im Rest des Landes wird auch viel Russisch gesprochen, vor allem aber Rumänisch.
Am Fluss stehen zwei Männer. Der jüngere trägt ein Abzeichen am Revers: das Wappen der Stadt Tiraspol. Sergej arbeitet bei der Stadtverwaltung, ist zuständig für die Straßenbeleuchtung. Der andere ist sein Fahrer. Gemeinsam betrachten sie die wenigen Laternen. "Wir beleuchten die Stadt so gut es geht. Damit die Menschen sich wenigstens darüber freuen. Damit Tiraspol wieder aussieht wie eine Stadt. Wir würden natürlich gern mehr machen. Aber das hängt von den finanziellen Möglichkeiten ab."
Und die sind knapp. Die Wirtschaftskrise in Russland wirkt sich auch auf Transnistrien aus. Die Renten zum Beispiel wurden gerade um ein Drittel gekürzt. Auch in anderen Bereichen werde gespart, erzählen die beiden Männer. Zurück in die Republik Moldau wollen sie trotzdem nicht. "Die machen doch mit Amerika gemeinsame Sache und mit Europa."
Eine Stunde von Tiraspol entfernt pflügt Juri einen Acker. Er arbeitet als Traktorist bei einem Privatunternehmen in Transnistrien, ist verheiratet und hat vier Kinder. Juri will auch nicht zurück in die Republik Moldau. "Was soll denn drüben auf der anderen Seite besser sein? Die haben doch dort gar nichts."
Der Lebensstandard in den Dörfern links und rechts des Dnjestr unterscheidet sich kaum. Viele Erwachsene im arbeitsfähigen Alter arbeiten in EU-Ländern oder in Russland. Diejenigen, die geblieben sind, leben von dem Geld, das die Verwandten aus dem Ausland schicken, und von dem, was sie im eigenen Garten anbauen – in Transnistrien wie im Rest der Republik Moldau. Juri ist froh, dass er in Transnistrien Arbeit hat. "In Transnistrien ist es okay. Aber es wäre natürlich schön, wenn unsere Republik anerkannt würde. Dort die Ukraine, da die Republik Moldau. Wir sind hier wie auf einer Insel."
Große Teile der Bevölkerung haben sich mit der Situation arrangiert. Die Profiteure sind kriminelle Gruppen auf beiden Seiten des Dnjestr sowie in Russland und in der Ukraine. Denn das Gebiet mit seinem ungeklärten Status eignet sich hervorragend zum Schmuggeln von Waffen, Menschen, Lebensmitteln. Langfristig verhindert der eingefrorene Konflikt zudem eine Mitgliedschaft der Republik Moldau in der NATO, die die offiziell bisher aber gar nicht anstrebt. Oazu Nantoi vom Institute of Public Policy in Chisinau versucht, den Transnistrien-Konflikt auf eine kurze Formel zu bringen: "Hier streiten die geopolitischen Ambitionen Russlands und das Bestreben, die Republik Moldau in ihren international anerkannten Grenzen aufzubauen. Und die korrupte und inkompetente moldauische politische Elite hat kein Interesse, den Konflikt zu lösen."
Darüber, weshalb es überhaupt zu dem Konflikt kam, herrschen bis heute unterschiedliche Ansichten. Der Politologe Nantoi macht mafiöse Strukturen auf der transnistrischen Seite verantwortlich. In Transnistrien verweist man auf einen Sprachenstreit. In der Republik Moldau gab es am Ende der Sowjetunion einen starken rumänischen Nationalismus. Rumänischstämmige Moldauer forderten den Anschluss des Landes an Rumänien und Rumänisch als Staatssprache. Die mehrheitlich russischsprachigen Bewohner in Transnistrien protestierten. Dann fielen die ersten Schüsse.
Die beiden Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Tiraspol sind fertig mit der Inspektion der Straßenlaternen. "Im Prinzip war das hier damals die gleiche Geschichte wie jetzt mit dem Donbass und der Ukraine. Die einfachen Leute verstehen sich heute aber gut: Transnistrier und Moldauer. Zwischen uns gibt es überhaupt keine Aggression. Das ist alles ein politisches Spiel."
Das dauert nun schon bald 25 Jahre. Sergej entschuldigt sich, sie müssten los. "Wir müssen uns freuen an dem, was wir haben. Ich mache immer einen Witz: Wenn wir dies Jahr keinen Lexus kaufen, kaufen wir eben einen Toyota."
Dann steigen beide in einen alten Lada.