Donnerstag, 18. April 2024

Transparenz-Forderung im Fußball
Charmant aber unausgegoren

Ein weiterer Sommer voller Millionen-Deals bei Fußball-Transfers ist zu Ende. Doch wer wie viel bezahlt oder bezahlt bekommt, bleibt zuweilen ungewiss. Nun kommt von prominenter Stelle die Forderung nach totaler Transparenz.

Von Constantin Eckner | 02.09.2023
Fußballspieler Harry Kane im Anzug hält sein Trikot vom FC Bayern München in den Händen.
100 Millionen Euro hat der Transfer von Fußballspieler Harry Kane zum FC Bayern München gekostet. Darüber wurde wochenlang in Medien spekuliert. (Imago | Sven Simon)
In letzter Sekunde erhöhte Angebote, Bonuszahlungen, Klauseln – bis zum Ende des Transferfensters Freitagnacht wurde noch intensiv verhandelt. Mal werden bei geglückten Deals die Ablösesummen für Spieler kommuniziert, mal schweigen die beteiligten Parteien. Mit RB-Leipzig-Geschäftsführer Max Eberl und dem langjährigen Top-Scout Sven Mislintat machten sich in jüngster Vergangenheit jetzt zwei prominente Vertreter der Branche für einen offeneren Umgang mit den Zahlen stark. Der Deutschen Presse-Agentur sagte Mislintat, er habe absolut nichts dagegen, alle Zahlungen, nicht nur Ablösesummen, sondern auch alle Gehälter, Provisionen, Beteiligungen zu veröffentlichen. Dann könne man die sportlichen Leistungen auf dem Platz und im Management anhand der finanziellen Möglichkeiten bewerten, so Mislintat.
Seine Offenheit liegt möglicherweise auch an seinem neuen Job. Nach seiner Zeit beim VfB Stuttgart ist Mislintat inzwischen Technischer Direktor von Ajax Amsterdam. Der niederländische Rekordmeister ist ein börsennotiertes Unternehmen, unterliegt damit ohnehin gewissen Transparenzkriterien. Die meisten Profiteams in Europa sind jedoch nicht an der Börse, sondern beispielsweise als GmbH & Co. KGaA aufgestellt.
Dazu sagt Henning Zülch, Wirtschaftswissenschaftler von der HHL Leipzig Graduate School of Management: "Rechenschaftspflichtig sind alle Unternehmen im Rahmen ihrer unterschiedlichen Rechtsformen. Wir haben aber das Problem, dass gerade die Offenlegung finanzieller Daten immer an die einzelne Rechtsform des Clubs geknüpft ist. Haben wir einen e.V., haben wir niedrigere Rechenschaftspflichten, als wenn wir eine Aktiengesellschaft haben. Also wir haben keine rechtliche Grundlage, die die Clubs verpflichtet, Transferinformationen an den Markt zu geben. Die gibt es nicht, also macht man es auch nicht."

Persönlichkeitsrechte haben Vorrang

Auch der Sportrechtsexperte Martin Stopper hat aus seinem Blickwinkel Bedenken ob der jüngsten Forderung nach voller Transparenz etwa bei Spielerverträgen. "Denn du kannst ja nicht in einer Art und Weise sagen, ein Geheimnisschutz, Geschäftsgeheimnisse, Datenschutz, Persönlichkeitsrechte fallen alle hinten an. Es gibt natürlich andere Schutzrechte im Zusammenhang mit Transparenz von Aktiengesellschaften, Geschäftsberichten, GmbHs und so weiter. Nichtsdestotrotz ist dann in der Gesamtabwägung mal festzustellen: 'Wem nützt denn was?'"
Die bloße Forderung nach Transparenz mag vielleicht im ersten Moment charmant klingen, gerade mit Blick auf das exzessive Wachstum des Fußballs, die horrenden Beraterhonorare und Spielergehälter im zweistelligen Millionenbereich. Aber was volle Transparenz wirklich bewirken oder verändern würde, bleibt noch unklar.
Max Eberl zum Beispiel sprach sich gegenüber der Süddeutschen Zeitung für mehr Transparenz aus, weil Medienberichte – etwa von Transferjournalisten – seiner Meinung nach falsche Zahlen in Umlauf bringen würden. Doch fehlerhafte Medienberichte allein können Datenschutzrechte keineswegs aushebeln.

Erfahrene Manager kennen sowieso die Gehälter

Selbst bei den Experten gehen die Meinungen auseinander, was mit einem totalen Offenlegen von Ablösesummen und Spielergehältern überhaupt erreicht werden würde. Ökonom Henning Zülch glaubt, dass vor allem die Spielerberater und deren Verhandlungsmacht beschnitten werden soll. "Das Ziel ist eine realistische Marktbewertung des Spielers auf der Basis einer angemessenen Erwartungshaltung, die man hat, um damit einen Marktwert zu generieren, der eher dem Leistungsvermögen des Spielers entspricht. Das muss ja die Zielsetzung sein. Jetzt haben wir das Problem, dass wir vielfach keine gesicherten Daten im Markt haben. Als ein Orientierungspunkt gilt immer Transfermarkt.de als Grundlage basierend auf Schwarmintelligenz. Das ist ja, wie die Marktwerte dort zustande kommen. Auf der anderen Seite durch viele Gerüchte, die im Markt sind und die gestreut werden, um die eine oder die andere Partei zu benachteiligen oder zu bevorteilen." Totale Transparenz würde diese Beeinflussung durch Gerüchte und Hörensagen eliminieren.
Derweil sieht auch Jurist Martin Stopper keine Notwendigkeit dafür, weil die handelnden Personen ohnehin über genügend Hintergrundinformationen verfügen. "Gerade diejenigen, die das Geschäft seit vielen Jahren betreiben, können sich ungefähr vorstellen, was an Gehältern gezahlt wird – zumindest in Europa. Lassen wir mal den neuen Player Saudi-Arabien weg, hat man doch ein Gefühl dafür, was welcher Spieler wert ist. Und wenn man dann nun genau weiß, was die Ablösesumme in einem Transfer ist, mit dem man selber nichts zu tun hat, weiß ich nicht, was einem das helfen soll. Und vor allem Dingen ist es aus juristischer Sicht von Bedeutung, inwieweit das ein rechtfertigungsfähiges Instrument sein soll, was den Fußball besser macht."
Der erste Vorstoß von Sven Mislintat und auch Max Eberl mag für etwas Aufsehen in der Fußballbranche gesorgt haben. Mehr aber auch nicht.