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StartseiteEuropa heuteTrauriger Rekord23.12.2005

Trauriger Rekord

Flüchtlingsstrom zur italienischen Insel Lampedusa hält auch zu Weihnachten an

Mit drei Booten sind diese Woche wieder 600 Flüchtlinge vor der Küste Italiens aufgegriffen worden. Viele Tausend haben dieses Jahr versucht, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Manche haben es geschafft und leben als jetzt als Illegale. Die meisten wurden abgeschoben und viele haben bei der Überfahrt ihr Leben verloren. Eine Flüchtlingsbilanz von Karl Hoffmann.

Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa. (AP Archiv)
Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa. (AP Archiv)

Auch im Mittelmeer ist jetzt Winter. Stürme fegen über Inseln und Strände, der Zustrom von Boat People ist normalerweise unterbrochen. Nicht so in diesem Jahr. Zum ersten Mal landen Mengen von Flüchtlingen und Immigranten in Sizilien und auf der weiter im Süden gelegenen Insel Lampedusa auch zur Weihnachtszeit an. Ein Beweis dafür, dass an der nordafrikanischen Küste großer Andrang herrscht. Lapidar nist das Kommunique der Küstenwacht:

"Gestern Morgen kam ein erstes Flüchtlingsboot mit 177 Menschen an Bord in Sizilien an. Darunter drei Frauen und ein Dutzend Kinder. Am Nachmittag dann zwei weitere Holzboote, eines mit 180, das andere mit 150 nicht-europäischen Ausländern. Kriegsmarine und Zollboote haben bei der Rettung geholfen und sind bereits auf neue Anlandungen vorbereitet."

Das Jahr endet mit einem traurigen Rekord. An Italiens Südfront ist ein massiver Anstieg von Flüchtlingen übers Mittelmeer aus Afrika, dem Nahen und dem Mittleren Osten registriert worden. Etwa fünfzehntausend Menschen sind angekommen, die letzten erst vor ein paar Stunden auf der kleinen Insel Lampedusa.

"200 Menschen befanden sich auf einem weiteren Kahn, fünf Frauen und ein Kranker, der sofort in ärztliche Behandlung kam. Das Flüchtlingsboot war von einem Fischkutter gesichtet worden, der die Küstenwacht alarmierte.
Der Flüchtlingsstrom zu dieser Jahreszeit ist ungewöhnlich, im Winter ist die Überfahrt aus Afrika, oft über hunderte von Kilometern bis nach Sizilien auf offenen Holzbooten, schier unmenschlich. An der Südküste Siziliens liegen die Nachttemperaturen derzeit um Null Grad. Unter normalen Umständen würde kein Mensch solch ein Wagnis unternehmen", da ist sich der Lotse Vladimiro Tuselli, ein erfahrener Seemann absolut sicher:

"Sogar schwangere Frauen und Kinder sind unter den Flüchtlingen, ein Wahnsinn, sich mit diesen Booten aufs Wasser zu wagen. Südlich von Lampedusa ist offene See da gibt es keinerlei schützendes Land, wenn der Maestrale weht, dann sind all diese Leute in Lebensgefahr."

Auch in diesem zu Ende gehenden Jahr 2005 sind viele unbekannte Menschen zwischen Afrikas Nord- und Europas Südküste ertrunken. Die Behörden der Insel Malta schätzen, dass mindestens 600 Boat People rund um ihre Insel umgekommen sind. Vage Schätzungen gehen davon aus, dass nur etwa 60 bis 70 Prozent der Menschen, die in Libyen und Tunesien abfahren, lebend ankommen. Im Mittelmeer findet unbemerkt ein Massensterben statt. Nur selten finden sich Beweise wie etwa das Wrack eines Flüchtlingsbootes, das in der Weihnachtsnacht 1996 vor Sizilien sank und 283 Menschen in den Tod riss. Dutzende von Leichen sind auch in diesem Jahr an Siziliens Ufern gestrandet. Vittorio Galli, Bürgermeister des kleinen Küstenortes Palma di Montecchiaro, ist erschüttert über die Machtlosigkeit der europäischen Länder, diese Tragödie zu verhindern:

"Viele Bürger aus unserem Ort sind vor 50 Jahren im Winter bei Schnee und Eis heimlich über die Alpen nach Deutschland und Frankreich emigriert. Heute hat sich das Blättchen gewendet und wir sind Einwanderungsland. Ich frage mich ob wir angesichts dieser Toten wirklich in einem zivilisierten Europa leben."

Das vereinte Europa hat sich zu stärkerer Überwachung der Mittelmeerfront entschlossen. Man will die Menschen retten, bevor sie ertrinken, aber vor allem sollen sie daran gehindert werden nach Europa zu gelangen. Aber nicht alle Sizilianer sind damit einverstanden, wie zum Beispiel der Schriftsteller Andrea Camilleri:

"Jüngst war ich in meiner Stammkneipe und Fragte den wirt, was er von dem Problem der illegalen Einwanderung hält. Da sagte er mir: was für ein Problem, mein lieber Dottore, wir sind doch alle illegal auf dieser Welt. Eine sehr weise Antwort, finde ich."

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