Mittwoch, 17.10.2018
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteEine WeltTreibstoff für den Krieg06.02.2010

Treibstoff für den Krieg

Das Erdöl schürt die Konflikte im nigerianischen Nigerdelta

Im ölreichen Nigerdelta droht sich der Konflikt zwischen militanten Gruppen und der nigerianischen Regierung erneut zuzuspitzen. Hintergrund ist das aktuelle Machtvakuum im Land, dessen Präsident Umaru Yar'Adua seit zwei Monaten in medizinischer Behandlung in Saudi-Arabien ist. Die Milizen drohten mit neuen Anschlägen auf die Ölindustrie.

Von Bettina Rühl

Krisengebiet Nigeria (AP)
Krisengebiet Nigeria (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Die beiden Boote entfernen sich schnell vom schlammigen Ufer und jagen über das Wasser in dem verästelten Sumpfgebiet. Die Männer in den Schnellbooten gehören zur so genannten "Freiwilligenarmee", einer der paramilitärischen Gruppen im Nigerdelta. An diesem Tag sind sie auf dem Weg zu einer Versammlung.

Die Schnellboote bleiben am Ufer, zu Fuß bahnen sich die Männer ihren Weg durch dichtes Gestrüpp bis zu einem Dorf, das halb verlassen ist. Es heißt Buguma und wurde vor einigen Jahren von der nigerianischen Armee bombardiert. Vor den zerstörten Häusern stehen Sessel, Wäscheständer und Spülschüsseln. Unrat liegt herum. Einer der Kämpfer macht ein Kofferradio an, ein anderer setzt sich auf einen der verrosteten Stühle.

"Ich war Fischer, bis ich mich den Kämpfern anschloss."

Der junge Mann nennt sich Tams Glad, ist Mitte 30 und unterscheidet sich äußerlich nicht von den Dorfbewohnern: Er trägt ein schwarzes T-Shirt, eine zerrissene Jeans, eine Waffe hat er nicht dabei. So harmlos wie er sehen viele der bewaffneten Kämpfer aus, die im Niger Delta kämpfen. Sie haben sich mehreren Milizen angeschlossen, die teilweise auch untereinander verfeindet sind. Ihre gemeinsamen Gegner sind das nigerianische Militär - und die Konzerne, die in der Region Erdöl und Erdgas fördern.

Der mit Abstand größte Erdölproduzent im Niger Delta ist die nigerianische Tochter des Konzerns Royal Dutch Shell. Der Gutachter Akachukwu Nwankpo untersuchte im Auftrag von Shell schon vor einigen Jahren, ob der Konzern für die immer weiter eskalierende Gewalt im Niger Delta verantwortlich ist. Teilweise ja - so das Ergebnis der Studie. Denn die Kämpfe sind meist Verteilungskämpfe, Shell und andere Ölkonzerne fast immer mit involviert: Mal geht es um Entschädigungszahlungen, um Bodenrechte oder um Arbeitsverträge. Oder darum, wer das Krankenhaus, die Straße oder andere Projekte bauen darf.

"Im Nigerdelta gibt es gleich mehrere Teufelskreise: eine Fülle von Problemen, die Jahre alt sind, und die nie jemand richtig angegangen ist. Der Shell-Konzern hat keine klare Antwort darauf und hofft, dass sich die Schwierigkeiten mit Geld lösen lassen. Aber niemand hat überprüft, ob die Vertreter der Dorfbevölkerung, die dieses Geld bekommen, überhaupt in der Lage sind, es im Sinne der Bevölkerung vernünftig zu verwalten."

Meistens sind sie es nicht, und damit beginnen erbitterte Verteilungskämpfe. Jeder beansprucht den gesamten Kuchen für sich: die traditionellen Würdenträger, die jungen Männer, die Bauern mit ihren verseuchten Feldern oder auch die Fischer, die den verseuchten Fisch nicht mehr fangen.

"Viele dieser Gruppen setzen bewaffnete Kriminelle ein. Denn diejenigen, die sich nun um das Geld von Shell streiten, haben keine Erfahrung mit Gewalt. Also bedienen sie sich der jungen Männer, die in den Dörfern herumlungern, keine Arbeit haben und voller Wut sind. Weil die traditionellen Autoritäten und oft auch die Dorfbevölkerung hinter ihnen stehen, werden diese jungen Kriminellen nun zu den eigentlichen Führern in den Dörfern."

Doch nicht nur innerhalb der Dörfer eskalieren die Konflikte, die Dörfer ziehen auch gegeneinander in den Krieg. Immer wieder muss die Förderung in bestimmten Gebieten für einige Zeit eingestellt werden, weil das Risiko für die Arbeiter zu hoch ist. Mit diesem Argument entfällt oft auch die Wartung der Pipelines - Leckagen und Ölverschmutzung sind die Folge. Ein Teufelskreis, denn die Verseuchung der Umwelt schürt die Wut der Bevölkerung.

Ein Hubschrauber taucht auf und überfliegt das Dorf Buguma, in dem sich die Kämpfer an diesem Morgen treffen - die nigerianische Armee ist allgegenwärtig.

"Nicht weit von hier können Sie eine Pipeline sehen, die von dem nächsten Dorf aus bis zur Insel Bonny Island führt. Dort wird Flüssiggas produziert. Es gibt Lecks, Öl tritt aus, die Fische sind versucht, wir fangen sie nicht mehr. Sie fehlen uns als Nahrung, wir haben Hunger. Und unser Trinkwasser ist auch betroffen."

Nach einem Bericht von Amnesty Internation ist das Ausmaß der Verseuchung dramatisch; die Organisation beruft sich auf die Untersuchungen unabhängiger Gutachter. Seit die Erdölproduktion im Niger Delta vor 40 Jahren begann, haben demnach dreizehn Millionen Barrel Rohöl den Boden und die Flüsse im Delta verseucht. Verglichen damit sind die 40.000 Tonnen Rohöl, die bei der Havarie des Tanker Exxon Valdez 1989 ausliefen, eine Kleinigkeit.

Tams Glad, der nigerianische Kämpfer, kennt diese Zahlen nicht. Doch die Umweltkatastrophe hat er täglich vor Augen.

"Mir wurde irgendwann klar, dass die Regierung das Erdöl aus unserem Boden stiehlt, denn wir bekommen von dem ganzen Reichtum nichts. Als uns das klar wurde, haben wir angefangen, gegen die Regierung zu kämpfen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk