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StartseiteInformationen am MorgenGuter Marx, böser Marx27.04.2018

Trier feiert 200. Geburtstag des Philosophen Guter Marx, böser Marx

Die einen bewundern seinen Weitblick, die anderen geben ihm die Schuld an kommunistischen Diktaturen: Karl Marx ist bis heute umstritten. Am 5. Mai 1818 kam er in Trier zur Welt. Die Stadt feiert seinen Geburtstag und enthüllt ihm zu Ehren eine Statue aus China - was bei vielen auf Unverständnis stößt.

Von Anke Petermann

Die größtenteils mit einer Plane verdeckte 2,3 Tonnen schwere und 4,40 Meter große Karl-Marx-Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan wird in Trier aufgestellt. (dpa / Harald Tittel )
Die Marx-Statue in Trier sorgt für Diskussionsstoff in der Stadt (dpa / Harald Tittel )
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Grau-weiße Lockenmähne, voller weißer Bart - Michael Thielen sieht aus wie Karl Marx in seinen späten Jahren. Früher bot der pensionierte Deutschlehrer Führungen zu Marx an.

"Sollte ich die wieder aufnehmen, wäre hier der Haupt-Treffpunkt", sagt Thielen.

Auf dem Platz hinterm Stadtmuseum deutet er auf das soeben errichtete Marx-Denkmal, mehr als vier Meter groß. Bis zur Enthüllung am Jubiläumstag bleibt die Bronze-Statue in Plastik-Folie gewickelt. Denkmäler wie dieses haben sie anderswo im früheren Ostblock vom Sockel geschubst. Der Trierer Marx wurde gerade erst fest mit seinem Podest verschraubt. "Unzeitgemäß" schimpfen manche, "monströs" andere. Und dritte blasen ihren Protest in eine Trillerpfeife. Doppelgänger Thielen wiegelt ab.

"Nun ist es halt ein Geschenk, und man darf Geschenke nicht kritisieren – bisschen größer, bisschen kleiner, bisschen bunter – nun ist er halt so groß, ist auch ne symbolische Zahl, diese Größe."

China stiftete die Statue

4,40 Meter Marx plus 1,10 Meter Sockel gleich 5,50 – wie 5.5. - Marx' Geburtstag. Zahlensymbolik, die Chinesen gefällt, die Volksrepublik China ist auch der edle Geber. Was die Kritiker nicht besänftigt - im Gegenteil. Am Rande einer Podiumsdiskussion über das Monument empören sie sich.

"Die Statue ist der Stadt geschenkt worden von der größten Diktatur der Welt." - "Zumindest sollten wir es thematisieren, dass China sehr viel Unrecht begeht, aber das soll ja totgeschwiegen werden, und da bin ich absolut dagegen."

Wilfried Plohmann besuchte unlängst die Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Und bekam dort von ehemaligen Häftlingen zu hören:

"Wie – aus Trier seid ihr, und ihr stellt den Marx auf – das war ein Schlag ins Gesicht der Leute, die da inhaftiert waren."

Im Namen von Marx – so sehen es viele Opfer der SED-Diktatur. Für Plohmann Anlass, sich fremdzuschämen für den Trierer Stadtrat, der entschied, das Denkmal aufzustellen. Der Marxist und Marx-Doppelgänger Thielen dagegen sieht in weltweiter Ausbeutung von Arbeitern durch multinationale Konzerne die Aktualität seines Gurus belegt.

Ob Marx die Globalisierung voraussah - Fragen wie diese füllen derzeit die Vortragssäle in Trier. Karl Hans Blesius besucht die Ringvorlesung der Hochschule. Dass sich der Kapitalismus als krisenfest erweist, da ist er nicht so sicher wie der Wirtschaftsprofessor, dem er gelauscht hat.

"Die sozialen Unterschiede werden immer größer. Das wird noch größer mit der zunehmenden Digitalisierung. Profitieren werden nur die großen Konzerne, die Internetkonzerne, die Superreichen. Und von daher wird Marx eigentlich immer wichtiger."

Marx polarisiert

Der Vordenker des Kommunismus polarisiert. Im Landtag von Rheinland-Pfalz verteidigt die Ampel-Koalition die Jubiläumsfeiern für Marx gegen die Kritik der AfD: kein glorifizierender Kult, sondern Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit einem wichtigen Stück Geistesgeschichte, da sind sich Regierung und CDU-Opposition ausnahmsweise einig. Die AfDler sollten sich die Marx-Sonderausstellung im Rheinischen Landes- und im Stadtmuseum erst mal anschauen, bevor sie meckern, merkt Kulturstaatssekretär Salvatore Barbaro an. Die deutsche Wiedervereinigung sei ein Glück fürs 200-jährige Marx-Jubiläum, findet der Sozialdemokrat. Sie ermögliche nämlich zu fragen:

"Gibt es einen unideologischen Blick auf Marx, einen wissenschaftlichen? Die Biografien, die jetzt erschienen sind, die jüngsten Biografien sind das: ziemlich unideologisch und frei von der Frage, war er ein guter Prophet oder nicht. Das ist ja ausdrücklich die Aufgabe einer Ausstellung, aktuelle Wissenschaft zu transportieren, sodass man einen neuen Zugang bekommt. Und das gelingt – glaube ich – ganz gut."

Im Rheinischen Landesmuseum darf Oberbürgermeister Wolfram Leibe vor der Eröffnung einen Blick in die Marx-Sonderschau werfen. Vorsichtig legt die Kuratorin das Jenaer Doktor-Diplom für den Philosophen in einer Vitrine ab, eines der raren Original-Dokumente. Leibe hat sich schon eingelesen in die Biografie:

"Karl Marx wollte damit ja eine klassische Wissenschafts-Karriere aufbauen, die ihm leider dann der preußische Staat verwehrt hat. Er war radikal in seinem Denken und nicht bereit, sein Denken anzupassen an die Erfordernisse. Gleichzeitig hat er auch erlebt, wie andere Professoren gelitten haben, weil Denkverbote herrschten und große Angst."

Denkverbote, die Marx später nach Belgien vertrieben, wo das Kommunistische Manifest entstand, und nach London, wo er "Das Kapital" verfasste. Lebensorte des 19. Jahrhunderts, die der Interessierte demnächst im Stadtmuseum näher kennenlernt. Auf der Museums-Rückseite wird soeben der Treppensockel des umstrittenen Marx-Denkmals mit Eifel-Basalt verkleidet. Auf den Stufen Platz nehmen, an Karls Gehrock-Zipfel – ausdrücklich erlaubt.

Oberbürgermeister: Kein Grund zur Distanzierung

Das Wohnhaus, in dem er aufwuchs – nur 200 Meter entfernt. Das bekanntere Geburtshaus erwarb 1928 die SPD, seit 1968 betreibt es die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung als Karl-Marx-Museum. Heute sieht Sozialdemokrat Leibe keinen Grund, sich vom Erbe des kompromisslosen Denkers zu distanzieren.

"In diesem historischen Kontext muss man einfach sagen: die Industrialisierung war ja Ausbeutung, unerträgliche Arbeitsbedingungen. Und dann zu sehen, dass sich ein Mensch wie Karl Marx wissenschaftlich-philosophisch damit auseinandersetzt, und versucht, Lösungsrezepte zu entwickeln – da kann man als Trierer Oberbürgermeister nur stolz sein."

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