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StartseiteForschung aktuellDie Rückkehr des Guinea-Wurms28.02.2019

TropenmedizinDie Rückkehr des Guinea-Wurms

Der Guinea-Wurm war fast endgültig vom Erdboden ausgelöscht. Doch jetzt seien plötzlich wieder Einzelfälle in eigentlich sicheren Ländern aufgetreten, sagte der Tropenmediziner Jürgen May im Dlf. Und auch Tiere seien neuerdings betroffen - vor allem Hunde.

Jürgen May im Gespräch mit Christiane Knoll

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Ein Guineawurm oder Medina-Wurm tritt aus der Oberfläche eines Fußes aus. (picture alliance / Arco Images GmbH / W. Dolder)
Ein Fuß mit dem sogenannten Guinea- oder Medinawurm (Dracunculus medinensis) (picture alliance / Arco Images GmbH / W. Dolder)
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Christiane Knoll: Es gibt viele schlechte Nachrichten über die Weltgesundheit, der Guinea-Wurm gehörte lange dazu: Mit verschmutztem Trinkwasser gelangt der Parasit in den menschlichen Körper, dort wird die Larve zum Wurm. 3,5 Millionen Infizierte gab es vor 30 Jahren, zuletzt waren es nur noch 30.

Jetzt hat die letzte Runde im Kampf gegen den tückischen Parasiten begonnen. Und die ist die schwerste, sagt Professor Jürgen May vom Bernhard Nocht Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen und mir zuerst erklären lassen, was genau der Wurm im menschlichen Körper macht.

Jürgen May: Erst mal, wenn der Wurm nach etwa einem Jahr vom Magen-Darm-Trakt in die unteren Extremitäten gewandert ist, dann entsteht eine Blase, und die juckt, und da spüren die Menschen ein Verlangen danach, auch ins Wasser zu gehen damit, um das abzukühlen. Dann platzt diese Blase, und dann gibt es ein offenes Geschwür, und der Wurm schaut mit dem Hinterteil heraus und lässt dann die Larven[*] in das Wasser. In diesem Moment gibt es praktisch ein Geschwür bei dem Menschen, und das bleibt auch, solange der Wurm dort rausguckt, also viele Monate dann auch bestehen, wenn man nichts dagegen tut, und das heißt, das ist eine Eintrittsstelle für andere Infektionen, bakterielle Infektionen zum Beispiel.

In 2018 weltweit bis Oktober 21 Fälle

Knoll: Man stirbt also nicht am Guinea-Wurm, aber man leidet gehörig.

May: Ja, genau. Man kann ganz selten auch daran sterben, wenn es zu einer Blutvergiftung kommt über diese offene Wunde. Das ist aber eine Seltenheit. Viel problematischer ist es, dass diese Menschen dann Behinderungen haben, lange Zeit nicht arbeiten können und sich schwer bewegen können und das ja vor vielen Jahren ja Millionen Menschen betroffen hat, war das schon eine gewaltige Last.

Knoll: Wie kam es jetzt zu diesem gewaltigen Erfolg?

May: Die WHO hat im groß angelegten Programm in 20 Ländern erreicht, dass diese Erkrankungszahlen soweit zurückgegangen sind. Da gab es einige gute Gründe, warum das hier in diesem Fall ein bisschen einfacher war als bei anderen Erkrankungen. Man kann sehr leicht erkennen, dass jemand infiziert ist, nämlich dann, wenn das Geschwür da ist und das Wurmendteil dort herausschaut. Man ist immer davon ausgegangen, dass es keine Zwischenwirte gibt, dass also keine Tiere infiziert werden. Das macht eine Bekämpfungsmaßnahme auch einfacher. Diese Erkrankung wird im Vergleich zu anderen Wurmerkrankungen nicht über Mücken übertragen. Insofern waren das eigentlich gute Voraussetzungen, hier eine Erkrankung zu haben, die nach den Pocken die erste ist, die tatsächlich endgültig vom Erdboden ausgelöscht wird.

Knoll: 2017 sah es fast so aus, als wäre es soweit. Ja, und jetzt ist eine neue Entwicklung eingetreten. Können Sie skizzieren, was man in den letzten Monaten beobachtet hat?

May: Ja, seit einigen Jahren gibt es nur noch wenige Länder, die betroffen sind, und auch nur noch wenige Fälle, die der WHO berichtet werden. 2017 waren das 30 Fälle in zwei Ländern, jetzt in 2018 waren es bis Oktober 21 Fälle. Allerdings war ein Fall in Angola berichtet worden, und das ist ein Land, in dem seit vielen Jahren kein Guinea-Wurm mehr gemeldet wurde. Das ist natürlich bedenklich und bedrohlich, weil jetzt plötzlich wieder Einzelfälle in eigentlich sicheren Ländern auftreten. Das andere und schwerwiegendere Problem ist, dass in einigen Ländern, vor allen Dingen in Tschad, Tiere betroffen sind, nämlich vor allen Dingen Hunde, auch seltener Katzen, auch bei einem Pavian wurden diese Würmer gefunden. Das hat man früher nicht gewusst, und das macht natürlich die Ausrottung viel schwieriger, denn jetzt muss man sich auch um die Tiere kümmern und nicht nur um die betroffenen Menschen.

Knoll: Kann man das denn?

May: Solange es Haustiere sind, ist es noch einigermaßen möglich, aber ich sagte, es ist auch ein Pavian betroffen gewesen, da wird es natürlich schwieriger. Man kann Kontrollmaßnahmen einsetzen, die geeignet sind, auch die Weiterverbreitung durch Hunde und über Hunde einzugrenzen, aber das ist viel komplizierter, als das nur beim Menschen zu tun.

"Viele Möglichkeiten, die man weiter genau untersuchen muss"

Knoll: Kann es sein, dass der Wurm selbst sich verändert?

May: Ja, hier gibt es noch einiges an Forschung zu machen. Das ist nicht so ganz sicher, aber man geht eigentlich davon aus, dass es sich genetisch, soweit man das bisher beurteilen kann, um den gleichen Erreger handelt, aber das ist noch nicht ganz sicher. Es müssen in Zukunft Studien durchgeführt werden, um zu untersuchen, warum in einigen Dörfern die Zahlen höher sind als in anderen, ob es Umweltbedingungen gibt, die sich verändert haben, ob es vielleicht doch einige Veränderungen beim Wurm selbst gegeben hat, die es ihm ermöglichen, auch bei Hunden sich mit dem Zyklus weiterzuführen. Also es gibt viele Möglichkeiten, warum jetzt auch Tiere betroffen sind. Vielleicht hat man auch nicht gut genug früher geguckt, aber das ist eher unwahrscheinlich in dem Fall, weil man die Würmer ja auch sehen kann, auch bei Hunden. Also es gibt da viele Möglichkeiten, die man weiter genau untersuchen muss, denn sonst kann man da auch keine Bekämpfungsmaßnahmen in diese Richtung einleiten.

Knoll: Haben Sie schon was daraus gelernt für andere Eradizierungsprogramme?

May: Ja, das ist das, was man immer gewusst hat. Das sieht man auch bei der Polio zum Beispiel, dass die letzte Meile, also dann, wenn man eigentlich schon geglaubt hat, dass man die Erkrankung ausgerottet hat, diese letzte Meile ist eigentlich am schwierigsten, und sie ist sehr aufwendig, sie ist sehr teuer, man muss sehr viel Geduld haben, und man muss über viele Jahre auch eine gute Surveillance haben, das heißt also eine Beobachtung der Erkrankung, um dann einzugreifen. Das wird oftmals vernachlässigt. Wenn man denkt, man hat es jetzt fast geschafft, dann wendet man sich oftmals, auch die Geldgeber für solche Programme, dann anderen Erkrankungen zu, und dann, wenn man eigentlich den Deckel zumachen müsste, dann kann die Erkrankung doch wieder sich vermehren an Stellen und über Übertragungswege, an die man bisher noch nicht gedacht hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


[*] Unser Gesprächspartner hatte versehentlich davon gesprochen habe, dass der Wurm Eier ausscheidet. Tatsächlich sind es aber Larven. Das haben wir im vorliegenden Manuskript korrigiert.

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