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Startseite@mediasresDie Kunst des Angriffs29.09.2020

Trump gegen Biden im TV-DuellDie Kunst des Angriffs

Donald Trump gegen Joe Biden - im US-Wahlkampf treffen der amtierende Präsident und sein Herausforderer zum ersten Fernsehduell aufeinander. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Debatten schon oft entscheidende Momente lieferten. Manchmal spielten nur Kleinigkeiten eine Rolle.

Von Stefan Römermann

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Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump während eines TV-Duells. (AFP / POOL / RICK WILKING)
Donald Trump während des zurückliegenden Wahlkampfs gegen Hillary Clinton (AFP / POOL / RICK WILKING)
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Im US-Wahlkampf hat die Corona-Pandemie einiges durcheinandergebracht. So reisen die Kandidaten kaum durchs Land wie es sonst eigentlich in dieser heißen Wahlkampfphase üblich ist, erzählt der US-amerikanische Journalistik-Professor Alan Schroeder von der Northeastern University in Boston: "Weil es in diesem Jahr keinen normalen Wahlkampf gibt, sind die Präsidentschaftsdebatten dieses Jahr wichtiger als je zuvor."

Alan Schroeder sollte es wissen: Er hat die Geschichte der Präsidentschaftsdebatten ausführlich erforscht und mehrere Bücher dazu geschrieben. Für die Kandidaten seien diese Live-Auftritte riskant. "Sie müssen sich bewusst sein, dass wirklich alles, was sie sagen oder machen – selbst jeder Gesichtsausdruck genau beobachtet wird. Und das kann alles in Internet-Videos oder lustigen Memen und in Kommentaren aller Art benutzt werden."

Angriffe funktionieren besonders gut

In Deutschland erforscht unter anderem der Politikwissenschaftler Jürgen Maier von der Universität Koblenz-Landau die Wirkung von TV-Duellen und Fernsehdebatten im Wahlkampf. Bei der vergangenen Bundestagswahl hat er dafür unter anderem in Echtzeit die Reaktionen bei einer Gruppe von Testpersonen gemessen. "Wir haben dann am Ende sozusagen eine Fieberkurve über das TV-Duell hinweg", so Maier, "und können zu jedem Zeitpunkt sagen, welche Aussagen zum Beispiel von Kandidaten besonders gut oder nicht so gut angekommen sind".

Besonders gut funktionieren demnach offenbar Angriffe auf den Gegenkandidaten wie es der damalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz versucht hat. Das kommt bei vielen Zuschauern gut an, sagt Maier. "Nicht nur in den eigenen Reihen, sondern auch bei unentschiedenen oder unabhängigen Wählern. Manchmal sogar auch in den Reihen des politischen Gegners. Und genau das ist auch 2017 passiert: Dass immer dann, wenn der Martin Schulz angegriffen hat, er eigentlich damit ganz gut gefahren ist."

Berichterstattung im Anschluss verändert die Wahrnehmung

Grundsätzlich hängt die Wirkung einer TV-Debatte übrigens nicht nur von der tatsächlichen Leistung der Kandidaten ab. Eine extrem wichtige Rolle spielt auch die Berichterstattung direkt nach der Debatte und in den Tagen danach. Viele Zuschauer verlassen sich bei der Bewertung der Kandidaten eher auf das Urteil der Experten im Fernsehstudio, als auf ihre eigenen Eindrücke.

Donald J. Trump und Joe Biden vor US-Flagge (Fotomontage) (picture alliance/Geisler-Fotopress) (picture alliance/Geisler-Fotopress)TV-Duell zwischen Trump und Biden - Attacke versus Themen
Coronakrise, Steueraffäre, schlechtere Umfragewerte: Der US-Präsident hat keine gute Ausgangsposition im ersten Fernsehduell. Trump wird seinen Herausforderer vermutlich persönlich attackieren – Biden eher auf Themen setzen.

"Unsere eigenen Ergebnisse zeigen, dass etwa ein Viertel der Fernsehzuschauer durch die Anschlussberichterstattung ihre Einschätzung, wer die TV-Debatte gewonnen hat, verändert."

Folgebefragungen in den Wochen nach der Fernsehdebatte haben allerdings gezeigt, dass ein positiver oder negativer Effekt schnell wieder verfliegt – und bei der Wahl in der Regel kaum Stimmen bringt, sagt Politikwissenschaftler Maier. "Anders sieht es aus bei TV-Duellen, die nur ein, zwei, drei Tage vor der Wahl stattfinden. Da ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass mögliche Effekte sich dann auch in der Stimmabgabe niederschlagen."

Effekte aus dem TV-Duell rasch verflogen

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt auch US-Politikwissenschaftler Ethan Porter von der George-Washington-Universität in Washington, DC. Er hat vor vier Jahren die Wirkung der Präsidentschaftsdebatten zwischen Donald Trump und Hillary Clinton untersucht.

"Grundsätzlich kann man sagen: Die Leute fanden Clinton nach der Debatte deutlich sympathischer als vorher. Aber das war nur ein sehr kurzfristiger Effekt. Wir haben die gleichen Leute ca. zehn Tage später nochmal befragt. Und da waren die Effekte praktisch nicht mehr messbar."

Auf die tatsächliche Wahlentscheidung und das Wahlergebnis haben die Präsidentschaftsdebatten deshalb praktisch keinen Einfluss, glaubt Porter. "Die Leute, die Präsidentschaftsdebatten schauen, die haben ihre Entscheidung in der Regel schon getroffen. Und selbst wenn eine Debatte ihre Einstellung zu einem Kandidaten kurzfristig verändert, lässt sich daraus eben nicht ableiten, dass sie deshalb am Wahltag wahrscheinlich für den einen oder anderen Kandidaten abstimmen."

Überflüssig seien die Präsidentschaftsdebatten aber trotzdem nicht, findet Porter: "Debatten sind großartig. Sie sind ein Kennzeichen unserer Demokratie. Aber diese Idee, dass man eine Wahl durch eine gute oder sehr schlechte Fernsehdebatte gewinnen oder verlieren kann – dafür gibt es einfach keine Belege."

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