
Viele Evangelikale betrachten US-Präsident Donald Trump als ein „auserwähltes Werkzeug“ Gottes. Mit seiner Wiederwahl sind sie bis an die Spitze der US-Politik vorgedrungen: Einer der ihren, JD Vance, ist Vizepräsident. Er vertritt zugleich eine Strömung, die christlichen Fundamentalismus mit Nationalismus verbindet.
Beides ist tief in der Geschichte der USA verwurzelt, in ihrem Gründungsmythos und ihrem Selbstverständnis. Als rechtskonservativer Machtfaktor traten die Evangelikalen jedoch erst Ende der 1970er-Jahre politisch in Erscheinung. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der Evangelikalismus eher von liberalen und progressiven Tendenzen geprägt und blieb danach lange unpolitisch.
Evangelikalismus als Wurzel des amerikanischen Individualismus
Der Evangelikalismus bezeichnet einen Stil von Frömmigkeit und Religiosität, der in unterschiedlichen Glaubensrichtungen gelebt werden kann. Er entsteht aus einer Reihe von sogenannten Great Awakenings – Erweckungsbewegungen – seit Mitte des 18. Jahrhunderts, durch die eine Religiosität entsteht, die auf eine persönliche Beziehung zu Gott zielt.
Bereits mit den ersten Erweckungsbewegungen im 18. Jahrhundert rückt das Individuum in seiner Verantwortung vor Gott ins Zentrum und wird damit zu einer zentralen Wurzel der amerikanischen Kultur des Individualismus, wie der Historiker Volker Depkat betont.
Eine weitere zentrale Überzeugung der Erweckungsbewegung ebnet den Weg für liberale Reformen: die Gleichheit aller Gläubigen vor Gott. Hieraus wird schon früh eine Kritik an der Sklaverei abgeleitet, die zu einem wichtigen Argument der abolitionistischen Bewegung wird.
Liberale und progressive Tendenzen bestimmen den Evangelikalismus bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein, wo sie dann Teil einer sozialreformerischen Bewegung werden. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts gewinnen rechtskonservative, fundamentalistische Strömungen innerhalb des Evangelikalismus immer stärker an Einfluss.
Von der „schweigenden Kirche“ zur politischen Macht
Bis in die 1970er-Jahre hinein halten sich die evangelikalen Christen weitgehend aus der Politik heraus. Obwohl es Entwicklungen gibt, die sie ablehnen: zunehmende sexuelle Freizügigkeit, die Legalisierung von Abtreibungen oder die Emanzipationsbestrebungen von Homosexuellen.
Dennoch gilt lange das Ideal der „Silent Church“, der schweigenden Kirche, die betet und lediglich beobachtet. Der Lauf der Dinge gilt als Teil des göttlichen heilsgeschichtlichen Plans.
Die Zeit des Schweigens endet mit der Gründung der rechtsreligiösen Organisation "Moral Majority" durch den Baptisten-Pater Jerry Falwell im Jahr 1979. Mit dem Satz „The days of the silent church are over“ ruft der Fernsehprediger die evangelikalen Christen auf, sich politisch einzumischen. Seine Begründung: All das, was im Land passiert – Kriminalität, Liberalisierung, Emanzipation, etc. – ist gegen den Willen Gottes. Wenn Christen nichts dagegen tun, machen sie sich mitschuldig.
Das ist der Ausgangspunkt für die politische Mobilisierung der evangelikal-fundamentalistischen Kreise im Sinne einer rechtskonservativen Agenda: gegen Abtreibung, gegen Homosexualität, gegen Feminismus – und für die republikanische Partei.
Zugleich betont die christlich-rechtskonservative Bewegung schon zu dieser Zeit stark das Nationale – das ist der Ausgangspunkt für den christlichen Nationalismus, der sich ab 2000 entfaltet. Die Verknüpfung von Christentum und Nation ist allerdings nicht neu in der US-amerikanischen Geschichte, sie ist historisch eng verbunden mit dem Selbstverständnis der USA als auserwählte Nation.
Das auserwählte Volk Gottes
Die Ursprünge des christlichen Nationalismus in den USA lassen sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Die puritanischen Einwanderer sahen sich als die Nachfolger der Israeliten, als Gottes neues Bundesvolk. Zugleich sahen sie in Amerika die Möglichkeit, eine ideale christliche Gemeinschaft gründen zu können. Aber aus der Überzeugung, auserwählt zu sein, eine neue ideale christliche Gesellschaft zu gestalten, erwächst für sie zugleich die Pflicht, nicht zu scheitern. Sonst wäre die gesamte Christenheit endgültig gescheitert, so die Idee.
Zu diesem Verständnis gehört auch, dass sich die neue christliche Gesellschaft nur verwirklichen lässt, wenn alle ihre Mitglieder ein frommes und gottesfürchtiges Leben führen. Die ständige Sorge vor dem Scheitern wird damit in den ersten Auswanderergenerationen zum Ausgangspunkt von Illiberalität, Intoleranz und sogar Gewalt. Tendenzen, die sich im heutigen Amerika wieder bei den rechtskonservativen Evangelikalen und christlichen Nationalisten zeigen.
Christlicher Nationalismus: Angekommen in der Schaltzentrale der Macht
Derzeit steht keine Gruppe in den USA so klar im rechtskonservativen Lager wie die Evangelikalen. Rund 22 Prozent der US-Bevölkerung gelten als Evangelikale, von ihnen haben bei den vergangenen Wahlen rund 75 Prozent für Donald Trump gestimmt. Von den weißen Evangelikalen waren es sogar rund 83 Prozent.
Besonders laut und sichtbar innerhalb der rechtskonservativen Evangelikalen sind dabei inzwischen die christlichen Nationalisten. Sie sind davon überzeugt, dass die USA als christliche Nation gegründet worden seien und damit auch dementsprechend regiert werden müssen. Dabei wird auch an das Selbstverständnis angeknüpft, eine auserwählte Nation zu sein, die sich im Bündnis mit Gott befindet.
Die christlichen Nationalisten verfolgen laut dem US-Soziologen Philip Gorski den Plan, den Staat zu übernehmen. Dazu versuchen sie Schlüsselstellen in Politik, Verwaltung, Kultur und Bildung mit Gefolgsleuten zu besetzen und die Institutionen unter ihre Kontrolle zu bringen.
Nachzulesen ist das unter anderem beim „Project 2025“, dem politischen Masterplan rechtsreligiöser Think Tanks wie der Heritage Foundation zum Umbau des Staates und dessen struktureller Abwicklung. Viele Maßnahmen, die Trump mit Beginn seiner zweiten Amtszeit anordnete, decken sich auffällig mit Punkten aus dem Fahrplan von „Project 2025“.
Trumps Verhältnis zum christlichen Nationalismus ist unklar. Fest steht jedoch: Unter ihm haben die christlichen Nationalisten in der republikanischen Partei und der Regierung eine einflussreiche Rolle übernommen.
Online-Text: Wulf Wilde


















