Lebensschutz-Bewegung
Wie radikale Christen versuchen, politisch Einfluss zu nehmen

Pro-Choice oder Pro-Life - in den USA ist das längst ein Kulturkampfthema. In Deutschland versuchen Abtreibungsgegner ebenfalls vermehrt, Politik zu beeinflussen. Und auch hierzulande geht es der Lebensschutz-Bewegung um mehr als nur um Abtreibung.

Von Sinje Stadtlich |
    Demonstration "Marsch fuer das Leben" gegen Schwangerschaftsabbrueche am Samstag (21.09.2023) im Zentrum Berlins. Demo-Teilnehmer halten ein Schild mit der Aufschrift "Jesus Christus Der Weg Die Wahrheit Das Leben" hoch.
    Abtreibung ist nur ein Thema der Lebensschutz-Bewegung - sie sind auch gegen sexuelle Selbstbestimmung, LGBTQ-Rechte und sogar Verhütung oder Scheidung (picture alliance / epd-bild / Rolf Zöllner )
    Sie halten Mahnwachen vor Abtreibungskliniken, beten für Frauen, die auf dem Weg zu einer Beratung sind, und feiern sich dafür, Tausende Leben gerettet zu haben - für die selbsternannten „Lebensschützer“ ist die Welt oft ganz einfach: Abtreibungen müssen verhindert werden. Welche Gründe eine Frau möglicherweise für einen Abbruch hat, ist für sie zweitrangig.
    So kämpfen verschiedene Lobbygruppen in Deutschland dafür, dass Abtreibung auch in Zukunft rechtswidrig bleibt. Dabei sind sie untereinander und auch international gut vernetzt. Das Ziel dieser Bewegung ist es, gesellschaftspolitische Fortschritte in verschiedenen Bereichen rückgängig zu machen.

    Inhalt

    Wer ist die Lebensschutz-Bewegung?

    In den Medien heißen sie oft „Abtreibungsgegner“, sie selbst bezeichnen sich lieber als „Lebensschützer“: In Deutschland sind verschiedene Organisationen aktiv, die sich öffentlichkeitswirksam gegen Abtreibungen aussprechen. Die größte von ihnen ist der Verein ALfA („Aktion Lebensrecht für alle“) mit Sitz in Augsburg und etwa 11.000 Mitgliedern.
    Weitere Organisationen in der Bewegung sind zum Beispiel die „Christdemokraten für das Leben“ oder die „Stiftung Ja zum Leben“. Ihr Dachverband, der „Bundesverband Lebensrecht“, organisiert einmal im Jahr eine große Demonstration, den „Marsch für das Leben“.
    Natürlich ist diese Bewegung kein homogenes Gebilde, aber viele der Akteure haben einen christlichen Hintergrund. In ihrem Weltbild ist eine Abtreibung in erster Linie die Tötung eines menschlichen Lebens, die es um jeden Preis zu verhindern gilt.
    Die Gruppen betonen oft, dass es ihnen generell um den Schutz menschlichen Lebens ginge, nicht nur vor der Geburt, sondern auch am Lebensende. So setzen sich viele von ihnen auch gegen Sterbehilfe ein. Die Bewegung ist gut vernetzt, auch Politiker und einflussreiche Akteure aus den Kirchen gehören dazu.

    International vernetzt mit viel Geld für Anti-Gender-Lobbying

    Außerdem arbeitet die Lebensschutz-Bewegung als internationales Netzwerk. So treten etwa beim „Marsch für das Leben“ regelmäßig auch Aktivisten etwa aus Frankreich oder den USA auf. Viele US-Organisationen haben Ableger in Deutschland, wie etwa „40 Days For Life“. Als „40 Tage für das Leben“ kopieren die deutschen Mitglieder die Aktionen der US-Vorbilder. Sie beten zweimal im Jahr jeweils vierzig Tage lang vor Beratungsstellen von ProFamilia. Die Online-Plattform „CitizenGo“ mit Sitz in Spanien startet Kampagnen unter anderem gegen Abtreibungen, auch in Deutschland.
    Neil Datta, Geschäftsführer des „European Parliamentary Forum on Sexual and Reproductive Rights“, hat die internationale Vernetzung und die Geldflüsse innerhalb der Bewegung analysiert. Zwischen 2019 und 2023 seien in Europa knapp 1,2 Milliarden US-Dollar für „Anti-Gender“-Lobbyarbeit ausgegeben worden, etwa ein Zehntel des Geldes kam aus den USA.

    Anti-Abtreibung als Teil einer erzkonservativen Agenda

    Viele der Organisationen setzen neben Abtreibung regelmäßig auch andere Themen rund um Leben und Tod auf die Tagesordnung, etwa Leihmutterschaft, Reproduktionsmedizin oder Organspende. Der Forscher Neil Datta betont, dass es ein Trugschluss wäre anzunehmen, der Bewegung ginge es „nur“ um Abtreibung. Vielmehr sei Abtreibung oft eingebettet in eine insgesamt gesellschaftspolitisch erzkonservative Agenda.
    Akteure der Lebensschutz-Bewegung setzen sich gegen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ein, gegen LGBTQ-Rechte, sogar Verhütung oder Scheidung stehen laut Datta zur Disposition. Dabei hätten die Aktivisten die „Vision einer neuen Gesellschaft“, auch wenn diese Vision in einigen Bereichen eher an längst vergangene Zeiten erinnert.

    „Lebensschützer“ wollen politisch Einfluss nehmen

    Wie groß der politische Einfluss der "Lebensschützer" in Deutschland tatsächlich ist, lässt sich schwer messen. Klar ist, dass die Organisationen den Anspruch erheben, Politik in Deutschland mitzugestalten. Sie adressieren die Öffentlichkeit mit Veranstaltungen, Flyern, Plakaten und selbstverständlich in den Sozialen Medien. Sie gehen in Schulen, auf Markplätze und in den Bundestag.
    Im Mai 2024 sprach Tomislav Čunović als „Sachverständiger“ bei einer Anhörung im Ausschuss zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Er ist Geschäftsführer von „40 Days For Life“ – der Organisation, die Mahnwachen vor Beratungsstellen organisiert - und damit laut ProFamilia Frauen belästigt und die Beratung stört. In den Bundestag eingeladen hatte ihn die AfD.
    Alexandra Linder vom „Bundesverband Lebensrecht“ sagt selbst, ihr Verband sei heute „deutlich einflussreicher als noch vor zwanzig Jahren“, weil man mittlerweile „sehr solide Fachexpertise“ aufgebaut habe, die auch Politiker anhören würden. Zu einschlägigen Gesetzesvorhaben wie etwa zu einer möglichen Liberalisierung des Abtreibungsrechts oder zu einer EU-Initiative zur Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen gab es von den "Lebensschützern" in der Vergangenheit umfangreiche Kampagnen.

    Lebensschutz-Bewegung gegen Wahl von Verfassungsrichterin

    Besonders eindrücklich ließ sich diese Einflussnahme auf die deutsche Politik bei der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht beobachten. Vor Brosius-Gersdorfs Rückzug hatten verschiedene Lebensschutz-Organisationen Protestbriefe an Bundestagsabgeordnete vor allem von CDU und CSU geschrieben und Demonstrationen organisiert.
    Die Stiftung „CitizenGo“ hatte mit der Petition „Keine radikale Lebensfeindin ins Bundesverfassungsgericht“ nach eigenen Angaben knapp 150.000 Unterschriften gesammelt. Auch in Sozialen Medien wurde Stimmung gemacht, zum Teil mit überspitzten oder sogar falschen Aussagen, so etwa von der AfD-Politikerin Beatrix von Storch oder von der ALfA-Jugend-Organisation „Jugend für das Leben“.
    Auch wenn Alexandra Linder vom BVL sagt, man habe „keine Kampagne geführt“, sehen Beobachter das zum Teil anders. Die Theologin Kristin Merle von der Universität Hamburg sagt, im Fall Brosius-Gersdorf habe man eine Vorahnung davon bekommen, was passieren kann, „wenn Vernetzungen und Aktivismus auf eine bestimmte Art und Weise zusammenkommen“ mit einer „Orientierungslosigkeit im politischen Tagesgeschäft.“

    Polarisierung zwischen Pro-Choice- und Pro-Life-Lager nimmt zu

    In den USA ist die Auseinandersetzung zwischen dem Pro-Choice- und dem Pro-Life-Lager schon längst in einen umfassenden Kulturkampf ausgeartet. Wer Pro-Life ist, ist oft auch gegen Transgender-Rechte, gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und für Donald Trump. Die gesellschaftlichen Konfliktlinien sind noch viel stärker als in Deutschland religiös aufgeladen.
    Doch auch in Deutschland lässt sich eine zunehmend stärkere Polarisierung der Lager beobachten. Mit dem Aufstieg der AfD sind rechtskonservative und zum Teil sogar rechtsextreme Einstellungen salonfähig geworden. Und gerade in der AfD hat die Lebensschutz-Bewegung einen einflussreichen Partner in der Politik gefunden, der ihre Positionen in die Öffentlichkeit und in die Parlamente trägt.
    Auch wenn einige der Akteure an der Basis sicher aus einer tiefen religiösen Überzeugung heraus agieren, in dem Glauben, sie müssten das ungeborene Leben schützen – die Verbindungen der "Lebensschützer" in rechte Kreise zeigen, dass es mehr und mehr auch darum geht, liberale Werte in Frage zu stellen und eine gesellschaftspolitisch konservative Agenda durchzusetzen.

    Wie die Katholische Kirche zur Lebensschutz-Bewegung steht

    Insbesondere die katholische Kirche teilt viele der Anliegen der Lebensschutz-Bewegung. Sie lehnt Schwangerschaftsabbrüche ab, weil aus ihrer Sicht das menschliche Leben mit der Empfängnis beginnt. Immer wieder schicken etwa katholische Bischöfe Grußworte für den „Marsch für das Leben“ oder nehmen sogar an der Veranstaltung teil, auf der sich regelmäßig Politiker und Politikerinnen der AfD und auch Rechtsextreme zeigen.
    Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, verteidigt ihre Teilnahme: Sich für den Lebensschutz einzusetzen, stehe der Kirche zu. Es sei nicht richtig, sich etwa aus dem „Marsch für das Leben“ zurückzuziehen, nur weil die AfD mitmarschiere.
    Im vergangenen Jahr hatte die Bischofskonferenz in einem Grußwort gemahnt, der Lebensschutz dürfe nicht „verzweckt“ werden, auch nicht für „nationalistische oder gar völkische Interessen.“ Ob das als Distanzierung ausreicht, bleibt umstritten.