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Trumps Reaktion auf Attentat in Orlando
"So gewinnt man keine Präsidentenwahl"

Donald Trump hat auf Twitter sehr schnell auf das Attentat mit 50 Toten auf einen Club in Orlando reagiert und erneut ein Einreiseverbot für Muslime gefordert. Diese Botschaft komme bei einer Mehrheit der Bevölkerung nicht gut an, sagte der US-amerikanische Politologe Crister Garrett im DLF. Um die Präsidentschaftswahl zu gewinnen, müsse Trump einen Mittelweg finden.

Crister Garrett im Gespräch mit Peter Kapern | 13.06.2016
    Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Indiana Anfang Mai 2016.
    Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Indiana Anfang Mai 2016. (picture alliance / dpa / Tannen Maury)
    Garrett betonte, die Menschen lehnten plumpen Hass ab. "So gewinnt man keine Präsidentenwahl." Er denke, dass Donald Trump auf Dauer zurückrudern müsse, "weil seine Botschaft ganz klar von Hass geprägt ist." Der Professor für American Studies an der Universität Leipzig sagte mit Blick auf die Debatte über eine Verschärfung des Waffengesetzes: "Ich erwarte ehrlich gesagt nichts Großes." Das Land ringe seit 30 Jahren mit dem Thema.

    Das Interview in voller Länge:
    Peter Kapern: War es ein Hass auf Schwule, oder hatte er den Auftrag, islamistischen Terror in den USA zu verbreiten? Die Polizei in Orlando in Florida sucht nach den Motiven des Mannes, der gestern 50 Menschen erschossen hat. Und das Massaker prägt mittlerweile auch die politische Debatte in den USA.
    In Leipzig am Telefon der amerikanische Politikwissenschaftler Crister Garrett. Guten Morgen, Mr. Garrett.
    Crister Garrett: Guten Morgen, Herr Kapern.
    Kapern: Mr. Garrett, was hören Sie von Ihren Verwandten und Bekannten in den USA? Wie reagieren die auf die Ereignisse von Orlando? Ist das einfach nur eine weitere Bluttat, von denen wir so viele in den letzten Monaten und Jahren erlebt haben, oder fällt dieses Massaker aus dem Rahmen?
    Garrett: Jedes Massaker in diesem Sinne ist was ganz Besonderes und erschreckend und zieht die ganze Aufmerksamkeit der Nation auf diesen Ort, sei es San Bernardino oder heute Morgen Orlando in Florida an der Ostküste. Das Ausmaß ist natürlich geschichtsprägend. Nie wurde so eine Bluttat in den USA erlebt, was Waffengewalt betrifft. Und natürlich dann Spekulationen über Motive und Religion und Unsicherheit. Das alles hat natürlich seine ganz einzigartige Qualität.
    "Das Land ist im Kampf mit sich selbst zu diesem Thema seit mehr als 30 Jahren"
    Kapern: Solche Bluttaten sind nur möglich, wenn Täter an die Waffen kommen, die solch einen verheerenden Schaden anrichten können. Wir haben schon bei verschiedenen Morden, Massenmorden über die amerikanischen Waffengesetze gesprochen hier im Deutschlandfunk und immer wieder haben Sie uns erklärt, dass die Amerikaner nicht bereit sind, da substanzielle Änderungen vorzunehmen. Meinen Sie, das gilt auch nach dem Massaker von Orlando?
    Garrett: Das müssen wir abwarten. Natürlich haben wir mehrmals erlebt, wie Kinder erschossen worden sind, junge Menschen, sei es im Nordosten der USA, im Westen der USA, im Süden und jetzt im Osten noch einmal. Da kommen die Aussagen dazu von Präsident Obama und anderen. Das bewegt, aber es prägt nicht maßgeblich. Das ist die Erfahrung bisher. Nun müssen wir natürlich abwarten.
    Insgesamt ist eine Mehrheit der Bevölkerung, wenn wir so wollen, für eine Verschärfung der Waffengesetze, aber wie so oft mit solchen Gesetzen: Es kommt auf die Einzelheiten an und die Mehrheiten im Kongress und in den Bundesländern. Jedes Bundesland hat seine eigenen Gesetze dazu. In Florida lernen wir zurzeit, welche Gesetze Florida dazu hat. Es war offensichtlich nicht so schwierig für diesen Mann, an Maschinengewehre zu kommen und Handpistolen. Aber das ist nicht einmalig in Florida und so werden wir erleben, was sich tatsächlich ändert. Ich erwarte, ehrlich gesagt, nichts Großes. Das Land ist im Kampf mit sich selbst zu diesem Thema seit mehr als 30 Jahren.
    "Trump muss eine neue Mitte für sich finden"
    Kapern: Donald Trump, der republikanische Präsidentschaftskandidat, hat Präsident Barack Obama und seiner Konkurrentin um das Präsidentschaftsamt, Hillary Clinton, gleichermaßen zum Rücktritt aufgefordert, weil sie nicht ausdrücklich von islamistischem Terror sprechen im Zusammenhang mit der Tat von Orlando. Wie bewerten Sie das?
    Garrett: Natürlich versucht Donald Trump jetzt, seine Unterstützer zu konsolidieren, und da spielt Verantwortung im Sinne von vorsichtig mit den Fakten sein keine große Rolle bei Donald Trump. Das erleben wir immer wieder. Er hat sehr schnell getwittert, er fühlt sich bestätigt, und diese Botschaft kommt bei Hillary-Anhängern natürlich nicht an, oder sogar bei unabhängigen Wählern nicht an, aber bei seiner Anhängerschaft an. Die fühlen sich bestätigt.
    Das war der erste Zweck und natürlich versucht er dann, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was Medienzüge betrifft. Das ist auch in diesem Sinne erfolgreich. Gemäßigte, ausgewogene Botschaften vom Präsidenten oder von Hillary Clinton haben Statur und sind fair, aber die haben weniger mediale Resonanz, und genau mit diesen Themen müssen wir umgehen können und ich denke, Donald Trump wird auf Dauer hier zurückrudern. Muss er auch, weil seine Botschaft ganz klar von Hass geprägt ist, und in der Partei, in seiner eigenen Partei sorgt das für sehr, sehr große Brisanz. Um zu gewinnen, muss er irgendwie eine neue Mitte für sich finden.
    Unwahrscheinlicher Wahlsieg mit plumpen Hass-Parolen
    Kapern: Das heißt, Sie gehen nicht davon aus, dass dieser harte Kurs, den Donald Trump in den ersten Stunden nach dem Massaker von Orlando gezeigt hat, ihm neuen Zulauf bringt?
    Garrett: Das kann natürlich sein. Einige Wähler, das kann niemand ausschließen. Aber seine Botschaft ist wirklich, Muslime nicht ins Land zu erlauben, und das ist eine Botschaft, die bei einer ganz klaren Mehrheit der Wähler nicht gut ankommt, was religiöse Freiheit betrifft. Da gibt es einfach eine Ablehnung von Hass, von plumpem brutalem Hass, wenn man so will. So gewinnt man keine Präsidentenwahl und wenn er diesen Kurs weiterfährt, wird er noch einmal seine Anhängerschaft konsolidieren, vielleicht dazugewinnen, aber er wird auch gleichzeitig - das ist die ganze Rechnung - viele Leute abstoßen. Das ist die große Gefahr für ihn, geschweige für die republikanische Partei.
    Kapern: ... sagt der Politikwissenschaftler Crister Garrett. Herr Garrett, vielen Dank für das Gespräch, danke, dass Sie Zeit für uns hatten. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.
    Garrett: Sehr gerne. Ihnen auch!
    Kapern: Auf Wiederhören!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.